heute in hamburg

„In Ägypten gab es eine Mumien-Industrie“

Foto: MKG/Maria Thrun

Frank Hildebrandt, 40, Archäologe, leitet seit 2008 die Antikensammlung des Museums für Kunst und Gewerbe.

taz: Herr Hildebrandt, Sie sprechen heute über „Tiere, Menschen, Monster in der Antike“. Welche Monster meinen Sie?

Frank Hildebrandt: Diejenigen, die sich die Antike dazugedichtet hat. Wie den Minotaurus, ein Stierkopf mit Menschenkörper, der in einem Labyrinth lebte und regelmäßig Kinderopfer forderte.

Warum sollen wir uns heute für antike Monster interessieren?

In den antiken Geschichten – etwa von Hera­kles, der allerlei Heldentaten vollbringen muss – fällt auf, dass die Helden mit zunehmender Entfernung von der Heimat immer skurrilere Lebewesen treffen: menschenfressende Rösser, dreiköpfige Höllenhunde. Je weiter sie sich aus ihrem vertrauten Bereich entfernten, desto abstruser die Figuren. Und das ist recht aktuell, wenn man bedenkt, wie viele Vorurteile entstehen, weil man kaum Wissen über bestimmte Regionen und ihre Menschen hat.

Zeugt das von Rassismus?

Nein, man wollte die Helden eher dadurch adeln, dass sie so skurrile Wesen besiegt hatten.

Nette Monster gab es nicht?

Nein. Sie sind zwar alle ein bisschen sympathisch, und man hat ein gewisses Mitleid mit ihnen. Minotaurus zum Beispiel: Natürlich frisst er alle paar Jahre die Athener Kinder, die ihm geliefert werden. Aber irgendwie ist er auch arm dran, so einsam im Labyrinth …

Und was bedeuteten Tiere in der Antike?

Dasselbe wie heute: Sie konnten gefährlich, aber auch Jagdbeute sein oder vor Naturkatastrophen warnen, indem sie rechtzeitig flohen. Allerdings gab es auch Haus- und Kuscheltiere. Ein ägyptischer Pharao hat seinen Hund in einem pompösen Beamtengrab bestatten lassen.

Betrieb die Antike auch Massentierhaltung?

Ja. Im alten Ägypten gab es Tiere, die bestimmte Gottheiten symbolisierten. Irgendwann kam man auf die Idee, diese Tiere zu mumifizieren, um sie als Opfergaben zu spenden. Da­raus entwickelte sich eine regelrechte Mumien-Industrie. Auf unterirdischen Tierfriedhöfen hat man Zehntausende Ibis-, Katzen- und Hundemumien gefunden. Medizinische Untersuchungen ergaben, dass viele Bissspuren und Verkrüppelungen hatten. Das weist auf eine Massentierhaltung zu dem Zweck hin, diese Tiere zu töten und zu mumifizieren.

Interview Petra Schellen

Vortrag „Tiere, Menschen, Monster in der Antike“: 18 Uhr, Hafencity-Universität, Übersee­allee 16, Raum 150