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THEATER

TheaterKatrin Bettina Müllerbetrachtet das Treibenauf Berlins Bühnen

Er ist der Feind aller militanten Gartenfreunde und Wimbledonrasenfanatiker: der Maulwurf, der auf dem fetischisierten Garten-Grün unaufhörlich braune Erdhügel aufwirft, die das Produkt stetiger untergründiger Wühlarbeit sind. Dabei ist das emsige Wühltier in seinem blindwütigen Fleiß, mit dem er Grundstücke großräumig untertunnelt, dem Gartenfreund in Sachen Penetranz vielleicht ähnlicher, als dem Gartenfreund lieb ist. Trotzdem wird der Maulwurf verfolgt. Mit seinem subversiven Potenzial eignet er sich jedoch hervorragend als Künstlermaskottchen. Er ist also quasi das Wappentier der Saisoneröffnung im HAU geworden, wo ein Maulwurf-Festival ausgerufen wurde: „Der Maulwurf macht weiter: Tiere / Politik / Performance“.

In diesem Kontext zeigen Künstler*innen wie Alexandra Pirici, Nicoletta Esinencu und Sarah Vanhee ihre Arbeiten, sprechen Denker*innen wie Bruno Latour oder Jack Halberstam über das Tier in uns und überhaupt, über Wühltiere und andere Whistleblower. Das titelgebende Zentralereignis steuert der französische Theatermacher und Schrulligkeitsweltmeister Philippe Quesne mit „Die Nacht der Maulwürfe“ bei: ein Theaterabend, der in die skurrilen wie poesiegeladenen Tiefen des Maulwurfreichs führt. Dort treffen wir sie dann, die Maulwürfe. Aber sie bleiben nicht im Theater, sondern brechen an den folgenden Tagen auch in den Stadtraum auf. Wie? Ja, das müssen sie dann schon selber sehen (HAU: „Das Festival der Maulwürfe“, bis 8. 10. www.hebbel-am-ufer.de).

Während die mythische Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (wie sie gerade die französische Tageszeitung Libération genannt hat) von Aktivist*innen besetzt wurde, und die Tragödie um die Umwidmung dieses Theaters kein Ende nimmt, bereitet sich die neue Nebenspielstätte am Flughafen Tempelhof „Hangar 5“ auf die erste Sprechtheaterpremiere der Dercon-Volksbühne vor: „Iphigenie“ von Mohammad Al Attar. Gemeinsam mit einer Gruppe syrischer Frauen legt der 1980 in Damaskus geborenen und 2015 nach Berlin geflüchtete syrische Dramatiker und Theatermacher des Jahrgangs 1980 den zweieinhalb Jahrtausende alten Stoff von Euripides als Folie über die Gegenwart: die Geschichte von der Königstochter Iphigenie, die von ihrem Vater Agamemnon in Aulis geopfert werden soll, um die Göttin Diana milde für seine Fahrt in den Trojanischen Krieg zu stimmen. Doch statt geopfert zu werden, hüllt die Göttin Iphigenie in eine Wolke und bringt sie auf die Insel Tauris ins Exil (Hangar 5: „Iphigenie“, 30. 9.–3. 10., jeweils 20 Uhr. In arabischer Sprache mit deutschen & englischen Übertiteln).

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