: „DaswarimmermeinTraum“
Sie ist Lesepatin, forscht nach vergessenen Schriftstellerinnen und betreibt im havelländischen Stölln ein Antiquariat. Bücher sind die Leidenschaft von Ilona Dahlmann – und die Geschichten, die zwischen den Seiten verborgen sind
Interview von Gunnar Leue (Text) und Gordon Welters (Foto)
taz: Frau Dahlmann, Ihr Antiquariat hat eine ungewöhnliche Lage. Es ist ein Anbau an Ihrem Haus in einer Einfamilienhausstraße in der brandenburger Provinz, die zu einem Flugzeugmuseum an einem Feldrand führt. Keine klassische Bücherkäufergegend.
Ilona Dahlmann: Nein, auf den ersten Blick nicht. Ich bin oft auch erst einmal nur Plan B, wenn das Flugzeugmuseum geschlossen hat. Also jeden Montag und in den Wintermonaten. Hier steht ein ausgemustertes Passagierflugzeug, eine IL-62 der DDR-Interflug. Sie wurde 1989 mit 4 Mann Besatzung von Schönefeld nach Stölln überführt. Eine Landung, die auf einer Grasfläche stattfand und nun im Guinnessbuch der Rekorde steht. Stölln war flughistorisch aber schon vorher bekannt. Otto Lilienthal absolvierte hier vor 130 Jahren seinen ersten gelungenen Flug. Deshalb kommen oft Leute hierher. Dass sie bei mir reinschauen, ist zunächst eher Zufall.
taz: Früher war das aber gar kein Buchladen?
Dahlmann: Nein. Ich hatte mit einer Geschenkboutique angefangen. Hier stand nun das Museumsflugzeug, und ich musste feststellen, dass meist Besucherinnen gelangweilt auf Ihren Partner warteten, weil Flugzeuge und Technik sie nicht sonderlich interessierten. Ich dachte mir: Da muss man etwas tun, und so entstand meine Boutique. Es gab hier Reiseandenken, Spielsachen, Schwippbögen aus dem Erzgebirge. Später kam auch noch Gastronomie dazu.
taz: Und irgendwann die Bücher?
Dahlmann: Ja, vor ungefähr 20 Jahren. Bei unserer Schulung zur Selbstständigkeit durch die Industrie- und Handelskammer sagten sie: „Ihr müsst etwas machen, was kein anderer macht.“ Ich habe Bücher ja schon immer geliebt. Das war immer mein Traum. Aber ich dachte: Den Laden kriegst du nie voll.
taz: Offenbar haben Sie sich geirrt.
Dahlmann: Ja. Der Laden war schnell mit Büchern gefüllt und, durch Mundpropaganda wurde ich langsam bekannt. Die Menschen kommen eigentlich wegen Lilienthal und weil sie das große DDR-Flugzeug sehen wollen. Aber wenn es ihnen bei mir gefallen hat, kommen sie oft wieder.
taz: Das klingt eher nach Zufallsbesuchern als nach klassischen Büchernerds.
Dahlmann: Ja, viele Menschen kommen zunächst zufällig. Eine Begegnung ist mir besonders im Herzen geblieben. Es war Mischka, der mit dem Fahrrad bei mir strandete. Ein junger Mann mit russisch-finnischen Wurzeln, der in Paris lebt. Er war auf einer Europaradtour ohne Geld unterwegs. Er erzählte, dass es in Polen besonders schwierig gewesen sei, wenn er seinen Namen nannte. Ich schenkte ihm zum Abschied ein DDR-Sandmännchen. Das ist für alle sichtbar, auf seinem Gepäckträger mitgefahren. Er sagte später, dass der Sandmann dann sehr hilfreich war und die Menschen ihn mit Wasser und auch mit Speisen gern versorgten. Das Sandmännchen steht jetzt in Paris in seinem Bücherregal und heißt Ilonoschka. Wir sind über Social Media weiterhin verbunden.
taz: Etliche Kunden kommen inzwischen auch gezielt zu Ihnen?
Dahlmann: Ja, die meisten kamen anfangs aus der näheren Umgebung und kommen nun aber auch aus ganz Deutschland. Viele holen ihre Bücher persönlich ab, die sie bestellten. Das Internet macht es möglich, dass sich Menschen finden. Dort zeige ich meiner Interessengemeinschaft, was ich neu reingekriegt habe.
taz: Wie finden Menschen zu Ihnen, die noch nie hier waren?
Dahlmann: Durch Empfehlungen und einige Berichte im Internet ist mein Antiquariat bekannter geworden. Und bei Social Media hab ich eine eingeschworene Bücherfamilie um mich geschart. Leidenschaftliche Leser und Sammler. Jeder bringt Erfahrungen und Erkenntnisse ein. Da findet eine herzerfrischende Unterhaltung statt. Vor allen Dingen herrscht ein sehr respektvoller Umgang untereinander.
taz: Ist das eine Art erweiterter Online-Lesekreis?
Dahlmann: So kann man das sagen. Wenn jemand ein Buch ausgelesen hat, erzählt er etwas über die Autorin oder den Autor und wie ihm das Buch gefallen hat. Andere zeigen ihre Funde vom Flohmarkt – die Bücher sind ja nicht alle bei mir gekauft worden – und geben Bücherempfehlungen. Es geht auch darum, den eigenen Bestand zu verbessern, indem man zerschlissene Ausgaben gegen besser erhaltene Exemplare austauscht. Wobei ich finde, zerschlissene Bücher sind oft die Besten.
taz: Was meinen Sie damit?
Dahlmann: Man erkennt, dass sie viel gelesen und trotzdem nicht weggeworfen wurden. In gewisser Hinsicht erzählen diese Bücher nicht nur eine Geschichte, die auf dem Titel steht. Sie erzählen von ihren Vorbesitzern. Widmungen oder kleine Zettelchen der Buchhändler zeigen, woher das Buch kam, wo es einmal gekauft wurde und wem es gehörte. Allein meine Sammlung an gefundenen Lesezeichen spricht Bände.
taz: Woher bekommen Sie Ihre Bücher eigentlich?
Dahlmann: Ich weiß manchmal selbst nicht, woher. Die Leute stellen die Kisten vor die Tür oder schicken sie mir zu. Es fällt aber auch viel an, wenn die Leute im ländlichen Bereich irgendwann ihre Häuser aufgeben, weil sie sich verkleinern. Manche haben Bibliotheken, davon träumt man. Eine Dachbodenräumung eines Lehrerhaushaltes hat viel Heimatkundliches zum Vorschein gebracht und einen Querschnitt von drei Generationen Schulgeschichte. Manchmal bekomme ich auch Pakete, auf denen kein Absender steht. Später rufen die Leute an und sagen: „Frau Dahlmann, wir hatten Angst, Sie schicken uns das zurück. Wir bitten um Rettung unserer Bücher.“
taz: Sie nennen sich selbst Bücherretterin mit Herz.
Dahlmann: Diesen Namen haben mir andere Menschen gegeben. Man nennt mich auch die Bücherfee oder die „Sodann des Havellandes“.
taz: Wegen Peter Sodann, dem verstorbenen Schauspieler, der nach der Wende viele DDR-Bücher vor der Entsorgung bewahrt hatte?
Dahlmann: Ja, genau. Ich kannte ihn nicht persönlich. Aber ich erinnere mich an seinen Slogan: „Das Wissen des Ostens in den Bananenkisten des Westens.“ Ich muss zugeben, er hat mich geprägt und beeindruckt. Ich finde wie viele Menschen, dass Bücher nicht in die Tonne gehören. Es geht ja auch nicht nur um Bücher von DDR-Autoren, die Bandbreite ist unerschöpflich und ich rette, was ich retten kann. Das hat nichts mit irgendeiner Ostalgie zu tun.
taz: Sie forschen außerdem gemeinsam mit zwei Frauen nach vergessenen Schriftstellerinnen. Wie kam es dazu?
Dahlmann: Wir haben einen Blog, in dem es um Frauenliteratur geht. Frauen lesen schon immer etwas anders als Männer. Sie suchen und lesen teilweise andere Autoren. Von außen kam irgendwann der Impuls: Weißt du überhaupt, dass Autorinnen oft vergessen werden? Dass sie in Lexika einfach ausgelassen werden? Viele Lebensläufe und Lebensdaten sind über die Jahre verschwunden. Und jetzt tauchen bei mir Bücher von Autorinnen auf, über die wir kaum noch etwas wissen. Deshalb forschen wir nach. Wenn Lebensdaten existieren, klärt sich das manchmal auf. Manchmal findet man aber überhaupt nichts. Dann müssen wir das traurig einsehen, veröffentlichen aber trotzdem den Namen und Buchtitel der Autorin. Es kann ja sein, dass sich diese Lücken doch noch einmal füllen lassen.
taz: Wer ist „wir“?
Dahlmann: Wir sind drei Frauen aus Berlin, Ostfriesland und dem Havelland. Wir haben uns bei Social Media kennengelernt, in einer Literaturgruppe. Da erfuhr ich erst, dass Autorinnen sehr häufig durch das Raster der Zeit fielen. Sie wurden oft nicht ernst genommen und als trivial abgetan. Lebensdaten verblassten oder fehlen gänzlich. Seitdem forschen wir nach biografischen Daten, und manchmal stellen wir fest, dass Frauen unter einem männlichen Pseudonym geschrieben haben. Die Bücher finde ich bei mir und dann liefere ich Leseproben der ersten Seiten und Fotos vom Buch. Wir veröffentlichen auf unserem Blog die Ergebnisse unserer Recherchen, bestenfalls mit einer Kurzbiografie der Autorin.
taz: Wie viele unbekannte Schriftstellerinnen haben Sie aus der Anonymität geholt?
Dahlmann: Weiß ich nicht, aber es werden fast täglich mehr. Wir machen das ja nicht professionell, wir finden jedoch, dass es gemacht werden muss. Diese Frauen werden durch unseren Blog überhaupt erst wieder sichtbar. Ein Beispiel wäre Käthe Papke, die 1916 aus Amerika nach Wernigerode kam und zu einer beliebten Heimatschriftstellerin mit Historiengeschichten wurde.
taz: Sie sind quasi zur Hobby-Literaturwissenschaftlerin geworden?
Dahlmann: Ja, erst zufällig und nun mit Leidenschaft. Wir wachsen an dem, was wir tun. Und es geht nicht nur um deutsche Schriftstellerinnen. Uns interessieren auch Frauen aus anderen Ländern und aus allen Zeiten.
Der Mensch
Ilona Dahlmann wurde im Havelland in Brandenburg geboren und betreibt dort in Stölln seit 2008 das Antiquariat Windlicht. Ihr beruflicher Weg begann in der DDR ganz in der Nähe, als Facharbeiterin für Nachrichtentechnik auf dem Fernmeldeturm Rhinow. Nach der Wende machte sie sich mit einer Geschenkboutique selbstständig. 2008 wurde daraus das Antiquariat. Ilona Dahlmann ist auch selbst literarisch aktiv und schreibt Geschichten und Gedichte übers Havelland. Außerdem engagiert sie sich als Lesepatin an der Grundschule in Rhinow und forscht gemeinsam mit zwei Freundinnen nach weithin vergessenen Schriftstellerinnen. Im Blog schriftstellerinnen.blogspot.com sind die Rechercheergebnisse veröffentlicht.
Der Ort
Stölln ist berühmt für seine Fliegergeschichten. Hier am Gollenberg unternahm der Flugpionier Otto Lilienthal vor über 130 Jahren seine ersten Flugversuche, weswegen der noch heute bestehende Flugplatz dort als „ältester Flugplatz der Welt“ bezeichnet, wird. Eine besondere Geschichte schrieben 1989 auch Flugzeugpiloten der DDR-Interflug: Sie brachten damals eine ausgemusterte IL-62 nach Stölln und landeten spektakulär auf einer Graspiste. Das Großraumflugzeug steht heute in Sichtweite des Antiquariats Windlicht, ist eine beliebte Besucherattraktion und dient sogar als Standesamt.
taz: Was finden Sie sonst noch in den Büchern?
Dahlmann: Das ist ein geliebter Nebeneffekt der Bücherrettung: Ich fand Familienfotos, Exlibris, Briefmarken, Postkarten, auch mal ein Scheidungsurteil, Liebesbriefe, Flaschenetiketten, Inflationsgeld, einmal sogar eine Billion Reichsmark. Alles, was man sich als Lesezeichen nur denken kann. Besonders bei alten Büchern gibt es diese tollen Exlibris, wundervolle grafische Kunstwerke hinter dem Buchdeckel, die zeigen mir so wunderschön, zu welcher Bibliothek ein Buch einmal gehört hat. Manchmal habe ich etwas mehr Zeit und recherchiere. Da war zum Beispiel eine Widmung, die aus Krakau kam und aus einem bestimmten Zeitraum stammte. Es war eindeutig ein jüdischer Name. Dann beginnt man zu forschen, weil man das Gefühl hat, es würde eine Hand aus dem Buch kommen und mich hineinziehen, um mir etwas zu erzählen.
taz: Da hilft dann wieder das Internet?
Dahlmann: Ja. Im November im vergangenen Jahr fand ich in einer Kiste, die viele Jahre auf einem Dachboden stand, ein über hundert Jahre altes Notenblatt mit dem „Nauener Telefunkenmarsch“. Weil ich gelernte Facharbeiterin für Nachrichtentechnik bin und Nauen sich bis heute Funkstadt nennt, hat mich das interessiert. Im Internet habe ich erfahren, das der Komponist Hermann Schiff ein jüdischer Bürger war, der in Nauen eine Musikalienhandlung hatte, Klavierunterricht gab und Märsche schrieb. Während der Pogromnacht 1938 wurde sein Laden zerstört. Er wurde deportiert und bei Riga in einem Wald erschossen. Ich habe mich dann über Facebook an die Gruppe „Funkstadt Nauen“ gewandt. So bekam ich eine Verbindung zu einem Mitglied des Stolperstein e.V. Falkensee. Dort war die Freude über meinen Fund riesig, weil der „Nauener Telefunkenmarsch“ als verschollen galt. Hermann Schiff war der erste Nauener Bürger, der einen Stolperstein bekam. Später wurde ich eingeladen, als der Verein Stolperstein sein 20-jähriges Bestehen feierte. Eine junge Frau am Keyboard hat zu dieser Veranstaltung den „Telefunkenmarsch“ wieder aufgeführt. Unglaublich. Hermann Schiff war auf einmal wieder anwesend und die Gäste lauschten ehrfürchtig. Solche Geschichten begegneten mir in Form von Büchern schon öfter.
taz: Sie schreiben selbst auch Geschichten. Seit wann?
Dahlmann: Eigentlich habe ich schon als Kind in der Schule angefangen. Im Kreiskulturhaus in Rathenow gab es in der DDR das „Fest der deutschen Sprache“, bei dem Gedichte rezitiert und eigene Texte vorgetragen wurden. Heute schreibe ich vor allem Gedichte.
taz: Worüber schreiben Sie?
Dahlmann: Ich mache am liebsten meine Alltagsgeschichten zu Gedichten. Aber auch das Havelland und alles was mir dort an liebsamen Dingen begegnet, mache ich zu Versen. Mein Gedicht vom „Kleinen Haus im Havelland“ hat mir zu meiner ersten Vernissage-Einladung verholfen. Eine befreundete Künstlerin brachte dieses alte Haus als Aquarell auf eine Leinwand, und ich durfte bei der Eröffnung vor diesem Bild stehen und mein Gedicht vortragen. Es war sehr ergreifend.
taz: Wie sind Sie auf dieses Haus gekommen?
Dahlmann: Ich habe es entdeckt, als ich vor Jahren mit meinem dementen Vater Autotouren durchs Havelland unternahm. Zwei oder drei Stunden fuhren wir durchs Havelland, manchmal zweimal in der Woche, bis zu seinem Tod. Ich habe stets aufgeschrieben, was wir gesehen und erlebt hatten. Damals dachte ich, vielleicht mache ich irgendwann mal ein familiäres Buch daraus. Aber ich habe die Geschichten dann meinen Freunden in der Facebook-Gruppe geschenkt.
taz: Sie sind außerdem Lesepatin an einer Grundschule?
Dahlmann: Ja, seit drei Jahren. Einmal wöchentlich bin ich dort. Ich habe in der ersten Klasse angefangen, da hatten wir sechs oder sieben Kinder, bis nur noch ein Kind meine Hilfe brauchte.
taz: Geht es darum, die Kinder für Literatur zu begeistern oder Kindern mit Leseschwierigkeiten zu helfen?
Dahlmann: Beides. Literatur ist für die Kinder ja in verschiedener Form allgegenwärtig, aber warum soll man ein Buch aufschlagen, wenn das Handy lockt. Das Lesenlernen geht von ganz allein, wenn die Bücher Geschichten enthalten, die die Kinder fesseln.
taz: Und wie sind Ihre Erfahrungen mit den Kindern?
Dahlmann: Wichtig ist, dass die Kinder von einer Geschichte fasziniert sind. Am Anfang habe ich viel vorgelesen, dann das Buch weitergegeben und die Kinder weiterlesen lassen. Natürlich Kinderbücher, aber ich nehme auch Bücher aus meinem Antiquariat mit, wenn ich etwas Interessantes finde. Und die Fortschritte der Kinder sind enorm.
taz: Was ist Ihr persönliches Lieblingsbuch?
Dahlmann: Oh, da gibt es viele. Ich lese Strittmatter für mein Leben gerne. Erwin, aber auch Eva Strittmatter. Ihre Lyrik ist einfach nur toll.
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