Bernhard Pötter
Wir retten die Welt

Ohne Wunder läuft hier gar nichts

Bald ist Weihnachten“, sagt meine Frau zu mir. „Schreib mal was mit Hoffnung!“ Nicht so einfach, wenn ich auf meine Themen sehe: Temperatur hoch, Artenvielfalt am Arsch, Meere dreckig, Wälder zu Kleinholz… Halt, halt: „Mit Hoffnung!“ lautet der Auftrag doch.

Grübeln. Was immer geht: „Es ist nicht alles ganz schlecht“. In Kattowitz geben sich die UN-Staaten ziemlich vernünftige Regeln im Klimaschutz; in Brüssel zwingt die Politik die Autolobby zu ihrem Glück und sauberen Fahrzeugen. Dann geht es ein bisschen dem Plastikmüll an den Kragen, und in Deutschland sinken tatsächlich die CO2-Emissionen.

Das ist mein Silberstreif am Horizont. Aber für Erfolge braucht es ein paar mittelschwere Wunder. Die Klimaversprechen müssten zum Beispiel irgendwie umgesetzt werden. Irgendjemand müsste dringend für eine bessere Agrarpolitik in der EU sorgen. Wir Deutschen sollten irgendwie von unserer Autosucht kuriert werden. Und irgendjemand sollte den weltweiten Finanzkapitalismus von innen grün anstreichen.

Das ist selbst in der Weihnachtszeit ein riesiger Haufen von glücklichen Zufällen. Da hilft es beim Hoffen, sich nicht allzu tiefgreifend mit den Fakten zu beschäftigen. Die Nichtentscheider in Politik und Wirtschaft gründen ja gern ihre Wahlprognosen und Aktienkurse auf a) Hoffen und b) Augen zu. Oder wie sonst kann man als Homo sapiens beim Klimaschutz vor Übereifer warnen? Doch nur, wenn man nicht begriffen hat, dass wir die weltweiten CO2-Emissionen in 12 Jahren HALBIEREN müssen, während sie bisher nur gestiegen sind.

Gründe zur Hoffnung? Bitte sehr: Zumindest für die Lösung der Klimakrise gibt es inzwischen a) die Technik (Ökostrom und Effizienz), b) das Geld (Billionen von Dollars warten auf grüne Anlagen) c) die Infrastruktur (Banken, Firmen, Vorbilder) und d) den politischen Rückhalt (fast überall auf der Welt betrachtet eine Mehrheit den Klimawandel als ernstes Problem, und in Deutschland will eine Mehrheit den CO2-Preis).

Brauchen wir also noch Wunder? Im Grunde ist es wie mit der künstlichen Intelligenz. Ehe ich die in meinem Kühlschrank sehen will, wäre mir mit ein wenig mehr natürlicher Intelligenz schon geholfen. Und ehe ich auf Wunder hoffe, was die Rettung der Welt angeht, sollte endlich passieren, was auch ohne übernatürliche Hilfe funktioniert. Zum Beispiel Regierungen, die einfach ihren Job machen: die Zukunft zu gestalten. Ein Wunder, ich weiß. Aber zu Weihnachten darf man sich ja was wünschen.