Darwin-Elektro-Oper in Dresden: Dampfende Erde

Das mysteriöse Elektropopduo The Knife hat in Dresden "Tomorrow, in a year", eine Oper über Charles Darwin, aufgeführt.

Szenenbild aus der Darwin-Oper. Bild: hotel pro forma/claudi thyrrestrup

Der Abend beginnt mit Kopfschmerzen. Dumpf monotones Bassrütteln erfüllt den Saal, als die Besucher hereinströmen. Junge Menschen, modisch auf dem neuesten Stand und gerne Englisch redend, versammeln sich im Festspielhaus des Dresdner Randbezirks Hellerau. Und ja, so ziemlich alle sind wohl wegen der schwedischen Band The Knife erschienen. Nur, dass das Geschwisterduo Karin Dreijer Andersson und Olof Dreijer gar kein Konzert gibt, sondern eine Oper namens "Tomorrow, in a year" aufführt. Keine herkömmliche mit herzzerreißenden Liebesoden, sondern eine über Darwins Theorien. "Darwin-Elektro-Oper" nennt sie das Programmheft. 150 Jahre ist es nun her, dass Darwin sein Buch "The Origin of Species" (Die Entstehung der Arten) veröffentlichte. Jetzt zelebriert die Popavantgarde die Evolution.

Den Anfang macht aber eine Sopranstimme. Ein Sopran auf eisigen Elektroklängen. Dazu schreitet eine blondgelockte Frau im roten Wollkleid entlang neongrün leuchtenden Mauersteinen an der Rampe und singt von den Spezies dieser Welt. Kurze Zitate aus den Briefen Darwins folgen. Sie zählen seine Beobachtungen bis ins kleinste Detail auf. Wasser umfließt Steine, Lava strömt Felsen herunter.

Zur Sopranistin gesellen sich sechs Tänzer der Performancekunstgruppe "Hotel Pro Forma", die bereits in New York und Sidney Bühnenbilder inszeniert haben und dazu tanzen. Im großen Festsaal des Dresdner Festivals der zeitgenössischen Musik sieht ein weißes Quadrat so aus, als könne es fliegen. Darin sitzt Charles Darwin im hellbraunen Anzug mit Strickjacke und macht sich Notizen. "Frame of mind, frame of mind", singt er immer wieder und bewundert all die Veränderungen, die um ihn und in den tausenden Jahren vor ihm passiert sind.

Auf einer durchsichtigen Videoleinwand schwappen Meereswellen, dann werden Tiermotive eingeblendet, wie man sie von Bürokalendern kennt. Schließlich flimmert eine leuchtende Laserschrift mitten in den Bühnenraum. Gedanken blitzen darin auf, über das menschliche Verhalten in der Entwicklungsgeschichte. Dazwischen tanzen Wesen wie Roboter mit Zuckungen und die Erde beginnt zu dampfen. Ein Bühnenboden voller Nebel, einer Wolke ähnlich, von der Darwin die Schwaden eimerweise abschöpft.

Allmählich wird die Musik poppiger. War die erste Hälfte von penetranten Grundtönen und hohem Operngesang geprägt, wird in der zweiten Hälfte die Klangsignatur von The Knife deutlich. Ein paar Beats, bei denen der Fuß mitwippt, kurze Melodien, die man auch mitsingen könnte, und ohrwurmhafte Wortwiederholungen. Die schwedische Band feierte mit Songs wie "Heartbeats" oder "Pass this on" Erfolge auf den Tanzflächen dieser Welt. Dabei scheuen die beiden Elektropopgeschwister die Medien, wie der Teufel das Weihwasser. Bei den raren Liveauftritten tragen sie grundsätzlich schnabeltierähnliche Masken. Zur Grammyverleihung in Stockholm schickten sie als Gorillas verkleidete Künstler, die den Preis in Empfang nahmen. Unter dem Alias Fever Ray hat Karin Dreijer Andersson dieses Jahr ihr Debütsoloalbum veröffentlicht, das das mysteriöse Spiel weitertreibt. Auch bei der Inszenierung ihrer eigenen Oper treten die Geschwister selbst nicht Erscheinung. Ihre Parts übernehmen ein schauspielernder Sänger und eine Sängerin.

Nicht nur deshalb sind die meisten Besucher nach der Vorstellung etwas ratlos. "Ich bin Fan von The Knife, aber was war das?", hört man in verschiedenen Ecken des Foyers. Es war eine Darwin-Elektro-Oper, bei der seine Gedanken von elektronischer Musik verfremdet wurden. Pop entwickelt sich, begleitet von Arien aus einer Monotonie - eine musikalische Evolution. Nicht weiter schlimm, dass es kein Konzert war, denn die Kopfschmerzen sind während des Spektakels verflogen.

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