KIRSTEN RIESSELMANN AUS BAYREUTH

Auf einen Latte kurz vor dem „Ring“-Anpfiff

FÜNF MINUTEN DAUERLÄCHELN, DAS IST NICHTS FÜR KATHARINA WAGNER. UND AN STRESS MIT OBSESSIV DER WAGNER-WERKTREUE ANHÄNGENDEN FANS GEWÖHNT SIE SICH

Das Schildchen an der Wagner-Büste, die ein paar Meter unterhalb des Festspielhauses steht, ist tatsächlich da. Man erfährt, dass Arno Breker sie gemacht hat, der „von den Machthabern in der Zeit des Nationalsozialismus geschätzt“ wurde, aber „gleichwohl auch nach 1945 zahlreiche Aufträge“ erhielt. Zum Beispiel von der Stadt Bayreuth. Die nämlich bestellte laut Schild den Bronzekopf 1986 bei dem Übermenschen-Bildhauer nach, als Ersatz für die baugleiche Marmorbüste von 1939. Bravo, Bayreuth!

Seit Samstag laufen die Wagner-Festspiele. Am Freitag noch wurde für die Techniker in allerletzter Minute der erste Tarifvertrag der Festspielgeschichte unterzeichnet. „Viele fragen: Ist das mit der Lohnerhöhung nicht gemein, gerade jetzt zu eurem Start? Nö, ist es nicht. Nach jahrelangen Nullrunden war das überreif. Nur aus wahnsinniger Rücksicht gegenüber meinem Vater und dieser ganzen unsäglichen Nachfolgedebatte ist das noch nicht früher auf den Tisch gekommen“, sagt Katharina Wagner dazu.

Anderthalb Stunden vor dem „Ring“-Anpfiff bekomme ich kurzfristig die Möglichkeit zum Gespräch mit der 31-Jährigen, seit letztem Jahr Festspielchefin, gemeinsam mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier. Im Büro des Pressesprechers sitzen Frau Wagner und ihr Assistent Alexander Busche, er bringt Latte macchiato für alle, es darf geraucht werden. Katharina Wagner raucht Kette. Und redet mit ihrer geräucherten Stimme zupackend und burschikos, das r rollt, sie lacht viel und laut.

Warum sie bei der Eröffnung so verbiestert gewirkt habe? Habe sie doch gar nicht, aber: „Ich kann nicht fünf Minuten rumlächeln, als wenn ich nicht alle Tassen im Schrank hätte. Ich bin ja hier kein Entertainer. Ist schon schlimm genug, dass man sich stundenlang schminken und zurechtmachen muss.“

Privat hört sie Rammstein

Warum um alles in der Welt kann man Lust auf diesen Job haben? Das frage sie sich auch manchmal, wisse aber immer um das Darum, wenn die Dinge dann auf der Bühne stünden. Nur die Forderung, man habe Wagner so zu pflegen, wie Wagner es wollte, sei absoluter Quatsch. Stress also mit den 37.000 organisierten, oftmals obsessiv der Werktreue anhängenden Wagner-Fans weltweit? „Wenn man einem gewissen Druck nicht standhalten kann, soll man eben den Beruf wechseln. Wir versuchen hier, künstlerisch das Beste auf die Bühne zu stellen, was uns möglich ist.“ Und in sieben Jahren, wenn der Vertrag als Leiterin erst mal wieder ausläuft? Müsse sie sehen, was sie wolle, das Liebesleben käme schließlich ein wenig kurz. Was für Musik hört sie eigentlich privat? „Rammstein.“ Nein! „Doch. Aber auch Charts.“

Und was hat es mit der groß angekündigten NS-Aufarbeitung auf sich? Ein Koordinator ist bestellt, der allen Historikern, die forschen wollen, Zutritt gewähren soll. „Die können hier gern in jeden Winkel kucken, werden einen Haufen unaufgeräumte Ecken finden, aber vielleicht irgendwo tatsächlich brisantes Material. Ich will diesen Vorwurf, die Bayreuther Festspiele seien nicht bereit, Sachen aufzuklären, endlich vom Tisch haben.“ Und der ominöse Schrank mit Winifred Wagners Nachlass bei Cousine Améli Lafferentz in München, voller Hitlerbriefe vielleicht? Sie reagiere nicht auf Anfragen, der Schrank bleibt bislang zu. Katharina Wagner ist verärgert: „Das ist ein Affentheater. Wenn man ein verdammtes Verbrechen mitbegangen hat, dann muss man verdammt noch mal auch dazu stehen.“ Dann spurten wir zum „Rheingold“.

Vom nüchternen Bürotrakt platzen wir direkt ins Festspielhaus-Foyer. Jeder trägt Abendkleidung, manchen ragt das Reclam-Libretto aus der Smoking-Tasche. An der Garderobe gibt es von den Garderobieren selbst genähte Kissen gegen die Härte der Holzsitze. Sie helfen bedingt. Mein Nachbar ist extra aus Tokio eingeflogen. Mit Abstand am meisten Applaus bekommt Dirigent Christian Thielemann, der in Bayreuth ist, obwohl es ihm doch in München wieder so gut gefällt.

Hinterher rolle ich auf dem Fahrrad, das mir meine Gast-WG geliehen hat – rot mit weißen Blümchen und einen „Atomkraft? Nicht schon wieder“-Aufkleber –, den Hügel runter und überhole auf der Nibelungenstraße die anderen 2.000 Besucher, die im Stau stecken.