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Krimis

Es ist Nacht. Es regnet. Ein Mann streift durch die Stadt und sucht die Wahrheit. Das macht einsam. Und müde. Doch mehr als eimerweise Kaffee und Junk Food sind nicht drin. Denn es gibt Verwicklungen und Spuren, die in die Irre führen. Und Irre, die falsche Fährten legen. Und richtige Fährten, die niemand sehen will – blinde Flecken in der gequälten Volksheimseele. Henning Mankell, Liza Marklund, Mats Wahl – Schwedens erste Riege von Krimiautoren variiert ihre Motive wie eine gute Band. Und der Leser will Nachschub. Jetzt ist Kommissar Fors’ zweiter Fall endlich da.

Das Erstaunliche an Mat Wahls Jugendkrimis ist, dass man sie genauso gut als Erwachsener lesen kann. Kein verbales Rangeschmeiße, kein Versuch, die Welt mit den Augen Pubertierender zu sehen. Mats Wahl ist ein erwachsener Autor, und das lässt er seine Leser spüren. Deshalb muss ein Krimi erstens spannend sein, zweitens spannend sein und drittens spannend sein. Und weil das tatsächlich so ist, darf Wahl auch gerne wieder über jugendliche Neonazis und die schwedische Einwandererproblematik schreiben. Man vergibt ihm einfach alles.

Denn was hundertmal hätte in die Hose gehen können – ihm gelingt es. Ein 17-jähriger Toter, Ausländer, Drogendealer, vier blonde Bräute aus der Neonazi-Szene, eine brennende Kirche – betrachtet man den Roman in seinen Einzelteilen, erhält man zunächst eine Hand voll Klischees. Doch Kommissar Fors ist ein Ermittler, kein Jugendversteher, auch wenn sein Erfinder Wahl viele Jahre als Lehrer für schwer erziehbare Jugendliche gearbeitet hat. Trotzdem will Fors mehr als einen Fall lösen: Er will begreifen, warum etwas geschieht, und dieses Begreifen ist mindestens so aufregend wie die Suche nach dem Mörder. Deshalb schadet es nicht, dass der Mord am Ende nur ein tragisches Versehen war.

Nun ist Mat Wahls Krimi nicht der einzige, der spannend ist. Angela Gerrits’ „Foulspiel“ etwa, erschienen in der neuen Labyrinth-Reihe des Thienemann Verlags, spielt grandios mit den Ängsten, welche die 16-jährige Jenny aushalten muss, als sie sich plötzlich unter Mordanklage in Untersuchungshaft wiederfindet. Wie kommen Jennys Fingerabdrücke auf die Waffe und in die Wohnung des Opfers? Wieso glaubt selbst ihr Anwalt nicht an ihre Unschuld, sondern sieht wie die Polizei zwar ein Motiv, aber kein Alibi? Da kann man förmlich spüren, wie sich die Schlinge zusammenzieht: Es ist wohl kein Zufall, dass Angela Gerrits genauso wie Christoph Wortberg, mit „Novembernacht“ der Zweite im Labyrinth-Team, über Fernseh- und Drehbucherfahrungen verfügt.

Ein echter Krimi weitab kindlicher Detektivspiele ist auch Thomas Feibels Roman „Blackmail“, in dem der 17-jährige Johnny – ein kompromissloser Musikfan, der heimlich seinem Idol hinterhertrampt – eine fehlgeleitete Mail abruft. Kurz darauf ist sein Lehrer tot, und Johnny wird von international agierenden Verbrechern gejagt. Das kann einen schon atemlos machen. Etwas mehr Konzentration aufs Wesentliche und mehr sprachliche Präzision würden allerdings überhaupt nicht schaden. Müssen Schreie denn immer „schrill“ sein?

Andererseits: Dass es hier um wirklich gefährliche Gangster geht, dass Schüsse fallen und Jugendliche auch mal Fußtritte einstecken müssen, trägt dazu bei, dass man Johnnys Fall ernst nimmt. Und an dieser Glaubwürdigkeit hängt nun mal alles. Es ist schon fatal: Ein guter Kriminalroman braucht nichts so sehr wie eine gute Konstruktion. Aber wehe, er wirkt konstruiert! ANGELIKA OHLAND

Mats Wahl: „Kaltes Schweigen“. Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Carl Hanser Verlag, München 2004. 265 Seiten, 16,90 Euro Angela Gerrits: „Foulspiel“. Thienemann Verlag, Stuttgart 2004, 207 Seiten, 9,90 EuroThomas Feibl: „Black Mail“. Sauerländer Verlag, Düsseldorf 2004, 242 Seiten, 12,90 Euro