: Alles völlig normalhier
Von Matthias Kalle
Am Wahltag in Sachsen-Anhalt postete Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat, ein Foto von sich beim Mittagessen. Vier Menschen, ein Terrassentisch, nichts passiert, und genau das ist die Botschaft. Das Bild gibt vor, nichts zu behaupten und nur zu zeigen, doch gerade das Zeigen ist die Behauptung: So leben wir. So normal sind wir. So normal wäre Deutschland, ließe man uns nur.
Aber „normal“ ist kein harmloses Wort, es ist eine Erfindung – von der Norma, dem Winkelmaß des Handwerkers, an dem sich zeigt, was krumm ist, bis zur Gauß’schen Normalverteilung mit ihrem dickbauchigen Durchschnitt und Rändern, aus denen man fallen kann. Die Rechte hat sich das Wort genommen – auch weil die andere Seite es ihr überließ, weil es das Normale jahrzehntelang für verdächtig erklärte und sich vom Durchschnittlichen abwandte wie von etwas Ansteckendem.
Betrachten wir also, Stück für Stück, was hier aufgetischt wurde.
Eigentlich trägt Siegmund Hemden, die einen Tacken zu eng sind, hier aber nun ein weißes Adidas-Shirt von tadelloser Schlabbrigkeit. Adidas ist natürlich die deutscheste aller Weltmarken. Herzogenaurach, Wunder von Bern – der Stoff, aus dem „Wir sind wieder wer“ gemacht ist. Es ist diese Nachkriegsnormalität, auf die das Shirt verweist. Nur werden die geschmacklosen Dinger längst in Vietnam oder in Kambodscha genäht. Siegmund trägt also die globale Lieferkette auf der Brust, was wiederum völlig egal ist, man muss sich das Leben ja auch nicht unnötig kompliziert machen.
Eine Packung Gouda, Gut & Günstig, Edeka-Eigenmarke, Zubereitungsform „leicht“. Niemand fotografiert so einen Käse, es sei denn, der Käse soll sprechen. Der hier schreit: Wir kaufen, was ihr kauft, an derselben Kühltheke, zum selben Preis! Und so wird aus einem Preis eine Gesinnung. Die Packung beglaubigt die Zugehörigkeit zu einem „wir“, das sich allein schon über das gemeinsame Konsumverhalten definiert.
In den Schalen liegt Wurstgulasch mit Spirelli. Kein gesamtdeutsches Gericht, sondern ein ostdeutsches – Schulspeisung, Betriebskantine, Ferienlager, der Geschmack einer Kindheit zwischen Rügen und Erzgebirge. Das ist die eigentliche Botschaft des Tellers: nicht „Wir sind wie alle“, sondern „Wir sind von hier, wir mögen immer noch, was wir schon immer mochten“. Ein Madeleinemoment, also eine plötzliche, unwillkürliche Erinnerung, die durch einen Sinnesreiz ausgelöst wird. Generell serviert die AfD Erinnerung und nennt sie Programm, sie macht aus einer Mahlzeit ein Heimatgefühl und aus dem Heimatgefühl einen Anspruch. Nostalgie wird in Herkunft verwandelt und das Gewesene in etwas Angestammtes, das es zu verteidigen gilt. Wer das alles aufisst, so das stille Versprechen, isst sich zurück in eine Ordnung, die es so nie gab.
Und dann die Dose Coca-Cola. Nichts ist so fremd auf diesem Tisch und gleichzeitig so vertraut. Amerikanische Ikone, globalstes Produkt der Geschichte. Was soll das hier? Nun, es ist auch der Geschmack von 1990, das Erste, was nach der Mauer herüberschwappte; Freiheit, abgefüllt in Dosen. Und für Freiheit ist die AfD ja wie keine zweite Partei, oder?
Bleiben, hinter den Köpfen, die Thujen: dichteste, meistgepflanzte, meistverachtete Gewächse Deutschlands. Eine Pflanze als Weltanschauung, wächst schnell, verträgt jeden Schnitt und lässt nichts durch – der ideale Zaun für den, der eine Grenze will, aber nicht Mauer sagen mag. Und sie scheint hier zurechtgeschnitten, auf Maß gebracht, in den rechten Winkel gezwungen, also in die Norma selbst. Denn das Normale, hier wird es deutlich, ist nichts Gewachsenes, sondern etwas Geschnittenes, und was dahinter liegt, geht keinen etwas an, wer hereinsieht, ist der Eindringling. Dabei gibt es doch gar nichts zu sehen! Alles völlig normal hier.
Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen