Ausgehen und rumstehen von Stephanie Grimm

Drinnen ist es rappelvoll, draußen schüttet es

Endlich vorbei, dieses Silvester. Nun ist man schon ganz schön alt und hat trotzdem nicht die innere Reife, das komplett zu ignorieren. Was ja das Beste wäre, gar wenn man an Neujahr arbeiten muss. Dankenswerterweise lädt eine Freundin verlässlich ein, ohne Bohei. Man bringt was Leckeres mit und geht um Mitternacht kurz aufs Dach. Von oben sieht alles richtig gut aus, sogar die Neuköllner Umgebung. Man sieht schließlich nur die Pyrotechnik, die vertikal unterwegs ist, wie sich das gehört. Nur die Akustik verrät, dass unten Kriegszone ist. Leider musste ich, um hier hinzukommen, dort durch.

Neuerdings klappt es mit dem Taxi von Tür zu Tür ganz gut. Früher kriegte man die halbe Silvesternacht lang keins. Das liege an Uber, sagt der Taxifahrer. Ach so, ja; ohne Smartphone muss man sich mit so was ja eigentlich nicht beschäftigen. 16 statt 19 Euro würde die Strecke mit Uber kosten, erklärt er geflissentlich. Auf seinem Telefon führt er auch gleich vor, wie man das bucht. Warum? Offenbar für den pädagogischen Mehrwert, denn plötzlich kostet die Strecke mit Uber 35 Euro, nicht 16. Der Taxifahrer tut überrascht. „Schaunse mal, da hamse mit mir ’n richtiges Schnäppchen gemacht.“

Am Neujahrsabend geht es dann in die Volksbühne, auch wenn der Körper lieber liegen möchte. Doch zumindest solche Traditionen wollen gepflegt werden, und auch in Theaterstühlen lässt’s sich schön gammeln. Die Musik ist sowieso elegisch, das Neujahrskonzert wird diesmal bestritten von Stella Sommer von Die Heiterkeit und Jungstötter. Letzterer wird gerne mit Nick Cave verglichen, was bei den melancholischen, ums Pia­no herumgeschriebenen Songs nicht völlig abwegig erscheint.

Doch die Schlagseite ins Schwermütige balanciert er auf der Bühne mit einem Welpencharme aus, den sich Nick Cave in seinen Zwanzigern sicher nicht getraut hatte. Damals musste man einfach cool sein. So gesehen ist vielleicht doch nicht alles schlechter geworden. In seinen offenbar neuen, noch blitzblanken Stiefeln kann Alt­stötter nicht gut laufen, wegen der hohen Absätze passen seine Beine zudem nicht richtig unters Klavier. So stakst er auf der Bühne umher wie eine neugeborene Giraffe.

Neues Jahr, neue Orte. Ein Weile schon wollte ich ins Donau115, nie hat es gepasst. An diesem schluffigen Freitag schon. Das geht offenbar vielen so. Drinnen ist es rappelvoll, draußen schüttet es. Trotz der nassfeuchten Enge ist man freundlich und zivilisiert miteinander. Der Schlagzeuger Andi Haberl, sonst unter anderem mit The Notwist unterwegs, spielt in dem Micro-Club ein schön versponnenes Soloset. Zum zweiten Teil, den er mit Kalle Zeier vom Andromeda Mega Express Orchestra bestreitet, ist es dann so voll, dass nichts mehr geht. Plötzlich denkt man, dass dieses Fleckchen Boden direkt beim Schlagzeug ja auch ein Sitzplatz sein könnte. Ein irres Manöver, da hinzukommen, und außerdem haben diese Idee ein Handvoll Leute gleichzeitig. Es geht immer noch nett und zugewandt zu.

Doch jetzt darf niemand heftig ausatmen, damit Zeiers Notenblätter nicht runterfallen. Zudem kommen die Körperhaltungen zum Einsatz, mit denen man sich auch beim Yoga quält. Der Fersensitz etwa, ex­tra­fies in der Variante mit aufgestellten Zehen. Angenehmer ist da der Drehsitz, doch nach einer halben Stunde wär es dann mal Zeit für die andere Richtung.

Na, so muss man wenigstens nicht zum echten Yoga. Da ist um diese Jahreszeit erfahrungsgemäß noch voller – bis die guten Vorsätze hoffentlich bald wieder versanden. Hier dagegen gibt’s noch ein leckeres Gin Tonic obendrein. Als die Sammelbox für die Künstlergage herumgeht, mahnt die Frau von der Bar: „It’s the new year. Be generous.“