: Attacke durch die Hintertür
Streit um Schulstandortplanung. Kriterienkatalog der Bildungsbehörde stellt 77 Schulen in Frage. Gesamtschulen wird Überleben künstlich erschwert. Jede zweite Hauptschule zu klein. Behörde will aber „keine Zahl für Schließungen vorgeben“
Von Kaija Kutter
Wie ernst zu nehmen sind Planungszahlen, die eine Bildungsbehörde verbreitet, die in wenigen Wochen eine stadtweite Schulentwicklungsplanung bis 2015 verabschieden will? Gar nicht so sehr, wenn man Bildungsbehördensprecher Alexander Luckow folgt: „Wir geben gar keine Zahlen raus, was die Zielsetzung betrifft“, sagte er gestern zur taz. „Sonst bräuchten wir ja den demokratischen Prozess nicht.“ „Was, wann, wo“ als Kriterium für eine Schulschließung greife, werde jetzt mit den Schulen diskutiert. „Das andere wäre staatssozialistisches Denken.“
Ob das die 77 SchulleiterInnen beruhigt, die nach der Durchsicht der auf der Behördenhomepage veröffentlichten „Ist-Analyse“ einen gehörigen Schrecken bekommen haben dürften? Denn die Behörde hat zu Beginn des demokratischen Prozesses die Hürden für das Überleben von Schulstandorten ziemlich hoch gelegt. Grundschulen, so ist gewünscht, sollen drei parallele Klassen pro Jahrgang füllen können, müssen aber mindestens zwei Klassenzüge voll bekommen. Ein Ziel, das 25 der 232 Grundschulen verfehlen.
Die 68 Haupt- und Realschulen sollen ebenfalls dreizügig sein, von ihnen sind laut „Ist-Analyse“ sogar mit 36 mehr als die Hälfte zu klein. Und Gymnasien sollen vier, mindestens aber drei Klassen pro Jahrgang führen, was 13 von ihnen derzeit nicht schaffen. Addiert mit den drei Gesamtschulen, die keine Dreizügigkeit erreichen, ergibt sich die Horrorzahl von 77 überzähligen Schulen.
Luckow verweist nun auf die auch weiter vorgesehenen Ausnahmen. So werde man in städtischen Randgebieten wie Moorburg auch weiterhin einzügige Grundschulen führen. Auch müsse bei allen anderen gefährdeten Standorten die „soziale Rolle“ der Schule im Stadtteil bedacht werden. Doch bei den Ausnahmen von der Mindestgröße, Spalte drei in der gefürchteten Zügigkeitstabelle, sind nur Grundschulen und Gymnasien aufgeführt. Letztere dürfen klein sein, wenn sie ein „besonderes Profil“ haben.
Höher gesetzt werden dafür die Hürden für Gesamtschulen mit Oberstufe. Sie müssen sechszügig sein und selbst dann noch vierzügig, wenn sie sich die Oberstufe mit anderen Schulen teilen. Bisher war hier Dreizügigkeit Vorschrift, weshalb die SPD-Politikerin Britta Ernst eine „Attacke durch die Hintertür“ auf diese Schulform fürchtet. Die SPD-Frau moniert zudem die Informationspolitik der Bildungsbehörde. „Sie sollte offen sagen, in welcher Größenordnung sie Schulen schließen will.“ Solange bis dies geschieht, müsse man die „Ist-Analyse“ ernst nehmen. Ernst: „Wir sind sehr besorgt.“
Die Schulen dürfen bekanntlich bis zum 1. Oktober Stellung nehmen. Anfang November wird die Bildungsbehörde dann eine erste neue Standortliste vorlegen. Selbst Optimisten in Bildungskreisen gehen davon aus, dass dann mindestens 35 der 322 Schulen fehlen, was das Aus für jeden achten Standort bedeutet.
Elternkammersprecher Holger Gisch mahnt nun, dass es mit der „bloßen Festsetzung von Zügigkeiten“ nicht getan sei. „Wir müssen abschätzen, was passiert, wenn wir die Hälfte aller HR-Schulen dichtmachen.“ Nötig sei von daher eine „vernünftige und sachliche Diskussion“. Doch die GAL-Politikerin Christa Goetsch sieht dafür schwarz. Denn statt Stadtteilgremien vor Ort zu organisieren, wie die GAL verschlug, hat die Behörde jetzt erst mal die Schulen aufgefordert, andere Standorte zur Schließung vorzuschlagen. Goetsch: „Das gibt ein unwürdiges Hickhack.“