der rote faden

Eine Bühne für İlkay und Peter und ein Like für Trump

Foto: David Oliveira

Durch die Woche mit Ebru Taşdemir

War denn diese Woche Schlussverkauf in der Abteilung heroische Männer? Einer nach dem anderen trat ins Licht und konnte nach harten Verhandlungen, nach Seelenqualen oder einfach dummem Gehabe verkünden, dass es jetzt wieder aufwärts geht, besser wird, Frieden herrscht. Diese verbalen Pi­rouet­ten, diese aufklärerischen Gesten sollten, nein, müssen, noch einmal ins Licht der Öffentlichkeit getragen werden. Vorhang auf also für all die tollen Männer aus der vergangenen Woche, die Reihenfolge ist zufällig chronologisch gewählt.

Verbalpirouetten

Als erstes leuchtendes Beispiel treten im Doppelpack an: İlkay Gündoğan und Emre Can. Oder: Nach dem Like ist vor dem Like. „Ich habe den Like zurückgenommen, nachdem ich gesehen habe, dass es politisch gewertet wurde“, wird Gündoğan zitiert, nachdem er ein Foto seines ehemaligen Teamkollegen Cenk Tosun auf Instagram mit einem Herzchen versehen hat. Auf diesem Foto salutieren er und die türkischen Nationalspieler beim Länderspiel gegen Albanien und grüßen so die Soldaten der „Operation Friedensquelle“ nach dem Einmarsch der türkischen Truppen in Nordsyrien.

In den türkischen Medien war zu lesen, dass die türkischen Nationalspieler, also auch Tosun, im Mannschaftsbus türkische Märsche gehört und sich so auf das Spiel vorbereitet hätten. Dass Tosun salutiert, ist schon ein Ding. Aber stehen Gündoğan und Can wirklich hinter dem Krieg? Das vermag man kaum zu glauben. Aber man mag auch kaum glauben, dass sie wirklich gedacht haben, die deutsche Öffentlichkeit vergäße das Foto mit dem türkischen Präsidenten. „Glauben Sie mir: Nach dem letzten Jahr ist das Letzte, was ich wollte, ein politisches Statement zu setzen. Ich habe den Like bewusst zurückgenommen. Wahr ist, dass ich mich für meinen ehemaligen Teamkollegen gefreut habe, dass er das Siegtor gemacht hat“, wird Gündoğan jüngst zitiert.

Fußballerherzen

Aber auch die deutsche Öffentlichkeit verteilt ihre Herzen ganz so, wie es ihr beliebt. Oder erinnert sich noch jemand an den Tweet eines Lukas Podolski, der 2015 ebenfalls vor der roten Fahne der Türkei salutierte und türkische Soldaten grüßte? Eben. Podolskis Salut wird vergessen, Gündoğan wird sein Handeln immer wieder in Herzchenform aufs Brot geschmiert. Eine gute Freundin hat übrigens eine fantastische Politik, was Social Media angeht: Sie verteilt knallhart keine Likes, ist aber bestens informiert. Vielleicht könnte sie demnächst Fußballer mit Like-Schwäche beraten. Ich vermittle gern.

Aber kommen wir zu einem anderen Mann, der Krieg richtig gut findet: Peter Handke. Der Nobelpreisträger für Literatur 2019 ist als Fanboy von Slobodan Milošević geoutet. Nun können viele Männer endlich den Autoren hinter dem Werk in Schutz nehmen. Fast so, als ob man Großonkel Willi, der auf dem Geburtstag der Oma mal wieder rechten Scheiß von sich gibt, brabbeln lässt und ihm den Schnaps hinstellt, zur Belohnung. Oder damit er die Klappe hält. Dieser Peter brabbelte also am Mittwoch in dieser Woche, dass er Journalist*innen wohl gern „ein paar Fußtritte“ verteilt hätte, als sie nach der Verkündung des Nobelpreises vor seinem Gartenhäuschen in Frankreich standen.

Altherrengebrabbel

Genauso unsympathisch wirkt der Nobelpreisträger, wenn man ihn zum Werk von Olga Tokarczuk, Literaturnobelpreisträgerin 2018, befragt. Das Werk von Tokarczuk kenne er „überhaupt nicht, leider! Fast eine Schande von mir, dass ich so wenig lese, was heutzutag’ geschrieben wird, weil ich kein rechtes Vertrauen hab“, zitiert ihn die österreichische Kronen Zeitung. Aber das war jetzt genug Aufmerksamkeit für Peter irgendwas. Liebe Buch­händler*innen, die ihr nicht wisst, wie ihr Tokarczuk an die Leserschaft bringen sollt: Schreibt doch in die Schaufenster: Hier Bücher der Literaturnobelpreisträgerin Tokarczuk – garantiert nicht von Handke gelesen! Wäre das nicht eine wundervolle Art, diese Art Männer aus dem Licht zu zerren und die Bühne Menschen zu überlassen, die es verdient haben?

Männergespräche

Für die weiteren Auftritte haben sich viele heroische Männer in dieser Woche qualifiziert. Bernd Lucke beispielsweise, der die AfD mitgründete, wollte ein Seminar zu „Makroökonomie“ an der Uni Hamburg abhalten, es wurde ihm durch lautstarken Protest verwehrt. „Hat nix geklappt mit AfD, ich geh wieder Uni“-Lucke muss sich leider die Bühne der Heroen der Woche mit wirklichen Heroen teilen: „Great news out of Turkey“, twittert Präsident Trump am späten Donnerstagabend. Sein Vize Pence konnte der Türkei eine Feuerpause in Nordsyrien abringen. Harte Liebe („Tough love“) habe es dafür gebraucht. Mit Liebe und Spucke geht eben alles.

Oder diese sagenhaft heldenhaften Männer glauben wirklich, dass ihnen ihr Publikum das durchgehen lässt. Mal sehen, was es nächste Woche alles zu unliken gibt.

Nächste Woche Arianne Lemme