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Naturbelassen und biodynamisch: Zwei Hafertage wirken drei Wochen

Durch das Mikrobiom zum Verständnis zahlreicher Erkrankungen: Eine Ernährungsempfehlung in der anthroposophischen Medizin beruht auf einem Verständnis nicht nur des menschlichen Organismus

Die Ernährung hat für die Gesundheit, für das Gesundsein, Gesundbleiben und das Gesundwerden eine große Bedeutung. Matthias Girke, Facharzt für Innere Medizin am Berliner Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe und Leiter der Medizinischen Sektion der Freien Hochschule am Goetheanum: „Das sogenannte Mikrobiom (Darmbakterien) wird für das Verständnis zahlreicher Erkrankungen ­– zum Beispiel von Diabetes, onkologischen Erkrankungen, kardiovaskulären Erkrankungen und das seelische Befinden – immer bedeutsamer und kann durch die Ernährung beeinflusst werden.“

Rudolf Steiner hat auf die Bedeutung des Mikrobioms bereits in Vorträgen in den 1920er Jahren hingewiesen und auch den Zusammenhang von Ernährung und Bewusstsein erläutert. Für die anthroposophische Medizin ergeben sich daraus ernährungsmedizinisch relevante Gesichtspunkte. „Ähnlich wie wir den Menschen in seiner funktionellen Dreigliederung begreifen – ein Nerven-Sinnes-System als Träger des Bewusstseins, ein differenziertes, heute immer besser verstandenes rhythmisches System sowie ein Stoffwechsel-und Bewegungssystem unterscheiden – und dem Verständnis der Erkrankungen zugrunde legen, so finden wir eine entsprechende Dreigliederung auch in der Pflanze – Wurzel, Blatt und Blüte“, erklärt Girke. Eine Ernährungsempfehlung wird nicht nur im Hinblick auf Inhaltsstoffe ausgesprochen, auch die Herkunft aus der dreigliedrig differenzierten Pflanze ist entscheidend.

In der Havelhöhe finden die anthroposophischen Gesichtspunkte praktische Umsetzung. Das beginnt bei der Auswahl von naturbelassenen und möglichst biodynamischen Produkten und ihrer sorgsamen Zubereitung. Girke: „In der Klinik gibt es darüber hinaus einen ‚Ernährungskreis‘, in dem die unterschiedlichen Disziplinen aus der Küche, die Ernährungsberaterinnen und ärztlichen Kollegen an der konzeptionellen Entwicklung zusammenarbeiten.“ In der Diabetologie wurden so vor mehr als zehn Jahren die sogenannten Hafertage eingeführt. „Mit zwei Tagen Haferernährung lässt sich eine deutliche Verbesserung des Zuckerstoffwechsel erreichen, die erstaunlicherweise nicht nur an diesen Hafertagen eintritt, sondern etwa drei Wochen anhält“, erläutert Girke.

Die Mediziner beobachten, dass die Insulinresistenz deutlich gesenkt wird und oftmals sehr hohe Insulindosen erheblich reduziert werden können. „Auch in der Krebsheilkunde und damit in dem Onkologischen Zentrum des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe spielen ernährungsmedizinische Gesichtspunkte eine Rolle und können sogar die Wirksamkeit einer chemotherapeutischen Behandlung positiv unterstützen.“ Die Umstellung auf eine mediterrane Kost zeige besonders bei rheumatologischen Erkrankungen eine eindrucksvolle Wirkung. Ernährungsmedizin hat eine große Bedeutung für das Gesundbleiben, für die Therapie und die Primär- und Sekundärprävention. Sie verlangt allerdings ein umfassendes Verständnis – erst dann kann sie ihre gesundende Wirkung entfalten. Susanne Kretschmann