Anti-Psychatrie-bewegung: "Anstöße für eine neue Normalität"

Die Erben der Bremer Antipsychiatrie-Bewegung werden mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon ausgezeichnet. Ein Gespräch mit VertreterInnen der "Blauen Karawane" und des "Blaumeier-Ateliers" über Mauern in Köpfen, blau-blaue Unterschiede und Folgen der Anstaltsauflösung.

"Wüna" schwimmt mit der Blauen Karawane im Juli bis Berlin . Bild: ARCHIV

taz: Sie werden ausgezeichnet für Verdienste um den "sozialen Frieden". Können Sie sich damit denn identifizieren? Vor allem Blaumeier kämpft darum, primär als künstlerische Institution wahrgenommen zu werden.

Hellena Harttung: Das Blaumeier-Atelier ist ein Projekt mit unterschiedlichen künstlerischen Bereichen, das integrativ arbeitet: So genannte behinderte und nicht behinderte Menschen arbeiten künstlerisch zusammen und gehen mit Projekten, Performances und Ausstellungen an die Öffentlichkeit. Über die Kultur engagieren wir uns stark für das Zusammenleben verschiedenster Menschen. Insofern ist die Auszeichnung mit dem "Kultur- und Friedenspreis" für uns eine hohe Wertschätzung.

Klaus Pramann: Die Praxis psychiatrischer Verwahranstalten wurde als Krieg gegen psychisch Kranke bezeichnet. Sich dagegen zu wehren ist ein Akt des Friedens und der Kultur, insofern fühlen auch wir uns mit diesem Preis richtig wahrgenommen.

Mit der Verleihung im Bremer Rathaus schließt sich ein Kreis, denn hier wurde im Jahr 1980 die Auflösung der Anstalt Blankenburg beschlossen. Wie zufrieden sind Sie mit der seither eingetretenen Entwicklung?

Pramann: Nicht zufrieden. Man muss wissen, dass seit der Psychiatrie-Reform parallel zum Bettenabbau in psychiatrischen Kliniken mehr Menschen in Heimen untergebracht wurden als zuvor. Andererseits stimmt es, dass Alternativen denkbarer geworden sind. Vor 25 Jahren war es kaum möglich, mit Heim-Mitarbeitern kritisch über deren Einrichtungen zu diskutieren.

Harttung: Für mich klingt "Kreis" zu sehr nach Abschluss, die Gesellschaft ist immer noch auf dem Weg. Ich betrachte die Preisverleihung eher als erneutes Zusammentreffen, der damalige Gesundheitssenator Herbert Brückner wird ja auch sprechen. Im Übrigen würde ich schon sagen, dass sich seit den 80er Jahren gesellschaftlich sehr viel verändert hat, was unserer Arbeit zu Gute kommt - dass andererseits auch durch unsere Arbeit, mit der wir ja stark an die Öffentlichkeit gehen, befördert wurde. Heute sind "behinderte" und psychiatrisierte Menschen in Kunst und Kultur, Film und Fernsehen präsent.

Blankenburg ist bundesweit die einzige geschlossene Anstalt, die planmäßig aufgelöst wurde. Wobei vermutlich auch eine Rolle gespielt hat, dass ambulante Betreuung billiger ist als stationäre.

Pramann: Im Vergleich zu anderen Bundesländern haben wir in Bremen in der Tat die fortschrittlichste Psychiatrie-Situation. Wenn ich in Gefahr stünde, als Behandelter in die Klinik zu kommen hätte ich immerhin die Chance, relativ rasch wieder rauszukommen. Trotzdem ist es eine nicht zu Ende gebrachte Reform. Das Bremer Konzept der "gemeindenahen Psychiatrie", also der stadtteil-orientierten Versorgung, bedeutet: Man entgeht wohlmöglich der Klinik, nicht aber der Psychiatrisierung als solcher. Auch die "bessere" Psychiatrie hat sich als eine Eigenwelt neben dem Leben in der Stadt etabliert. Das Ziel muss meines Erachtens nicht die "gute" Psychiatrie sein, sondern weniger Psychiatrie.

Sie selbst sind Psychiater mit eigener Praxis und arbeiteten im Krankenhaus. Wie geht das?

Pramann: Es ist schwierig in einem System zu funktionieren, das man ablehnt und von dem man weiß: Hier kann ich nichts verändern. Wegen der 1985-er Karawane drohte man mit Disziplinarmaßnahmen bis hin zur Kündigung.

"Ausgangspunkt" Ihrer Arbeit als Karawane und Blaumeier waren 300 als "unheilbar" definierte Menschen mit einer durchschnittlichen Anstalts-Verweildauer von 17 Jahren.

Pramann: Man macht sich keinen Begriff davon, als wie aufrührerisch die Auflösung empfunden wurde. Allein schon die Eröffnung von gemischtgeschlechtlichen WGs galt als großer Schweinkram. Aber es ging und geht darum, Autonomie zu ermöglichen auch für die, die schwierig oder skurril sind und Menschen auch mit ihren Ängsten lebendig sein zu lassen.

Harttung: Für uns gab es von Anfang an nicht solche Schwierigkeiten, wir wurden mit unserer Kunst offen empfangen. Es gab immer wieder ein Erstaunen, dass wir es schaffen, eine Plattform für behinderte und nicht-behinderte Menschen und deren Kunst zu bieten: Bei uns gibt es keine Differenzierung zwischen "behindert" oder "nicht-behindert", die künstlerische Arbeit ist da komplett offen.

Herr Pramann, Sie kritisieren immer wieder das Wachsen "neuer Mauern" - die sogar mit Mitteln des Reformprogramms errichtet worden seien. Gehört dazu auch das Betreuungkonzept, das von der von Ihnen mit gegründeten Initiative zur Rehabilitation psychisch Kranker" heute praktiziert wird?

Pramann: Die ambulante häusliche Betreuung wurde Anfang der 80er von der Initiative "vorübergehend" übernommen, weil sich das die etablierten Träger zunächst nicht zutrauten. Ursprünglich sollte sich die Initiative auflösen, so bald diese Aufgabe wieder vom öffentlichen Dienst übernommen würde. Heute sehe ich die Initiative als einen Träger unter vielen, die anfänglichen Gegensätze haben sich im Lauf der Zeit verschliffen.

Nach der Schließung von Blankenburg gab es eine Art Aufgabenteilung: Die "Initiative" übernahm die WG-Betreuungen, die "Karawane" hielt die weit gespannten politischen Ansprüche hoch. Und Blaumeier nabelte sich ab und baute seine Ateliers auf.

Harttung: Wir haben sehr früh ein künstlerisches Profil entwickelt, Blaumeier vermittelt den integrativen Gedanken über seine Kunst. So erreichen wir auf unterhaltsame und leichte Art ein breites Publikum. Und geben damit Anstoß für eine Diskussion, ein Umdenken, vielleicht auch für eine neue Normalität.

In Oldenburg gibt es "Blauschimmel", in Lüneburg die "Blaue Salzsau". Kann man von einer überregionalen blauen Bewegung sprechen?

Harttung: Das sind jeweils eigenständige Projekte die sehr unterschiedlich sind. Blaumeier drängt mit seinen Projekten auf den allgemeinen und internationalen Kunstmarkt und ist dort anerkannt.

Pramann: Ich würde mir durchaus wünschen, dass es so etwas wie eine blaue Bewegung gäbe. Andererseits gibt es ein sehr großes Unabhängigkeitsbedürfnis der einzelnen Projekte.

Von Außen konnte man gelegentlich den Eindruck gewinnen, dass sich die Akteure der blauen Bewegung nicht immer gegenseitig grün waren.

Pramann: Ich habe es immer bedauert, dass Blaumeier und die Karawane zwei getrennte Vereine wurden - der ursprüngliche Wunsch war es, zusammen zu bleiben. Bei Blaumeier entwickelte sich der Wochenablauf immer professioneller, dieser Umfang passte platzmäßig und inhaltlich nicht mehr mit uns zusammen. Aber das hat nichts mit Streitigkeiten zu tun.

Harttung: Wir sind am gleichen Punkt gestartet und haben unterschiedliche Profile und Ziele entwickelt. Und da müssen wir im konkreten Fall schauen, wo wir kooperieren können.

Pramann: Wir könnten vielleicht gemeinsame Aktionen machen: Unser Traum ist es, in der Überseestadt eine Art blaue Manege zu bauen, damit sich die dortige Umgebung aus Glas und Beton mit Leben füllt.

Was genau planen Sie?

Pramann: Ein Wohn- und Arbeitsprojekt, das ausdrücklich kein Betreuungsprojekt ist. Wir wollen Nachbarschaft statt Betreuung und uns damit im neuen Stadtteil verankern.

Harttung: Das ist vielleicht ein Unterschied zu dem, wo Blaumeier jetzt steht: Wir sind in Bremen schon stark verankert und gehen von hier aus heraus in die Welt und bauen im Moment unsere internationalen Kontakte aus.

Pramann: Wir haben diesbezüglich eine andere Ausgangsbasis. Obwohl wir als Karawane sozusagen die Mutter von Blaumeier sind, haben wir als Institution erst seit 2003 einen eigenen Sitz. Aber jetzt sind wir wieder soweit, unsere dritte Karawane mit 50 bis 80 TeilnehmerInnen zu starten: Am 10. Juli brechen mir mit unserem schwimmenden Kamel nach Berlin auf, um den Sozialabbau zu thematisieren. Über die Spree wollen wir anschließend in die Stadt Brandenburg. Da gibt es eine große Klinik, also unser klassisches Thema. In der Stadt war außerdem die erste deutsche Euthanasie-Einrichtung. Wenn wir auf dem Mittellandkanal dann nach Wolfsburg kommen, machen wir ein Projekt mit dem Titel "Zum Glück geht es anders" über den Zusammenhang von Arbeit und psychischer Erkrankung. Zurück in Bremen organisieren wir ein dreitägiges Festival zum Thema "Anders zusammen leben".

Harttung: Blaumeier thematisiert in seinem Heimathafen und an vielen anderen Orten in nächster Zeit eine Fülle von Projekten: Die Masken treten mit abendfüllenden Programmen in unserem Theatersaal und als walking acts zum Beispiel beim Kirchentag auf, die Maler beginnen mit einem Fotografieprojekt und widmen sich dem Stillleben. Unser Chor Don Bleu wird 15 Jahre und erarbeitet ein Pubertätsprogramm, die "Süßen Frauen" verzaubern das Publikum 2009 zwischen Bonn und Berlin. Das große neue Theaterprojekt "In 80 Tagen um die Welt" kommt im Frühsommer auf die Bühne und geht auf Tournee. Außerdem sind wir mit unserer gerade beginnenden Zusammenarbeit mit der Moskauer Gruppe "Krug" beschäftigt. Wir planen ein dreijähriges gemeinsames Projekt und reisen Ende März erstmals nach Russland.

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