wortwechsel

Im Geist der Großen Transformation

Warnsysteme, Assistenten, Geschwindigkeitsbeschränkung: Reicht das? Bedarf es nicht radikalerer Lösungen angesichts der Gefährdung durch den Individual-Autoverkehr?

Der lange Schatten des Radfahrers Foto: Karsten Thielker

Technisch Machbares

„Innehalten und Aufschreien“, taz vom 9. 9. 19

In erster Linie sehe ich die Hersteller in der Pflicht, alles technisch Machbare zu unternehmen, um in Zukunft schwächere Verkehrsteilnehmer besser zu schützen. Das fängt mit der simplen Limitierung der Geschwindigkeit auf das am jeweiligen Ort zulässige Maß an. Andere Funktionen wie Spurhalteassistenten, Müdigkeits- oder Alkoholwarnsysteme oder Brems­assistenten, die Unfälle mit Fußgängern oder Radfahrern aktiv verhindern, können zusätzlich sinnvoll sein. Technisch ist das alles heute schon einfach zu haben.

Am Ende könnte es aber am Widerstand der Autolobby scheitern, die die Selbstbestimmung ihrer Kunden nicht einschränken mag. Wolfgang Möß, Eggstätt

Staufrei radeln

„verboten“, taz vom 9. 9. 19

Guten Tag, ich möchte den wahrscheinlich älteren weißen Herrn, der Autor dieses „verboten“ war, in das Stauparadies NRW einladen. Seine Ortskenntnisse erhält er aller Wahrscheinlichkeit nach von den Staunachrichten des Deutschlandfunks. Das verzeihen wir.

Wir möchten diesen Herrn nun einladen, die umliegende Örtlichkeit auf folgenden staufreien Bahnen kennenzulernen. Dies wäre zum Beispiel die Balkantrasse, die Korkenziehertrasse, die Nordbahntrasse, die Elbschetalbahn, die Glückaufbahn. Diese sind durch bürgerschaftliches Engagement entstanden, fernab von Finanzierung des Bundes, aber dafür im Geist der Großen Transformation, die der Klimawandel von uns fordert. In der Einladung sind enthalten WG-ähnliche Zustände und regionale Küche sowie ein Leihfahrrad. Und da der Herr ja auch fürs Wetter zuständig ist, sei ihm versichert: Wir fahren bei jedem Wetter, auch bei Sonne. Anja Vorspel, Düsseldorf

Wir sind einer Meinung: Kilometerlange Staus, egal in welchem Bundesland, und 3.500 Demonstrierende sind Signale an die Politik, namentlich an Minister Scheuer, endlich zukunftsfähige Verkehrskonzepte anzugehen – und also zu wenden.

Herzliche Grüße, die verbotin

Auto first

„Automatische Bremssysteme würden wirklich etwas bringen“, taz vom 9. 9. 19

Gut, dass nach dem schweren Unfall in Berlin allerorten plötzlich nach mehr Geschwindigkeitsbegrenzung in den Städten geschrien wird. Ich wohne in einer kleinen Stadt im Norden Bayerns mit knapp 68.000 Einwohnern. Bekannt für sein malerisches Stadtbild mit schmalen Gassen und Straßen. Hier gilt aufgrund der besonderen Straßenverhältnisse (eng, schlechter Belag, viele Fußgänger) fast überall in der Innenstadt Tempo 30, manchmal sogar 20 oder sogar nur 10 km/h oder Schrittgeschwindigkeit, etwa über den Domplatz. Sollte man sich als Autofahrer*in erdreisten, tatsächlich so langsam zu fahren, hat man/frau entweder ein anderes Auto an der hinteren Stoßstange kleben, wird behupt oder sogar kamikazemäßig überholt.

Ich wohne an einer 30km/h-Straße, habe aber bei Nebel Angst um meine Kinder, die zu Fuß die Straße queren müssen, um zur Schule zu gehen, denn dort gibt es keinen Gehweg. Dafür gibt es regen Verkehr von Arbeitspendlern auf dieser Straße, die locker mit 50 dort entlangpreschen. Kontrolliert ja auch keiner, fast nirgendwo, jedenfalls nirgendwo, wo es gefährlich ist. Auto first, das ist immer noch der Leitsatz in deutschen Städten.

Da hilft nur ein radikaler Gesinnungswandel, der Fußgänger und Radfahrer als Geschwindigkeitsgeber annimmt, und die Autofahrenden denen unterordnet, nicht nur was die Geschwindigkeit, sondern auch was den Platz angeht. Es kann gar nicht nervig genug sein, im ersten Gang ohne Gas einer Rentnertruppe auf Besichtigungstour hinterherzuschleichen – vielleicht steigen dann mehr Menschen um! Eveliina Juntunen, Bamberg

Wasserstoffauto? Nee!

„Grünes Gas im Chemiepark“, taz vom 7./8. 9. 19

Ein Wasserstoffauto mit Wasserstoff aus Strom benötigt etwa dreimal so viel Strom wie ein Elektroauto und verursacht also dreimal so viel Atomprobleme, dreimal so viel Kohleverbrennung mit dreimal so viel Klimagasemissionen oder benötigt dreimal so viele der knappen Wind- und Solarstandorte für den gleichen Nutzen. Das Ganze ist also das genaue Gegenteil von Klimaschutz. Hartmut Euler, Kiel

Waffen auf Rädern

„Nieder mit der Autokratie!“, taz vom 10. 9. 19

Eine sehr gelungene Titelseite und ein hervorragender Kommentar von Svenja Bergt. Umso größer ist die Enttäuschung beim Umblättern auf Seite 3. Ein völlig unpassendes Interview mit einem Unfallforscher, der sich über rein technische Verbesserungen auslässt. Dazu eine Randspalte mit der Überschrift „Große Ratlosigkeit“ mit der optisch hervorgehobenen, offenbar wichtigsten Aussage: „Wir müssen analysieren, wie es zu diesem schrecklichen Unfall kommen konnte.“ Ja wie denn wohl? Zu viel PS bei den Fahrzeugen, zu wenig Hirn bei den FahrerInnen dieser Waffen auf Rädern. Curt Schmidt, Stutensee

Falsche Bilanz

„Radikal konkret“, taz vom 4. 9. 19

Regelmäßig, so auch in dem Artikel, ist zu lesen, dass die Landwirtschaft nur für circa 7 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich sei. Dieser auf Deutschland bezogene Wert ist jedoch irreführend: Nationale Bilanzen verfolgen immer die Inlandsperspektive; sie haben eine andere Zielsetzung als produktbezogene Ökobilanzen. Konkret bedeutet das, dass etwa die Emissionen zu Agrarimporten, so das durch die Rodung des Regenwaldes für Sojafuttermittel und Weideflächen freigesetzte CO2, unberücksichtigt bleiben.

Darüber hinaus werden viele in der Landwirtschaft anfallende Emissionen unter anderen Branchen berichtet: Emissionen aus dem Vorleistungsbereich (zum Beispiel Düngerherstellung) und aus dem Energieverbrauch in der Landwirtschaft (landwirtschaftliche Feuerungsanlagen und Verkehr) etwa werden dem Energiesektor zugerechnet.

Auch die Treibhausgas-Emissionen aus landwirtschaftlicher Landnutzung und Landnutzungsänderungen (Umwandlung von Mooren in Äcker usw.) werden in anderen Sektoren gezählt. 58 Prozent des in Deutschland verwendeten Getreides landen laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft übrigens in den Trögen der Tiere, nur knapp ein Fünftel dient dem menschlichen Verzehr.

Gänzlich außen vor bleibt schließlich der Bereich der Aquakulturen – übrigens auch in den Berechnungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zur Nutztierhaltung. Apropos: Die FAO kam, global betrachtet, allein für die Nutztierhaltung auf einen Wert von 14,5 Prozent. Das ist mehr, als auf das gesamte weltweite Verkehrswesen (14 Prozent) entfällt.

Dirk Jessen, Braunschweig

Sinistrer Plot

„Tagebuch einer Bahnista: Mobiles Nichts“, taz vom 19. 9. 19

Bezugnehmend auf Pia Frankenbergs Artikel wehre ich mich gegen diesen beinahe hinterlistigen Versuch, „ex negativo“ etwas als existent darzustellen, was es nicht gibt. Nicht genug, dass, um die Leser*innen einzulullen, als Einstieg wohlfeiles Geschwätz über die Bahn verbreitet wird, erscheint tatsächlich als Höhepunkt dieses Artikels die Aktion einer sinistren Gruppe, die mit einem Schild „Bielefeld Senne 1223 km“ auf etwas nicht Vorhandenes verweist. Wenn es schon so schwierig ist, die Existenz Gottes zu beweisen, wie kann man dann die Existenz einer nicht vorhandenen Stadt beweisen? Ich schlage deshalb für diese Chimäre einen Namen vor, mit der sie wenigstens in der Literatur einen Platz hätte. Im Übrigen lege ich als Bewohnerin dieser Stadt Wert darauf, nicht zu existieren. Christine Halm, Wolkenkuckucksheim