wortwechsel

„Darf Greta noch atmen – oder ist das zu viel CO2?“

Die taz hat gerechnet: Gretas Hochseeabenteuer ist klimaschädlicher als ein Flug – weil auch ihre Crew zurückdüst. Aber ist das der springende Punkt? Viele taz-LeserInnen sagen: Nein

Klug und wild entschlossen – ist das die wahre Provokation? Greta Thunberg am 13. August in Plymouth beim Pressetermin mit der Nachrichtenagentur AP Foto: Kirsty Wigglesworth/dpa

„Gretas Segeltörn klimaschädlicher als Flug“, „Der Weg ist das Ziel? Nicht immer“, taz vom 16. und17./18. 8. 19

Ein rosa Elefant?

Wenn ich noch einen ach so aufgeweckten Kommentar über Greta Thunberg wie den von Frau Gaus lesen muss, die sich ohne Zögern zu der Reihe von Journalisten gesellt, die glauben, sie selbst hätten den unverklärten Blick auf Thunberg gepachtet, dann bluten mir die Augen aus. Ja, mag sein, dass eine Flugreise umweltfreundlicher gewesen wäre, aber können Sie sich den medialen Aufschrei vorstellen, wenn Thunberg auch nur einen Fuß in ein Flugzeug gesetzt hätte? Und selbstverständlich haben die Aufmerksamkeit, die durch die Schiffsreise erregt wird, und Thunbergs tatsächliche (!) Anwesenheit beim Klimagipfel einen nicht zu unterschätzenden symbolischen Wert für die Bewegung. Allein schon, weil sich zeigt, dass Thunberg konsequent bei ihrem selbst gewählten Reisestil bleibt.

Was natürlich nicht heißt, dass nun von jedem erwartet wird, selbst über den Atlantik zu rudern – ein Ausgleich des CO2 Ausstoßes oder ein bloßer Verzicht kann genauso wertvoll sein. Können wir also endlich aufhören, jeden Schritt, den Thunberg oder die Fridays-For-Future-Leute tun, auszuschlachten, und anfangen, über die weitaus wichtigeren Forderungen, die sie stellen, zu sprechen, die übrigens ihre Legitimität genauso behalten würden, wenn Thunberg auf einem rosa Elefanten den Atlantik überqueren würde. Anna Thiemann, Essen

Schuld und Sühne

Die taz ist zu kurz gesprungen. Neben den Personen, die das Boot zurücksegeln, ist Frau Thunberg für noch mehr CO2-Verbrauch verantwortlich: Einige Journalisten reisen nur ihretwegen zum Konferenzort. Die Flugkilometer aller Journalisten, die Frau Thunberg dort interviewen, sind anteilig bei ihr zu verbuchen, nicht bei den Journalisten. Auch wird Frau Thunberg dort in einem Hotel wohnen, sie wird die Infrastruktur der Stadt nutzen. Der anteilige CO2-Verbrauch all dieser Personen wäre logischerweise nicht entstanden, wenn sie zu Hause geblieben wäre.

Aber das ist nicht alles: Auch mit ihrem Schulstreik verursacht sie indirekt aber eindeutig jede Menge CO2: Das beginnt bei den Stromkosten für die weltweiten Internetabfragen zu ihr und zum Klimawandel. Hinzu kommen die ganzen Staus in den Innenstädten, die durch die Freitagsdemos ausgelöst werden. Frau Thunberg alleine verursacht mehr Emissionen als viele Arbeiter im rheinischen Braunkohletagebau. Thunberg ist schuld, nicht RWE! Sie sollte sofort aufhören mit ihrem Kreuzzug! Dann ist der Klimawandel auch gleich nicht mehr so schlimm. Das wird man ja wohl mal sagen dürfen.

Jobst Jungehülsing, Berlin

Selbstverantwortung

In allen Artikeln zu Greta Thunbergs USA-Reise in der Wochenend-taz wird Greta Thunberg die Verantwortung für das Verhalten anderer Menschen – der Skipper und bootrückführenden Personen in diesem konkreten Fall – gegeben. Wenn Greta Thunberg dafür „die Schuld“ gegeben wird, dann wird hier schnell wieder das gemacht, was auch sonst im tagespolitischen Geschehen üblich ist: andere verantwortlich zu machen statt selbst verantwortlich zu agieren und auch so wahrgenommen zu werden.

Greta Thunberg ist keine Regierung, sondern eine 16-jährige Einzelperson, die gerade ganz viele Projektionen von allen Seiten abbekommt. Aber auch hier wieder Verantwortung von erwachsenen Menschen abzuziehen, die selbst überlegen können, ob und wie sie mit ihrem Supersegelschiff zurückkommen, reproduziert ein für mich problematisches Politikmodell, in dem es darum geht, hinter einer Person herzulaufen, ohne selbst zu denken und denken zu müssen.

Und ganz jenseits dessen: Wie schwierig es ist, emissionsfrei in die USA zu reisen, war mir vor diesen ganzen Artikeln nicht so deutlich – für mich also hat diese Schifffahrt ganz schön viel gebracht, noch mal mehr und genauer über Interkontinentalreisen nachzudenken. Für mich selbst – und nicht in schnellen Verurteilungen von anderen. Danke, Greta!

Lann Hornscheidt, Berlin

So viel Spott und Kritik

Liebe Greta, so viel Spott und Kritik, egal welche Medien man sich anschaut! Da möchte ich mit einem Dankeschön dagegenhalten. Mich freut es, wie Du es mit immer neuen, kreativen Ideen schaffst, uns einen Spiegel vorzuhalten. Da sind Deine Kritiker also durchaus in der Lage, Dir bis ins kleinste Detail die Energiebilanz Deines Segeltrips vorzurechnen (der nach meiner Information auch ohne Dich stattgefunden hätte).

Wie sehr würde ich mir wünschen, sie würden die gleiche Akribie auch in Bezug auf die Konsequenzen ihres eigenen Tuns aufwenden. Da brauchtet ihr nicht länger die Schule zu „schwänzen“.

Karin Schaefer, Bielefeld

Anfeindungen stinken

Die schlimmen Anfeindungen, denen Greta Thunberg mittlerweile ausgesetzt ist, stinken so zum Himmel, dass sie eine Unmenge an CO2 freisetzen. Offensichtlich erkennen viele Erwachsene, darunter sehr viele Politiker, dass ihre Unfähigkeit, der Klimakatastrophe entgegenzusteuern, ruchbar geworden ist.

Claus Reis, Schwabach

Große Enthüllung?

Ihr, die taz, habt also „enthüllt“, dass die Crew des Schiffes – nachdem Greta das Boot verlassen hat – mit dem Flugzeug zurückkehrt. Und das lastet ihr nun Frau Thunberg an. Wenn ich morgen Früh die taz mit dem Auto am Kiosk holen fahre, werden diese Emissionen dann euch, der taz, angelastet oder mir?

Insgesamt geht ihr mir mit eurer Berichterstattung zu Frau Thunberg gehörig auf den Nerv. Warum könnt ihr nicht einfach anerkennen, dass es jemand schafft, konsequent zu sein? Ich kann gut damit leben, nicht so konsequent zu sein, und finde es bei ihr trotzdem gut.

Stefan Schlepütz, Dortmund