Aktionstag gegen Homophobie: Ganz normale Homophobie

Die Diskriminierung eines Lesbenpärchens war keine Ausnahme.

Küssen macht Spaß: das Kiss-in vor dem "Dolce Freddo" am vergangenen Samstag Bild: dpa

Auch in Berlin findet am Sonntag der Internationale Tag gegen Homophobie statt. Treffpunkt ist um 12 Uhr am Homomahnmal im Tiergarten.

Bereits am vergangenen Samstag haben sich Schwule und Lesben zu einem Kiss-in vor einer Eisdiele in Schöneberg versammelt. Anlass waren diskriminierende Äußerungen des Besitzers der Eisdiele "Dolce Freddo".

Nach Aussage von Bastian Finke, Projektleiter des lesbisch-schwulen Überfalltelefons "Maneo", liegen gegen den Besitzer des Lokals bereits zwei Anzeigen wegen Beleidigungen und eines tätlichen Übergriffs vor.

Zur Homophobie in Berlin gehören auch die Beschädigungen des Mahnmals für die verfolgten Homosexuellen. Zuletzt haben Unbekannte im April ein Sichtfenster in der Stele zerkratzt. Hinter dem Fenster ist in einer Videosequenz eine Kussszene eines männlichen Paars zu sehen.

Das Mahnmal war seit seiner Eröffnung 2008 wiederholt Ziel von Anschlägen. Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Fraktion im Bundestag, Volker Beck, betonte: "Der Widerstand gegen Homophobie darf nicht nur Sache der Homosexuellen sein."

Ein geräumiger Gerichtssaal im Amtsgericht Tiergarten Anfang Mai. Holzvertäfelungen erhöhen den Sitz von Richterin und Staatsanwalt, ein Trennzaun sperrt den leeren Zuschauerraum ab. Hier findet der Prozess gegen drei junge Männer statt, die eines Nachts vor anderthalb Jahren zusammen mit anderen Kumpels drei junge Männer unvermittelt angegriffen, beleidigt, geschlagen und getreten hatten.

Auslöser des Übergriffs war die Kleidung eines der Betroffenen - elegantes Kleid und Federboa. Heute sitzt Axel (Name geändert) lässig in Jeans und Kapuzenpullover vor dem hohen Richtertisch und erzählt die Geschichte von damals.

"Wir haben denen nicht ins Weltbild gepasst, dann sind sie auf uns los." Das Erschrecken liegt ihm heute noch in der Stimme. Unvermittelt überfallen werden. Du bist gemeint, weil du so bist, wie du bist.

Ein Angeklagter gibt zu, "etwas gesagt zu haben, was im Nachhinein nicht in Ordnung ist". Was denn genau, will der Staatsanwalt wissen. "So was wie ihr ollen Schwuchteln?" Es habe etwas mit der Kleidung von Axel zu tun gehabt. Das Gericht verurteilt die Tat einhellig und ermahnt zu Toleranz gegenüber anderen Lebensweisen. Die drei werden wegen gefährlicher gemeinschaftlicher Körperverletzung zu einer Strafe von sechshundert Euro verurteilt.

Doch ein Beigeschmack bleibt, auch deshalb, weil die Damen von der Jugendgerichtshilfe den jungen Männern "keine schädlichen Neigungen" attestieren. Die Tatumstände seien "jugendtypisch" gewesen. "Wenn junge Männer unterwegs sind und auf andere Männer treffen, die nicht so sind wie sie, dann haben sie oft ein Problem, ihre Taten zu überdenken." Alles irgendwie normal, also?

Es scheint so, denn Homophobie ist ein gesellschaftlicher Normalzustand. Auch in Zeiten, in denen schwule Männer Regierender Bürgermeister werden können. Nicht immer äußert sie sich gewalttätig und offen, doch spürbar ist sie für die Betroffenen allemal.

"Es gibt keine Lesben, keine Schwulen, keine Transsexuellen in Berlin, die nicht schon einmal beleidigt oder angegriffen wurden." Die junge Frau sagt das lakonisch. Sie hat tagtäglich mit homophoben Taten zu tun. Maria Tischbier ist Ansprechpartnerin für gleichgeschlechtliche Lebensweisen bei der Berliner Polizei. Und sie spricht aus eigener Erfahrung. "Da reichts, wenn die Haare zu kurz sind und du neben deiner Freundin die Straße runtergehst."

Doch Zahlen gibt es keine aussagekräftigen. Viele Betroffene verschweigen, dass eine Tat einen homophoben Hintergrund hatte, dass der Täter zuschlug, nachdem die Worte "du Scheißlesbe" fielen. Maria Tischbier weiß, es gibt ein Vertrauensproblem gegenüber der Polizei. In den letzten Monaten hat die Aufmerksamkeit für das Thema Homophobie zugenommen. In den Medien war verstärkt von Übergriffen zu lesen, in denen Menschen allein aufgrund ihres Aussehens, ihrer vermuteten sexuellen Identität brutal angegangen, verprügelt, getreten und bespuckt wurden.

Seit zwei Wochen erregt zudem ein Vorfall die Öffentlichkeit, bei dem die Verletzungen eher verbal sind. Es geht um eine Eisdiele am Nollendorfplatz. Der drahtige Besitzer des "Dolce Freddo" ist berühmt geworden als der homophobe Eismann von Schöneberg.

Anlass war ein Kuss. Ein Kuss zwischen zwei Frauen. Der empörte den Eisverkäufer so, dass er die beiden seines Territoriums verwies. Sie sollten sich verpissen, sagte er: "Solche wie euch bediene ich nicht." Die beiden Frauen versuchten ihn zur Rede zu stellen und holten schließlich die Polizei. Der Eisdieler kassierte eine Anzeige wegen seiner homophoben und diskriminierenden Äußerungen. Es war nicht die erste.

Es folgte ein Zeitungsbericht und flugs wurde im Internet zu einer Protestkundgebung vor der Eisdiele aufgerufen. Am vergangenen Samstagnachmittag versammelten sich an die tausend Menschen vor der mit üppigen Eisbecherkreationen geschmückten Theke und küssten sich. Flüchtig, hingebungsvoll, öffentlichkeitswirksam und vor allem in allen Geschlechterformationen, die Spaß machen.

Vielen Gesichtern ist an diesem Tag anzusehen, wie gut es tut, sich gegen Homophobie zur Wehr zu setzen. Denn man kennt das Gefühl, sich an bestimmten Orten nicht offen als homosexuell zeigen zu wollen. "Bedrückend" nennt Parakash das. "Fühlt sich an, wie in ne zu kleine Box jesteckt."

Die Stimme des kräftigen Mannes mit dem kurzgeschorenem Haar und Bart poltert freundlich brandenburgisch. Er hat seinen Mann im Arm und erzählt, dass sie vor zwei Jahren von jenem Eisverkäufer selbst homophob beleidigt wurden. Nun freuen sie sich über die Resonanz der Kussaktion. Parakash hofft, dass damit vielleicht mehr Bewusstsein entsteht, dass man sich zur Wehr setzen kann, sich nicht wegduckt. Nicht als Normalität akzeptiert, was irgendwie alltäglich ist.

Der Eismann vom Nollendorfplatz ist zu etwas wie einem Symbol geworden. Ein Symbol für die Diskriminierung, die so viele andere Situationen und Erfahrungen kennt. Es wird nicht nur geküsst an jenem Samstag, sondern auch erzählt. Mehr und mehr Betroffene der homophoben Ausfälle des Eisverkäufers finden sich, die Wut vieler ist spürbar. Besonders empörend finden viele, dass ausgerechnet im Kiez der gleichgeschlechtlichen Liebe, dem homosexuellen Bermudadreieck, ein Geschäftsmann offen diskriminiert.

Manche erzählen, es würde schlimmer. Schnell sind dann auch manchmal einfache Erklärungen bei der Hand, ein Täterprofil ausgemacht: Mann, jung, Araber, muslimisch. So geht in Schöneberg die Angst vor den anderen Schönebergern um. Und vor den Neuköllnern und überhaupt: Kann man eigentlich in Kreuzberg als Lesbe leben?

Eine Frage, die Tülin Duman mit hochgezogenen Augenbrauen quittiert. "Ich erleb das nicht so." Sie ist Vorsitzende des Vereins Gladt - Gays & Lesbians aus der Türkei -, der sich mit Beratungs- und Bildungsarbeit für individuelle Lebensentwürfe auch jenseits von Herkünften und Passfarben einsetzt. "Das Thema Homophobie und Rassismus löst in der Szene keine Begeisterung aus", sagt sie und verzieht die Mundwinkel. In umstrittenen Gewaltstatistiken des schwulen Überfalltelefons Maneo war jahrelang von "mutmaßlich muslimischen Tätern" zu lesen.

Tülin Duman sieht wenig Erfreuliches an der Debatte um Homophobie, deren Skandalisierung Ängste und neue Vorurteile hervorrufe. "Da wird dann davon geredet, dass die Einwandererkinder eine Entwicklung nachholen sollten. Da frag ich mich, welche Entwicklung?"

Eine berechtigte Frage. Die drei jungen Männer aus dem Gericht sind deutsch, leben in geregelten Verhältnissen. Normal eben. So normal, wie Homophobie eben leider immer noch ist. In diesem Sinne: weiterküssen!

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de