meinungsstark

Das Massaker war vorbereitet

„Warum kein Schuss fiel“, taz vom 9. 10. 19

Sicher mögen einzelne Mitglieder der Staats- und Parteiführung im Herbst 1989 einen Beitrag zur Deeskalation geleistet haben. Daraus aber abzuleiten, dass „führende SED-Mitglieder dafür sorgten“, ist eine haarsträubende Verdrehung der Tatsachen: Die „chinesische Lösung“, also ein Massaker an den Demonstrierenden, war für den 9. Oktober in Leipzig vorgesehen, angekündigt und minutiös vorbereitet. Das Blutbad blieb deshalb aus, weil die Masse der Demonstrierenden zu groß war. Die „friedliche Revolution“ ist eine Leistung der vielen mutigen Menschen, die in Leipzig trotz Todesgefahr auf die Straße gingen. Andreas von Kietzell, Lachen

Eine absurde Behauptung

„Der Baum des Gedenkens“, taz vom 12./13. 10. 19

Frau Unsleber behauptet: „Zu DDR-Zeiten wurde ja nicht über den Holocaust gesprochen.“ Allmählich möchte ich schreien, wenn ich diese absurde Behauptung lese. Der Völkermord an den Juden (das Wort Holocaust, im Westen mit der 1979 ausgestrahlten gleichnamigen Serie eingeführt, war im Osten offiziell nicht gebräuchlich) war ein in der DDR ständig präsentes Thema: Ein Besuch in einem ehemaligen Konzentrationslager gehörte zum Programm für jede Schulklasse (meine war im KZ Sachsenhausen, dazu war ich noch in Buchenwald).

Literatur wie „Professor Mamlock“, „Mario und der Zauberer“ und „Nackt unter Wölfen“ erreichte dank zentralisierter Lehrpläne alle Schülerinnen und Schüler in der DDR, alle kannten das Gedicht „Die Kinderschuhe aus Lublin“, die Judenverfolgung wurde während der ganzen DDR-Zeit in Filmen thematisiert, von „Die Mörder sind unter uns“ (1946) über die Verfilmung von Jurek Beckers Roman „Jakob der Lügner“ (1975) bis zu „Die Schauspielerin“ (1988). Das ließe sich endlos fortsetzen. Ich bin übrigens in die Herbert-Baum-Oberschule in Berlin-Friedrichshain gegangen, benannt nach einem jüdischen Mitglied der Roten Kapelle. Zur Vertiefung des Themas des angeblich verschwiegenen Holocausts empfehle ich das neue Buch von Daniela Dahn, „Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute: Die Einheit – eine Abrechnung“, sehr genau recherchiert, mit vielen interessanten Details.

Man kann viel Schlechtes über die DDR sagen, aber eins muss man ihr lassen: sie war dezidiert antifaschistisch. Viel plausibler ist es, die Gründe in den Erfahrungen der 30 Jahre nach dem Ende der DDR zu finden. Barbara Schmidt, Berlin

Kluge und vorsichtige Worte

„Fall für Verfassungsschutz?“, „Sprache mit und ohne Hass“, taz vom 30. 9. und 4. 10. 19

Mit klugen und erkennbar vorsichtigen Formulierungen hat Stefan Reinecke in seiner Kolumne versucht, die hitzige Debatte über Verleihung und Aberkennung des Nelly-Sachs-Preises zu entkrampfen. Die taz hat sich damit vermutlich Proteste vom Deutschen Zentralrat der Juden eingehandelt und sofort einen Gegenartikel von Jens Uthoff nachgeschoben. Beim Leser verstärkt dies nur die Botschaft, dass das Kampfwort Antisemitismus reflexartig und erfolgreich gegen jeden eingesetzt wird, der sich mit einer differenzierten Meinung aus der Deckung wagt. Barbara Skerath, Köln

Aus der Luft gegriffen

„Baden-Württemberg streitet über die Nakba“, taz v. 7. 10. 19

Es ist völlig aus der Luft gegriffen, wenn sich der baden-württembergische Antisemitismus-Beauftragte Michel Blume auf die obskuren „Protokolle der Weisen von Zion“ bezieht. Die israelischen Historiker Simcha Flapan, Benny Morris, Avi Shlaim, Tom Segev und Ilan Pappe haben die Vertreibung der meisten Araber durch jüdische Milizen wie Irgun und Haganah bestätigt. Sie hatten Zugang zu den Archiven dieser Milizen und zu den Tagebüchern von Ben-Gurion. Diese Vertreibung begann gleich nach dem Beschluss des UN-Teilungsplans 1947 und noch vor der Ausrufung des Staates Israel. Von den gut 1 Million im britischen Mandatsgebiet lebenden Arabern vertrieben die Milizen circa 750.000. Martin Breidert, Bad Honnef