Fertig ist die Moschee

ARCHITEKTUR Das Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen zeigt eine Ausstellung zur Ästhetik neuerer Moschee-Bauten

In Wolfsburg sprach der Imam fließend fünf Sprachen, woanders benötigte Dechau einen Dolmetscher

VON DIETRICH HEISSENBÜTTEL

Die Moschee von Paul Böhm in Köln und das Minarettverbot nach der Volksabstimmung in der Schweiz sind nur zwei prominente Beispiele, die zeigen: islamische Gebetshäuser erregen die Gemüter. Rund fünf Prozent der westeuropäischen Bevölkerung bekennen sich zum Islam, Tendenz steigend.

Ihre Moscheen befanden sich lange Zeit zumeist in unscheinbaren Räumen in Industriegebieten. Doch je länger sie hier leben, je zahlreicher und wohlhabender sie werden, desto mehr wünschen sie sich auch nach außen hin erkennbare Bauwerke. Dies ruft Ressentiments auf den Plan: Während Muslime auf das Gebot der Toleranz und Religionsfreiheit im Grundgesetz verweisen, muss die Mehrheitsgesellschaft bemerken, dass ihr das Gefühl für Religiosität abhanden gekommen ist.

Eine Ausstellung im staatlichen Institut für Auslandsbeziehungen (IFA) in Stuttgart zeigt neben aktuellen Moscheebauten eine Reihe künstlerischer Arbeiten, die solche Fragen beleuchten. So antworten die in Zürich lebenden Architekten Frei + Saarinen auf das Minarettverbot mit einem Hochhausentwurf, der die Form eines Minaretts ausspart. Aber braucht eine Moschee überhaupt ein Minarett? Johannes Buchhammer hat in seiner Arbeit aufgenommen, dass wesentliche Bauteile wie Kuppel und Minarett, die den Bautypus angeblich kennzeichnen, bei sämtlichen Stuttgarter Moscheen fehlen: Es sind ausnahmslos sogenannte Hinterhofmoscheen in Fabriketagen und Industriegebieten.

Solche Räume, aber auch repräsentative Neubauten hat der Fotograf Wilfried Dechau aufgenommen. Er legt Wert auf die Menschen: den Imam auf der Kanzel, sitzende Frauen, herumtollende Kinder. Denn eine Moschee ist nicht wie eine christliche Kirche ein geweihter Raum, sondern schlicht ein Ort zum gemeinsamen Beten. Vorgeschrieben ist lediglich die Gebetsrichtung gen Mekka. Genau genommen ist nicht einmal ein Bauwerk nötig.

Für Azra Aksamija jedenfalls reichen ein Kompass und ein abnehmbarer Umhang als Gebetsteppich, und fertig ist die Moschee, wie sie unter anderem mit einer „Dirndlmoschee“ vorführt. Dass gerade das Minarett nicht zu den unverzichtbaren Glaubensartikeln gehört, zeigt Boran Burchhardt. Er fragte bei der türkischen Gemeinde der Hamburger Centrum-Moschee nach, ob er ihre beiden Minarette anmalen dürfe. Durchaus mit Sinn für Humor einigten sich beide Seiten auf ein grün-weißes Fußballmuster.

Auch in islamischen Ländern plärren vom Minarett heute vorgefertigte Kassetten aus Lautsprechern. Ein dünner Turm, mal als aufgeblätterte Plastik, mal himmelsweisende Nadel, gehört dennoch zu den meisten – wenn auch nicht allen – der rund zwanzig vorgestellten Moscheen. Die Ausstellung zeigt Beispiele aus aller Welt, von den 1960er Jahren bis heute, aus westlichen wie aus islamischen Ländern. Ältere Exemplare wie das 1967 begonnene islamische Zentrum in München von Osman Edip Gürel oder die Schah-Faisal-Moschee in Islamabad machen aus der Kuppelform eine Parabel oder ein regelmäßiges Vieleck. Neuere Bauten wie Böhms Kölner Moschee oder die projektierte Dubai Mosque von Fariborz Hatam. Das emiratische Architektenbüro Aedas dekonstruiert das gewohnte Bild.

Ein interessanter Vorschlag ist der des Büros Zest aus Barcelona: Mit ihrer „Ray of Light Mosque“ thematisieren die beiden Architektinnen Lichtmetaphysik und Geschlechtertrennung in fließenden Formen, ohne rigide Abgrenzungen. Mit einem spitzen Keil, der die Kuppelform nur noch als Negativ in einem platzartigen Hohlraum andeutet, gewann die dänische Barke Ingels Group 2011 einen Wettbewerb in Tirana. Gegenüber Kashef Mahboob Chowdurys preisgekrönter Chandgaon Mosque in Chittagong, Bangladesch, bleibt der Entwurf des deutschen Büros KSP Jürgen Engel für die große Moschee von Algier ausgesprochen konservativ.

Es liegt also nicht unbedingt an der Herkunft des Architekten, auch nicht am Land, in dem der Bau entsteht, ob eine Moschee futuristisch oder rückwärtsgewandt aussieht. Dechau hat bei den Recherchen für seine Reportagen in Deutschland höchst unterschiedliche Erfahrungen gemacht: In Wolfsburg sprach der Imam fließend fünf Sprachen, an anderen Orten benötigte Dechau einen Dolmetscher.

Die Bauform resultiert auch aus solchen Gegebenheiten. Sie ist weniger durch religiöse Vorschriften bestimmt als vielmehr dadurch, ob sich eine migrantische Gemeinde ihrer Herkunft versichern will oder, wie in Bangladesch, nach einer neuen Form für eine alte Bauaufgabe sucht.

■ „Kubus oder Kuppel. Moscheen, Perspektiven einer Bauaufgabe“. ifa-Galerie, Stuttgart, bis 1. 4.; ifa-Galerie Berlin: 27. 7.–30. 9; Katalog: Ernst Wasmuth Verlag, 24 Euro