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Zu schön für diese Geschichte

■ Abenteuercomic als Prunkerzählung, Bilderfolge als Literaturtheorie: Mattotis und Zentners geschmackvoll gescheiterter Historienschinken „Caboto“

Südamerika 1526: Sebastiano Caboto, Kartograph, Kaufmann und Entdecker, fährt den Rio de la Plata hinauf. Ein historisch belegtes Ereignis und ein guter Stoff für einen Abenteuercomic. Doch was genau mit Cabotos Expedition geschieht, zu welchen Konflikten zwischen den Figuren es kommt, wird nur vage angedeutet. Dafür zitiert der Textautor Zentner ausführlich die Floskeln des Nouveau roman: Statt zu erzählen, thematisiert er die Erzählung. Wer sich ein Thema des Abenteuergenres auswählt, sollte nicht mit Literaturtheorie kommen.

Dann aber die Panels von Mattotti: Comicprunk. Kein Comicstrich, sondern üppige, farbige Pastellzeichnungen. Mattotti ist seit „Feuer“ berühmt für seinen aufwendigen Stil.

Er verdient sein Geld mit Modezeichnungen, bei diesem Aufwand könnte er von Comics nicht leben. Panels mit spanischen Karavellen sind zu sehen, die auf historischen Landkarten segeln und Walzeichnungen des 16. Jahrhunderts begegnen.

Mattotti liebt es, Feuer zu entfesseln, er zeichnet geradezu leuchtendes Licht. Und er beherrscht die Effekte der Seitengestaltung. Das Auge sieht beim Umschlagen zwei Seiten. Links oben der Bug einer Karavelle mit Soldaten, rechts unten auf der Doppelseite herumwirbelnde Indios. Dazwischen Panels der Annäherung und der Vernichtung. Mattotti zeigt Gewalt amoralisch, schön wie Sonnenuntergänge, nüchtern, wie ein Chronologe.

Beim Umschlagen der letzten Seite von Mattotti bleibt der Eindruck, den ein Vorwort hinterläßt. Doch statt der Ankündigung des zweiten Teils folgen 16 Seiten Nachwort. Zuviel Erklärung, zu wenig Erzählung. Martin Zeyn

Mattotti/Zentner: „Caboto“, Edition Kunst der Comics, Heroldsbach 1995, 39,80 DM

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