Gemeinsam behindert werden

Der große Einschnitt

Jörn Schnoor wusste dass er erblinden wird. Wieviel sich für seine Frau Sylvia ändern würde, ahnten die beiden zuvor nicht

Je weniger Jörn Schnoor sehen konnte, desto seltener verreiste er mit seiner Frau Sylvia Foto: Michel Arriens

HAMBURG taz | Ein sonniger Herbsttag in Hamburg-Farmsen. Sylvia Schnoor sitzt im Wohnzimmer, Hund Pelle wuselt aufgeregt um ihre Füße herum. Ihr Mann kocht Kaffee und fragt aus der Küche nach Milch und Zucker. „Hier im Haushalt bin ich sehr autark“, erklärt Jörn Schnoor, als er den Kaffee serviert. Der 73-Jährige ist blind.

Die Diagnose „Glaukom“ erhielt er bereits Ende der 70er-Jahre. Lange Zeit behandelte Jörn Schnoors Arzt die Augenkrankheit mit Medikamenten, die den vollständigen Sehverlust eine Weile aufhalten konnten. Dann wurden Operationen notwendig, Schnoor konnte immer schlechter sehen. Vor acht Jahren erblindete er. Blind ist in Deutschland, wer mit dem bessersehenden Auge auch mit Brille oder Kontaktlinsen weniger als zwei Prozent von dem sieht, was ein normalsehender Mensch erkennen kann.

„Der Sehverlust meines Mannes war ein schleichender Prozess“, sagt Sylvia Schnoor. „Wir haben versucht, es so hinzunehmen. Ich habe nicht darüber nachgedacht, dass das nicht nur für ihn, sondern auch für mich ein Einschnitt im Leben bedeutet.“

Diese Haltung kennt Christiane Rupp sehr gut. Die Psychologin bietet beim Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) Beratung für Betroffene und Angehörige an. „Vor allem Ehepartner gestehen sich häufig nicht zu, selbst einen Anspruch auf Rat und Hilfe zu haben, obwohl für sie die Situation ebenfalls eine starke Veränderung im Leben bedeutet, die bewältigt werden muss“, sagt Rupp.

Dabei hätten gerade die Ehepartner völlig andere Sorgen und Nöte als die Betroffenen selbst. „Dies trifft natürlich auf Kinder, Geschwister oder andere nahestehende Menschen von Betroffenen gleichermaßen zu“, sagt Rupp.

Anderer Alltag

Seit Jörn Schnoor nichts mehr sehen kann, hat sich im gemeinsamen Alltag der beiden einiges verändert. Sylvia Schnoor bereitet vieles vor, um ihrem Mann ein hohes Maß an Selbstständigkeit zu ermöglichen – zum Beispiel beim Einkauf, den Jörn Schnoor einmal die Woche erledigt. „Und ich muss besonders darauf achten, dass alles an seinem Platz ist“, sagt die 69-Jährige.

„Ordnung und Struktur sind besonders wichtig, damit sich ein blinder Mensch in seinem Alltag zurechtfindet“, erklärt Annette Schacht, Sozialberaterin beim BSVH. Die sehenden Partner müssten sich sehr disziplinieren. Ein nachlässig vergessenes Messer auf der Arbeitsfläche, eine offenstehende Schranktür oder ein nicht aufgerolltes Kabel nach dem Staubsaugen könnten für Menschen mit Seheinschränkungen schnell zu gefährlichen Fallen im eigenen Zuhause werden. „Deshalb sind die Angehörigen stets in Sorge, etwas zu übersehen. Das bedeutet eine große Verantwortung und oft auch eine hohe Belastung“, sagt Schacht.

Auch neigten Angehörige häufig dazu, den blinden oder sehbehinderten Menschen in ihrem Umfeld zu viele Dinge abzunehmen, um sie nicht zu gefährden. „Wir erleben es in den Gesprächen sehr oft, dass sehende Partner die komplette Haushaltsführung übernehmen, ihre Angehörigen stets begleiten und ihre eigenen Interessen komplett hintenan stellen“, sagt Schacht. „Häufig gehen sie dabei stark an ihre Grenzen, zumal die meisten Menschen in Deutschland aufgrund altersbedingter Augenerkrankungen erst im höheren Alter von Seheinschränkungen betroffen sind.“ Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Zahlen vorgelegt, nach denen 70 Prozent der Betroffenen – und damit auch deren Partner –älter als 60 Jahre alt sind.

Gemeinsames schwindet

Sylvia und Jörn Schnoor sind seit 49 Jahren ein Paar, 48 Jahre davon verheiratet. Früher sind sie gerne gemeinsam verreist. Jörn Schnoor arbeitete lange im Außendienst, seine Frau bis zur Geburt ihrer gemeinsamen Tochter im Verkauf. „Über fünf Jahre arbeitete ich in Potsdam. Meine Frau ist damals manchmal mitgekommen, wir waren häufig in Berlin und sind in den Ferien regelmäßig mit unserer Tochter in den Urlaub gefahren“, erzählt Schnoor. Je weniger Jörn Schnoor sehen konnte, desto seltener wurden die gemeinsamen Reisen.

„Ich kann ja das Schöne an den Ausflügen nicht mehr gemeinsam mit meinem Mann erleben“, sagt Sylvia Schnoor, zumal sie durch ein Knieleiden inzwischen selbst eingeschränkt sei. „Aufgrund meiner eigenen Immobilität müssen wir Besichtigungen mit dem Bus machen. Mein Mann hat davon dann leider überhaupt nichts.“

„Für mich ist es einfacher, wenn wir an einen Ort fahren, an den ich mich noch erinnern kann. Außerdem bekomme ich mehr mit, wenn ich Dinge zu Fuß erkunde“, bestätigt ihr Mann. Also fahren die beiden weiterhin regelmäßig nach Berlin oder in ein Hotel für blinde und sehbehinderte Menschen am Timmendorfer Strand, obwohl sie sich dafür eigentlich zu jung fühlen. Neues erkunden sie aber nur noch selten gemeinsam. „Das ist sehr schade“, sagen sie im Chor.

Es gebe nur wenig Menschen, denen man sich in ihrer Situation anvertrauen könne, sagt Sylvia Schnoor. Familie, Freunden und Bekannten möchte sie mit dem Thema Krankheiten nicht zur Last fallen. Aber auch unter den sehenden Angehörigen von blinden und sehbehinderten Menschen, die sie kenne, gebe es wenig Austausch. „Wir sprechen einfach nicht über unsere eigenen Probleme.“

Sylvia Schnoor ist eine zupackende Frau. Sie interessiert sich für Buddhismus, engagiert sich ehrenamtlich im Hospiz Hamburg Leuchtfeuer, in ihrer Wohnungsgenossenschaft und – gemeinsam mit ihrem Mann – als Stadtteilbetreuerin beim Blindenverband. „Es hilft, wenn man viel um die Ohren hat“, sagt sie. „Und die Anerkennung tut gut.“

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de