Chile-Doku des ZDF am Rande der Fiktion: Wenn die Mine weint

Das ZDF zeigt die Rettung chilenischer Bergarbeiter und testet, wie viel Fiktion in eine Dokumentation passt: Schauspieler hauchen den drögen Interviews Leben ein.

Darf eine Doku das? Schauspieler stellen eine Szene im Schutzraum der verschütteten Mine nach. Bild: ZDF / Philip Guinet

Der Dienstagabend ist in diesem Sommer eine Gelegenheit. Wer will, kann sich da einen schnellen Überblick verschaffen über die Spannweite, über die Pole des dokumentarischen Filmschaffens. Da stehen sich zwei widerstreitende Modelle gegenüber.

In der ARD gibt es den "Dokumentarfilm im Ersten" - da wird mit viel Sendungsbewußtsein das positive Klischee vom künstlerisch wertvollen Dokumentarfilm benutzt und bedient. Das ZDF hingegen zeigt eine dreiteilige "Doku-Fiction-Reihe". Nicht dass an dem Zwitter aus Fakt und Fiktion irgendetwas neu wäre, überhaupt nicht. Neu ist aber das offensive Bekenntnis zu einem polarisierenden Begriff, den die Sender der ersten Reihe sonst eher meiden wie der Teufel das Weihwasser, indem sie ziemlich konsequent beinahe alles irgendwie Dokumentarische mit dem harmlosen Label "Dokumentation" versehen.

Denn "Doku-Fiction" - das stößt den Dokumentarfilm-Puristen übel auf, die da meinen, eine - partielle - Fiktionalisierung habe das Reale nicht zu verunreinigen. Wer freilich die vergangenen Jahrzehnte nicht komplett verpennt und seinen Baudrillard gelesen hat, der weiß längst: "Da keine Realität mehr möglich ist, sind auch keine Illusionen mehr möglich." Es gibt nur noch Halluzination von Realität, Hyperrealität, das Fernsehen ist eine Ersatzrealität geworden und wir können heute zwischen der medialen Repräsentation eines Ereignisses und dem Ereignis selbst nicht mehr unterscheiden - so weit Baudrillard.

Schnell wird es da weltanschaulich grundsätzlich und intellektuell anstrengend - dabei will der einfache Fernsehzuschauer doch weiter nichts, als über die Welt informiert und dabei auch noch gut unterhalten werden.

Großes menschliches Drama

Da käme es dann weniger auf das Grundsätzliche als vielmehr auf den konkreten Einzelfall an. Für den heutigen Abend hieße das: Im ARD-Dokumentarfilm haben in langen Interviews "Die Anwälte" (22.45 Uhr) der RAF Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler Gelegenheit zur Selbstdarstellung und werden dabei von der wohlmeinend behutsamen Dokumentarfilmerin Birgit Schulz nicht mit allzu konsequenten Nachfragen aus dem Konzept gebracht. Kein langweiliger, kein ganz schlechter Film - aber die "Doku-Fiction" von ZDF-Südamerika-Korrespondent Andreas Wunn ("An einem Tag in Chile", 20.15 Uhr) könnte ja besser sein.

Das Thema hat doch schon mal alles, es geht um die 33 vor einem Jahr in Chile verschütteten Bergleute. Großes menschliches Drama, aber mit Happy End, wie bei einem guten Hollywood-Spielfilm, das weiß der Zuschauer von Anfang an. Er kann sich noch erinnern, falls nicht, der Film fängt an mit der Freude der Geretteten und ihrer Angehörigen: "Es fällt mir sehr, sehr schwer, diese riesige Freude auszudrücken." Was man halt so sagt, in solchen Situationen, wenn man nicht wirklich was zu sagen weiß. Da kommt die "Fiction" in der Doku-Fiction ins Spiel, professionelle Schauspieler hauchen den drögen Interviews mit den filmischen Laien Leben ein, mit Drehbuchdialogen wie diesem, ein Bergmann hat gerade bedrohliche Geräusche vernommen und ahnt Böses, ein Kumpel klärt ihn auf:

"Keine Angst! Die Mine weint." "Sie weint? Was soll das heißen?" "Na wenn Steine herabfallen. Aber wenn du das irgendwo lauter hörst, dann - verschwinde von da! Wenn die Mine weint, kann sie töten."

Die südamerikanische Seele und ihr Hang zur Metaphorik soll sich hier wohl ausgedrückt finden - oder das, was die Filmemacher glauben, dass es deutsches Publikum zu diesem Thema erwartet. Der Film setzt ganz auf den Unterhaltungswert der großen Gefühle. Angerührt wird der Zuschauer am Ende sein, wird er auch informiert sein?

Wie man's nimmt. Er wird zwar wissen, dass der chilenische Bergbauminister während der Suche nach den Verschütteten "für alle Vorschläge offen" war - auch für Hellseherinnen und weiße Mäuse. Er wird aber nicht wissen, wie es eigentlich zu dem Unglück kommen konnte. Wie es, en détail, um die gesetzlichen und tatsächlichen Sicherheitsstandards in Chiles Bergwerken steht, im Vergleich etwa zu chinesischen oder deutschen Bergwerken. Aber das wäre dann vermutlich zu viel Doku in der "Doku-Fiction" gewesen.

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