China: 93 Millionen Mal König

China strebt nach Abwechslung: 273 Millionen Chinesen teilen sich die Namen Wang, Li und Zhang. Ein neues Gesetz soll dies ändern.

Wie heiße ich wohl? Demnächst wird die Frage schwieriger beantworten zu sein. Bild: dpa

Rund 250 Personen namens Wang, Li und Zhang müssten statistisch gesehen unter den 1.001 Chinesen sein, die ab heute auf der documenta in Kassel als wandelndes Werk des Künstler Ai Weiwei unterwegs sind. Der einheitliche Look der vermeintlichen Touristen ist in Kassel Teil des Konzepts, bezüglich der Familiennamen ihrer Landsleute wünscht sich die chinesische Regierung nun allerdings mehr Diversität.

Laut einer Studie vom April tragen 85 Prozent der Bevölkerung einen der hundert beliebtesten Namen, mindestens 100.000 Chinesen heißen Wang Tao. Als Maßnahme gegen Verwechslungen, Konfusion und Betrug strebt die chinesische Regierung nun eine Lockerung der bestehenden Namensgesetze an.

Bislang galt die Regel, dass ein Kind den Namen der Mutter oder des Vaters erhält. Zur Erweiterung des nationalen Namenspools empfehlen die Behörden nun die Kombination der beiden elterlichen Nachnamen. Wangli oder Liwang könnten schon bald die neuen Modenamen sein.

Im Prinzip folgt die neue Regelung einem bereits existierenden, allerdings offiziell nicht erlaubten Trend, der der zunehmenden Individualisierung der chinesischen Gesellschaft entspringt. So ist gerade unter jüngeren Paaren die Vergabe von Hybridnamen schon lange beliebt.

Diese Doppelnamen aus einheimischem Wortmaterial dürften der Regierung weit willkommener sein als ein anderer aktueller Trend: Nach dem Vorbild Hongkongs und Taiwans begeistert sich die junge Generation für englische Modenamen, unter Freunden nennt man sich neuerdings Jenny, Fanny oder James. Insofern kann die Gesetzeslockerung als Flucht nach vorn verstanden werden, als Zugeständnis an die Jugend - und als Maßnahme, die nun wenigstens einer Anglifizierung der Familiennamen entgegenwirken soll.

Als "Namensbarbarei" kritisierte schon der schwedische Sprachwissenschaftler Adolf Noreen in den 20er-Jahren die Art und Weise, wie sich seine Landsleute aus fremdsprachigem Material neue Namen bastelten. In Schweden war es die Dominanz einiger weniger Patronyme - Johansson, Andersson, Klarlsson, Nilsson und Eriksson stellen noch immer unangefochten die Top 5 -, die den Wunsch nach neuen Namen beförderte und die Kreativität der Bevölkerung zu unerwünschten Höhenflügen trieb. Damals reagierte die schwedische Regierung prompt und beauftragte Noreen mit der Erstellung eines Namenskatalogs.

Schwedische Struktur auf allen Ebenen, Kürze und leichte Memorierbarkeit gehörten zu den Kriterien, auf deren Basis eine Auswahl entstand. Befördert wurden nach und nach vor allem die zweigliedrigen Naturnamen wie Sjögren oder Dalberg, heute kann man sich auf der Homepage des schwedischen Patentamts einen solchen Namen für 150 Euro erstellen lassen, inklusive einer schnellen und endgültigen Namensänderung.

Auffallend ist die strukturelle und semantische Ähnlichkeit mit jüdischen Namen wie Rosenkranz und Mandelbaum, die darauf zurückzuführen ist, dass diese im 19. Jahrhundert von deutschen Bürokraten unter Einfluss der Romantik zwangsvergeben wurden - aus dieser Zeit stammen auch die ersten schwedischen Familiennamen dieses Typs.

Ähnliche Bedeutung könnten nun auch die neuen zweisilbigen Namen haben, die die chinesische Regierung empfiehlt: Wang zum Beispiel bedeutet "König", der Name Li "Pflaume" oder "Pflaumenbaum".

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de