: „Wir müssen uns verteidigen, vor allem vor uns selbst“
Die argentinische Choreografin und Tänzerin Constanza Macras ist aus der Tanzszene der Stadt nicht wegzudenken. Nun wird ihr Stück „Back to the Present“ nach über zwanzig Jahren wiederaufgenommen
Von Yi Ling Pan
Constanza Macras‘ Präsenz ist sofort spürbar, als sie im knalligen Mantel aus glänzendem Synthetikstoff ins dunkle Café eintritt. Sie kommt direkt von einer Probe mit ihrer Kompagnie Dorky Park für das Stück „Back to the Present“. Die Wiederaufnahme in der Volksbühne steht kurz bevor, Macras beschreibt die Proben als intensiv, aber produktiv. Im Gespräch über ihr neues altes Stück, Musks Mars-Mission, Berlin in den 90ern und heute, und Lesen als politischen Widerstand merkt man: Hoffnungslosigkeit ist keine Option für sie.
taz: Das Stück „Back to the Present“ wurde 2003 im verlassenen Kaufhaus Jandorf uraufgeführt, und als legendäre Partyperformance gefeiert. Was war die Originalidee?
Constanza Macras: Ich war Anfang 30, und desillusioniert von romantischen Beziehungen (lacht). Ich wollte ein humorvolles Stück darüber machen, was Leute als Überbleibsel nach einer Trennung aufbewahren. In Privatwohnungen sieht man ja diese ganzen Miniökosysteme von Dingen, die eigentlich wertlos sind, aber für die Leute einen wichtigen emotionalen Wert haben. So kam ich auf den Satz, der das Stück anleitet: „Memories are fragile, garbage lasts forever“ („Erinnerungen sind zerbrechlich, Müll hält ewig“) (lacht).
taz: Jetzt holen Sie „Back to the Present“ zurück ins Jetzt. Wie kam es dazu?
Macras: Dieses Jahr bringen wir zum über 20-jährigen Bestehen von Dorky Park ein Buch raus. In diesem Zuge dachte ich mir: Lass uns das Stück zurück auf die Bühne bringen, das in gewisser Weise unser Durchbruch war.
taz: Das Stück verhandelt unseren Blick auf die Vergangenheit. Wie war das für Sie, ein über 20 Jahre altes Stück wiederaufzunehmen?
Macras: Wenn ich das Stück jetzt betrachte, finde ich es auf eine Weise sehr jung. Es hat diese obsessive Liebe zum Detail. Alles war präzise durchgeplant, wie die Leute aufstanden, wie sie die Türen öffneten und schlossen. Einige Dinge würde ich heute anders machen. Aber es hat eine Verspieltheit, von der ich immer noch denke, dass sie sehr wichtig ist.
taz: Hat sich die neue Version sehr verändert?
Macras: Ja, aber auch nein. Und das ist gut so (schmunzelt). Die Struktur ist die gleiche, aber einige Figuren sind verschwunden, weil sie nicht stark genug waren, um zu überleben, glaube ich. Dafür sind andere Figuren stärker geworden.
taz: Ihre Choreografien entstehen immer in enger Kollaboration mit den Tänzer:innen.
Macras: Ja, in dem Stück spielt jede:r sich selbst bzw. eine Karikatur von sich. Deswegen verändern sich die Figuren und die Choreografie, je nachdem, mit wem ich zusammenarbeite. Die Hauptfigur Jill Emerson hat sich vor 20 Jahren selbst gespielt und spielt sich jetzt immer noch selbst.
taz: Abgesehen von ihr hat sich die gesamte Besetzung geändert. Wie haben Sie die Zusammenarbeit erlebt?
Macras: Ich war sehr froh, dass sie zugesagt hat, als einzige der ursprünglichen Besetzung. Die meisten anderen fühlten sich nicht mehr mit dem Stück verbunden. Das ist normal: Im Leben geht man in verschiedene Richtungen. Aber Jill war immer die Person, die ich am meisten vermisst habe. Es ist wirklich schön, wieder mit ihr zusammenzuarbeiten, und auch, dass sie und die neue Besetzung sich fantastisch verstehen. Sie sind alle sehr perfektionistisch, aber auch sehr herzlich miteinander. Und es ergibt eine interessante Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart.
taz: Welche Themen aus „Back to the Present“ sind heute vielleicht noch relevanter als damals?
Macras: Im Stück wird ein Text des Theaterautors Marius von Mayenburg vorgetragen, eine Zukunftsvision mit einem fast rassistischen Unterton, die ausgewählte Leute privilegiert, die dann goldene Haut und so was haben. Es ist gruselig, weil es früher nur absurde Fiktion war und jetzt wie die reale Mission von Elon Musk klingt, Reisen zum Mars anzubieten – natürlich nur für Milliardäre. Soviel Geld fließt derzeit in die falschen Dinge. Zum Beispiel in die Verteidigung. Ja, wir müssen uns verteidigen, aber vor allem vor uns selbst. Dafür gibt es keine echte Möglichkeit der Verteidigung. Man kann noch so viel Geld ausgeben, es wird nicht besser werden.
taz: Sie fühlen sich hoffnungslos in Bezug auf die Lage der Menschheit und die Weltpolitik?
Macras: Wir haben gerade ein sehr hoffnungsloses Bild, dem müssen wir etwas entgegensetzen. Ich bin stark von meiner Kindheit unter der argentinischen Diktatur beeinflusst. Da habe ich trotz der Schrecken auch Momente der Hoffnung und des Fortschritts gesehen. Ich glaube, auch jetzt ist das möglich, aber wir müssen uns aktiv engagieren.
taz: An welche Möglichkeiten des Aktivwerdens denken Sie?
Macras: Ich denke, wir müssen wieder zu analogen Formen zurückkehren, wieder mehr lesen. Unsere Aufmerksamkeitsspanne wird durch Social Media immer kürzer, immer brauchen wir irgendeine Art von Effekt. Lesen engagiert das Denken auf ganz andere Weise und hilft uns, resilienter gegenüber Clickbait zu werden, ein wichtiges Instrument für rechte Parteien. Und wir müssen versuchen, ihren schrecklichen Diskurs gegen Ausländer:innen zu ändern. Er geht gegen alles: Sexualität, Gender, Race. Wenn man das zu Ende denkt, trifft rechte Hetze im Endeffekt jeden.
taz: Ihre Kompanie wurde immer wieder als sehr divers bezeichnet. Sie bringen Leute aus den unterschiedlichen Genres, Hintergründen und Ländern zusammen. Warum ist Ihnen das wichtig?
Macras: Neulich schrieb jemand einen Kommentar auf Instagram: „Wow, die Besetzung ist so divers, was gender und race angeht, bald wird das vorbei sein.“ Es war schwer zu verstehen, ob es Ironie war. Aber dass jemand so etwas schreibt, ist schon seltsam. Wir müssen verstehen, dass Diversität nichts Außergewöhnliches ist. Sie passiert bei uns ganz natürlich. Wenn man die Tür öffnet zu einem Ort, an dem inspirierende Menschen sind, zieht es automatisch ganz verschiedene Menschen dahin.
taz: Ein wichtiger Ort in Ihrem Leben ist Berlin. Auch wenn Sie auf der ganzen Welt touren, kehren Sie immer wieder hierher zurück. Was hält Sie hier?
Macras: Nun, Berlin wurde eher zufällig zu meinem Zuhause. Ursprünglich um mit meinem Ex-Freund zusammenzuziehen, was nie passiert ist. Aber ich fühlte mich wohl hier in den 90ern, es war ein guter Ort für Künstler:innen. Jetzt habe ich hier meine Familie. Ein wichtiger Faktor war auch die große Unterstützung der Kultur in den letzten Jahren. Hier konnte ich Produktionen schaffen, die ich dann weiter in die Welt hinaustragen konnte. Für mich war immer sehr wichtig, Berlin in die Welt zu bringen und die Welt nach Berlin. Ich denke, diese globale Offenheit ist wichtig für die Stadt.
1970 in Buenos Aires geboren, lebt seit 1995 in Berlin. Hier gründete sie 2003 die interdisziplinäre Kompagnie „Constanza Macras / Dorky Park“. Ihre Stücke tourten weltweit und wurden vielfach ausgezeichnet. Auch in Filmen sind Macras’ Choreografien zu sehen, etwa in Werken von Yorgos Lanthimos.
taz: Wie blicken Sie auf die Haushaltskürzungen des Berliner Senats im Bereich Kultur?
Macras: Es ist beängstigend. Ich habe in den neunziger Jahren in New York erlebt, was passiert, wenn der Kultur die Gelder gekürzt werden. Man konnte nur noch Arbeiten machen, die sich kommerziell verkaufen ließen – nicht das Beste für Kunst. Deshalb kamen viele großartige Künstler:innen nach Westberlin. Margaret Atwood schrieb hier „Der Report der Magd“ mit der Unterstützung eines Stipendiums. Man muss den Boden bereiten, damit Künstler:innen wertvolle Arbeit leisten können. Ich verstehe natürlich, dass auch in anderen Bereichen wie Bildung und Gesundheit nicht gekürzt werden darf, wobei diese eh auch schon unterfinanziert sind. Aber wir dürfen nicht vergessen, wie zentral Kultur für die Identität der Stadt Berlin ist. Nicht nur für den Tourismus – sie ist eine Lebensweise, eine Möglichkeit des Austausches.
taz: Merken Sie auch in Ihrer Kompanie eine wachsende Unsicherheit?
Macras: Ich habe großes Glück, weil ich immer noch Arbeit anbieten kann. Derzeit haben acht Leute einen Vertrag, die anderen arbeiten freiberuflich. Ich bin den Politiker:innen sehr dankbar, die hart für die Kultur arbeiten und uns ermöglichen, unsere Arbeit fortzusetzen. Trotzdem haben wir natürlich alle ein Gefühl der Unsicherheit. Es ist aber auch meine Verantwortung als Künstlerin, über Geldfragen nachzudenken. Für mich heißt das: weniger Kosten für Material, mehr für die Menschen. Für die nächste Show werde ich einfach Teile anderer Bühnen wiederverwenden. Die Requisiten, die ich für Back to the Present“ verwende, sind alle über 20 Jahre alt. Und ich versuche auch, talentierten Künstler:innen Türen zu öffnen: „Back to the Present“ engagiert etwa sieben Gäst:innen. Auf einer Bühne wie der Volksbühne zu stehen, ist eine gute Möglichkeit, um gesehen zu werden. Ich erinnere mich daran, wie es ist, als Tänzerin mit einem leeren Lebenslauf an Arbeit kommen zu wollen. Wir müssen alle darüber nachdenken, wie wir mehr Menschen in die Szene einbinden und solidarischer sein können.
taz: Verstehen Sie auch Ihre Kunst als politischen Akt?
Macras: Definitiv. In „Scratch Neukölln“ zum Beispiel haben wir mit Jugendlichen aus Neukölln zusammengearbeitet, die im Bildungswesen stark benachteiligt werden. Wir sollten wieder mehr solche Stücke machen, in die Nachbarschaften gehen und Orte schaffen, an denen sich Menschen begegnen und diskutieren können.
„Back to the Present – new version“, am 27. + 28. März an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz, 19.30 Uhr, dt. mit engl. Übertiteln
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