Katrin Seddig
Fremd und befremdlich

Sitzblockaden können falsch sein, dumm – aber nicht gewalttätig

Foto: Lou Probsthayn

Katrin Seddig ist Schrift-stellerin in Hamburg mit einem besonderen Interesse am Fremden im Eigenen. Ihr jüngster Roman „Das Dorf“ ist bei Rowohlt Berlin erschienen.

Am Freitag gingen sehr viele Menschen auf die Straße, um eine Wende in der Klimapolitik zu fordern. Ich war nicht dabei, ich kam von einer Lesung und saß in der Bahn. Ich sah die Jugendlichen in den Brandenburger Zügen, die noch auf ihren Schößen die Plakate zu Ende pinselten, fröhlich und aufgeregt, und ich war berührt von dieser Fröhlichkeit. Wenn man jung ist, dann glaubt man insgeheim, dass alles irgendwie gut wird. Dass es nicht anders sein kann.

„Wir leben, nehme ich an, mit der uneingestandenen Hoffnung, dass irgendwann die Regeln und der Lauf und die Gewohnheit und die Geschichte durchbrochen werden, und zwar für uns, für unsere Erfahrung, dass wir es sind – das heißt, nur ich –, die es erleben dürfen. Wir streben immer danach, nehme ich an, Erwählte zu sein, wahrscheinlich wären wir sonst nicht besonders bereit, die ganze Bahn eines ganzen Lebens zu durchlaufen, das, ob kurz oder lang, uns allmählich besiegt.“ Diese Sätze habe ich mir neulich notiert, als ich das dreiteilige „Dein Gesicht morgen“ von Javier Marias (Übersetzung von Elke Wehr) las.

Die Jugendlichen von „Fridays for Future“ haben noch Hoffnung, die Erwachsenen haben schon weniger Hoffnung, aber alle zusammen hoffen wir noch und tun, was wir tun können, um unsere Welt zu retten, wir demonstrieren und ändern ein bisschen unseren eigenen Lebensstil. Einigen reicht das nicht, einige ändern ihren Lebensstil radikal, einigen reicht, angesichts der auf uns zukommenden Katastrophe, auch das Demonstrieren nicht, sie rufen zu zivilem Ungehorsam auf.

Ich unterhielt mich vor Kurzem recht angeregt mit einem Polizisten, der sagte, der zivile Ungehorsam sei ein wichtiges demokratisches (!) Mittel, und er wünschte sich, im Dritten Reich hätte es mehr Protest und mehr zivilen Ungehorsam gegeben. Er sagte, ohne Aktionen des zivilen Ungehorsams seien viele Gesetzesänderungen nicht zustande gekommen.

Interessant finde ich dieses Gespräch auch in Hinsicht auf die Folgen, die der zivile Ungehorsam in Form einer Straßenblockade in Hamburg, im Zuge und im Anschluss an die große Klimademonstration am Freitag hatte. Es wurde einigen der Blockierenden Gewalt von Polizisten angetan. Es ist von „Schmerzgriffen“ die Rede, die angewandt worden seien, weil diesen Blockierenden anders nicht beizukommen gewesen sei.

Man kann sich das im Einzelnen auf Videos im Internet ansehen, man kann sich fragen, ob das das „besonnene und professionelle Verhalten“, von dem der Hamburger Polizeisprecher Timo Zill spricht, darstellt, man kann sich aber auch nach dem Zweck solcher „Schmerzgriffe“ fragen, die offensichtlich nur bei Einzelnen angewandt wurden. Warum trägt man eine sehr zierliche junge Frau, wie in einem Video zu sehen, nicht einfach weg, warum verdreht man ihr die Finger und die Arme, war sie den Polizisten zu schwer, konnten sie sie anders als durch die Zufügung von Schmerzen nicht „in den Griff“ kriegen? Das ist kaum vorstellbar.

Ist es legitim, wenn die Polizei als Institution „erzieherisch“ politisch aktiv wird?

Sollen wir Angst bekommen? Soll uns damit gedroht werden? Ist es legitim, wenn die Polizei als Institution solcherart „erzieherisch“ politisch aktiv wird? Sitzblockaden können falsch sein, deplatziert, nervend, dumm, alles mögliche, aber eines sind sie nicht – gewalttätig. In vielen Situationen der Geschichte ist ziviler Ungehorsam notwendig und richtig gewesen, und es ist vielleicht die Aufgabe der Polizei, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen, in dem sie angemessene Mittel dazu anwendet, aber steht es ihr auch zu, Menschen zu „züchtigen“, damit sie sich in Zukunft anders verhalten?

Polizisten sind, wie ja immer betont wird, „auch nur Menschen“, sie sind anderen Menschen nicht moralisch überlegen. Auch aus diesem Grund müssen sie bei ihrem gesellschaftlichen Auftrag bleiben, und der besteht nicht darin, andere Menschen für ihr Verhalten zu bestrafen und an ihnen ein Exempel zu statuieren. Wir müssen also aufpassen, wir müssen genau hinsehen. Es betrifft nicht einzelne, es betrifft uns alle, die wir Angst bekommen sollen.