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Archiv-Artikel

Zu wenig kritische Distanz

betr.: „Vertreibung zum Erfolg“, taz nrw vom 17.9.2005Sie vermissen „kritische Distanz“ bei der Ausstellung zum Thema Eingliederung der Vertriebenen. Leider hatte ich keine Gelegenheit, die Ausstellung zu sehen, aber etwas fällt mir an Ihrem Kommentar auf: nämlich zu wenig kritische Distanz gegenüber den Vertreibern. Als ob das damals alles so glatt und problemlos gegangen wäre, als ob zur Vertreibung nicht auch Gewalttaten, Hunger, Krankheit und tausendfacher Tod von Zivilisten gehört hätte – und als ob die Vertreibung der Deutschen nicht Teil einer riesigen Aktion der ethnischen Säuberungen in Mittel- und Osteuropa gewesen wäre, die eine Folge nicht nur des Hitlerkrieges, sondern auch und vor allem des Stalinismus. Dass die schlimmeren Verbrechen vorher von den Nazis begangen wurden, steht außer Frage – aber wieso kann man Naziverbrechen und Stalinverbrechen so gegeneinander aufrechnen, daß am Ende Null herauskommt? Opfer dieser Vertreibungen waren ja nicht nur Deutsche, sondern auch Polen, Ukrainer, Lemken, Litauer, Ungarn – nicht zu sprechen von all den Menschen, welche nicht vertrieben, sondern zwangsweise „nach hause“ oder gleich nach Sibirien verschleppt wurden. Übrigens gab es 1945 auch in den Niederlanden Pläne, das halbe Münsterland zu annektieren und die Westfalen zu vertreiben (das wurde in u.a. in einer Ausstellung des Hauses der Geschichte in Bonn gezeigt). Diese Überlegungen wurden aber noch 1945 ad acta gelegt – weil die Niederlande eben eine Demokratie waren, und die Westmächte dafür nicht zu gewinnen waren.

[...] Übrigens, damit Sie mich nicht gleich in die Rechtsradikale Schublade stecken: ich habe seit den sechziger Jahren die Brandtsche Ostpolitik der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie unterstützt, meine Familie ist deutsch-polnisch gemischt, ich habe vor vielen Jahren fließend polnisch gelernt, habe Polen und Tschechien öfter besucht (nein, kein Spätaussiedler). Gerade weil ich diese ganze Problematik schon seit langem kenne, auch aus polnischer Sicht, habe ich etwas gegen das Verharmlosen eines Teils der Geschichte, der nicht in den Kram passt. ANDREAS THOMSEN, Essen

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