Berliner Szenen: Im Pflegeheim
Dies und das
Es dauert Stunden, bis der Aufzug im vierten Stock ankommt. Eine Pflegerin erzählt, dass die meisten Bewohner des Pflegeheims in Doppelzimmern lebten. Allein in einem Zimmer seien nur die, die Krankenhauskeime hätten, also quasi leichte Quarantäne. Dann sind wir im vierten Stock.
Wir sagen „Hallo“, geben vorsichtig die Hand und sitzen am Bett des alten Freundes. Es ist erster Advent. Seit sechs Tagen ist er hier. Er erzählt, eine Kapelle habe am Vormittag im Hof des Pflegeheims Weihnachtslieder gespielt. Gestern hatte er schon wieder in’s Krankenhaus gemusst. „Wie heißen die Ärzte nochmal, die immer die Schwänze vermessen?“ Alles war übel und dass er wusste, dass es eigene Schuld ist, half auch nicht viel.
Wir reden dies und das, kommen irgendwann auch auf Benjamin, Kracauer und Frank Walter Steinmeier. M. hatte zusammen mit Steinmeier studiert. In den 70er Jahren in Gießen wäre Steinmeier immer „Frank Stone“ genannt worden.
Über dem Bett des Zimmernachbarn hängen Privatfotos in Petersburger Hängung. Bewegungs- und lautlos liegt er in seinem Bett. Wir wissen nichts von ihm. Ob er zum Beispiel wahrnimmt, was wir reden.
M. erzählt, wie er 1976 in Italien, bei einem Kongress der Zeitschrift Il Manifesto gewesen war. Kurz streifen wir den Mord an Aldo Moro, den siebenjährigen Krieg, die Geschichte der Buchhandlung Schropps. H. erzählt von einem berüchtigten Pflegeheim in der X-Straße, dessen alkoholsüchtigen Insassen tagsüber die Gegend unsicher machen.
Im Fernseher gibt es „Don Camillo und Peppone“. H. sagt, Fernandel habe mit dem Vichy-Regime kollaboriert. Der Mitbewohner sagt kaum hörbar „Tschüss“, als ich „Tschüss“ sage. Vielleicht hat er aber auch gar nichts gesagt.
Detlef Kuhlbrodt
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