Rumänischer Priester: Die Securitate unter der Soutane

Die rumänische orthodoxe Kirche wählt ein neues Oberhaupt. Die taz traf einen Priester, der als Oppositioneller galt - und erstmals über seine Arbeit für die Staatssicherheit berichtet.

Katholische Geistliche bei einer Palmsonntagsprozession in Bukarest Bild: dpa

BUKAREST taz Iustin Marchis ist ein strenger Herrscher. Der kleine und schlanke, in eine lange schwarze Soutane gekleidete Priester steht mit gefalteten Händen vor dem Kirchenportal und wacht mit unbeweglicher Miene darüber, wie die Nonnen die Glocken läuten und der Chor zu singen beginnt. Dann befiehlt er einem Priesterkollegen in soldatischem Ton, mit welchen Gesängen und Ritualen der Gottesdienst fortzuführen ist.

Kontakte zur Securitate: Neben drei Erzbischöfen und einem Bischof, die ihre Kontakte zur Securitate freiwillig eingestanden haben, waren möglicherweise bis zu 16 weitere hochrangige Würdenträger der rumänisch-orthodoxen Kirche Zuträger von Ceausescus Geheimpolizei, wie das Leitungsmitglied der Aktenöffnungsbehörde CNSAS, Mircea Dinescu, Ende August bekannt gab.

Das neue Kirchenoberhaupt: Daniel Ciobotea, der Metropolit der Kirchenbezirke Moldau und Bukowina, der aller Voraussicht nach heute zum neuen Patriarchen der rumänisch-orthodoxen Kirche gewählt wird, soll einer dieser 16 Würdenträger sein. Während der Ceausescu-Diktatur verbrachte er als Theologe einige Studienjahre in Westeuropa, darunter auch in Deutschland. Bei Auslandsaufenthalten, vor allem beruflichen, verlangte die Securitate in vielen Fällen eine Zusammenarbeit. Ciobotea machte ab Ende der Achtzigerjahre eine schnelle Karriere in der orthodoxen Kirche und wurde 1990 im Alter von nur 39 Jahren Metropolit. Zu den Vorwürfen hat er sich bisher nicht geäußert.Die rumänisch-orthodoxe Kirche ist mit 20 Millionen Mitgliedern nach der russischen die zweitgrößte orthodoxe autokephale Kirche der Welt. Ihr gehören etwa 87 Prozent der rumänischen Bevölkerung an. Sie steht in Kirchengemeinschaft mit den übrigen Kirchen byzantinischer Tradition

Marchis ist 56 Jahre alt, hat schütteres kurzes graues Haar und schmale Augen. Sein dichter Bart reicht bis auf die Brust, und die scharfen Falten in seinem Gesicht lassen ihn hart und unerbittlich wirken. Das Reich des Priesters liegt in der Bukarester Innenstadt, gleich hinter der Nationalbank. Es ist die Stavropoleos-Kirche, eine der bekanntesten und traditionsreichsten Kirchen in Rumänien, die auch ein kleines Kloster beherbergt, in dem einige Nonnen leben.

Marchis ist ein spirituelles und intellektuelles Aushängeschilder der rumänisch-orthodoxen Kirche. Während der Ceausescu-Diktatur lebte er als Mönch und Abt im Kloster Cheia in einer wild-romantischen Gegend in den Südkarpaten. Dort erwarb er sich den Ruf, als einer der wenigen orthodoxen Geistlichen offen für Andersdenkende zu sein. Häufig empfing er regimekritische Intellektuelle.

Nach 1989 war er zeitweise Mitglied der Bukarester "Gruppe für sozialen Dialog", einer Intellektuellenvereinigung, die im postkommunistischen Rumänien viele wichtige Debatten initiierte. Nach dem Ende der Diktatur half Marchis, alte Kirchentraditionen wiederzubeleben. So entstand unter seiner Ägide einer der besten Kirchenchöre des Landes. Heute hat der Priester unter Politikern und Intellektuellen viele Bekannte und Freunde, Stavropoleos ist die Lieblingskirche der Bukarester Elite.

Nachdem Gerüchte aufgekommen waren, Marchis habe als Informant für den früheren Staatssicherheitsdienst gearbeitet, gab er im vergangenen Jahr zu, Berichte für die Securitate verfasst zu haben. Ausgerechnet er! Viele rumänische Intellektuelle waren geschockt.

Nach dem Gottesdienst empfängt Marchis im Innenhof seiner Kirche zu einer Art Audienz. Den Entschluss, über seine Vergangenheit zu sprechen, hat er erst nach einigen Tage Bedenkzeit gefasst. Er ist eine zutiefst würdevolle Erscheinung und erweckt mit seinen milde strafenden Blicken den Anschein, dass er in einer Welt lebt, die nur für Eingeweihte zugänglich ist. Fragen nimmt er wie die Gesuche eines Bittstellers entgegen, und er antwortet in elaborierten, mit theologischen Motiven gespickten Monologen.

Eine Passage aus diesen Monologen lautet: "Ich wurde in einem für mich schwer vorstellbaren Ausmaß verfolgt. Ich hatte die Stärke, als Abt Dissidenten und Regimegegnern Zuflucht zu gewähren. Aber das bedeutet nicht, das ich etwas anderes war als ein Mönch oder ein orthodoxer Priester. Ich war ein Gegner, aber kein Kämpfer gegen das kommunistische System. Das liegt nicht in der Struktur von uns Orthodoxen. Das Gebot besagt ja, gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Sicher haben wir dem Kaiser mehr gegeben, als notwendig war, aber wir haben ihm nicht gegeben, was Gottes war."

Es ist eine Passage aus einem nur von wenigen Fragen unterbrochenen, anderthalbstündigen Monolog, der in mit einem halb bitteren, halb unwirschen Bekenntnis über die Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst enden wird.

Fast zwei Jahrzehnte sind seit dem Sturz Ceausescus vergangen, doch die Kollaboration der rumänisch-orthodoxen Kirche mit dem ehemaligen Staatssicherheitsdienst ist noch immer ein nahezu unberührtes Thema. Außer dem prominenten Priester Marchis haben bisher lediglich zwei Erzbischöfe und ein Bischof zugegeben, Spitzelberichte geschrieben zu haben. Ein weiterer Erzbischof räumte ein, eine Verpflichtungserklärung unterschrieben zu haben, will aber keine Berichte geliefert haben.

Von diesen "Geständigen" hat nur der Erzbischof des Bistums Banat, der Metropolit Nicolae Corneanu, ein halbwegs glaubwürdiges Schuldbekenntnis abgelegt, und das bereits im Jahr 1990. Die orthodoxe Kirche als Institution jedoch sträubt sich dagegen, das Thema aufzuarbeiten.

Dabei ist es gerade in diesen Tagen von höchster Aktualität. Am 30. Juli dieses Jahres verstarb im Alter von 92 Jahren der Patriarch Teoctist. Das Oberhaupt der rumänischen Kirche war für seine unterwürfige Haltung zur Diktatur bekannt. Noch am Tag vor Ceausescus Sturz hatte er diesen in einem berüchtigten Jubel- und Glückwunsch-Telegramm seiner Loyalität versichert, und immer wieder wurde gemutmaßt, Teoctist habe auch Kontakte mit der Securitate gepflegt.

Heute will die Synode der orthodoxen Kirche einen neuen Patriarchen wählen. In der rumänischen Öffentlichkeit hat dies eine Debatte über die Person des neuen Patriarchen ausgelöst. Bekannte Intellektuelle und Publizisten verlangen von der Kirchenführung, sie solle eine mögliche Securitate-Vergangenheit der Mitglieder der Synode überprüfen lassen und einen Patriarchen ohne zweifelhafte Vergangenheit wählen. Doch die orthodoxe Kirche reagiert abweisend. "Wir waren die erste Institution, die nach dem Sturz Ceausescus den Kommunismus verdammt und sich für die Fehler aus jener Zeit entschuldigt hat", erregt sich der Sprecher der Orthodoxen Kirche, Constantin Stoica.

Die rumänische Aktenöffnungsbehörde CNSAS, das Pendant zu deutschen Stasi-Behörde, ist dazu befugt, bestimmten Personen aus Politik, Staat und Verwaltung und eben auch der Kirche auf eine mögliche Securitate-Vergangenheit zu überprüfen. Mitte August erhielt als erster Kirchenfunktionär der Banater Erzbischof Corneanu den Befund der Behörde. Demzufolge hat er eine "Tätigkeit im Sinne der politischen Polizei" ausgeübt. Corneanu war für Spitzelberichte offenbar von der Securitate bezahlt worden. In einem Fall soll nach einer von ihm geschriebenen Denunziation ein Priester aus dem Dienst entfernt worden sein.

Solche Veröffentlichungen dürften am Ansehen der rumänisch-orthodoxen Kirche in der Bevölkerung wenig ändern. Neben der Armee ist sie diejenige Institution im Land, der die Rumänen seit der Wende konstant das meiste Vertrauen entgegenbringen. Davon möchten auch rumänische Politiker profitieren. So forderte Mircea Geoana, der Vorsitzende der postkommunistischen Sozialdemokratischen Partei, die "anormalen Aggressionen" der Aktenöffnungsbehörde gegen das "nationale Symbol Kirche" müssten aufhören. Er will die Überprüfung von Kirchenfunktionären durch die Behörde verbieten lassen, schließlich habe die Kirche in der Diktatur die "Interessen des rumänischen Volkes verteidigt". Diesen Mythos, der den Widerstand einzelner Priester einer ganzen Institution zuschreibt, bemüht auch Iustin Marchis, als er die Frage hört, ob und warum die orthodoxe Kirche der Diktatur loyal diente. "Die Rumänen haben mit der Waffe in der Hand Widerstand geleistet, und die Mönche waren diejenigen, die die Partisanen beherbergt haben", ruft er ärgerlich und haut mit der Faust auf den Tisch. "Westeuropa weiß das nicht! Die Repression gegen die Klöster und die Kirche war so grausam wie nirgends sonst in Osteuropa! Wer wollte von den Rumänen Mut verlangen, wenn andere einen Papst in Rom hatten?"

Bedurfte es denn eines besonderen Mutes, am Tag vor dem Sturz der Ceausescu-Diktatur kein Jubel-Telegramm an den Präsidenten zu schicken, so wie es der verstorbene Patriarch Teoctist tat? "Solche Telegramme haben alle Institutionen geschickt", sagt Marchis, etwas milder. "Dank dieser formalen Nachgiebigkeit musste die Kirche nichts grundsätzlich ändern, keinen einzigen Buchstaben der Heiligen Schrift und nichts von dem, was ihre Mission in der Welt bedeutet."

Gilt diese Sicht auch für seine eigene Vergangenheit und die Berichte an die Securitate, die er als Abt des Klosters Cheia über Besucher geschrieben hat? "Ich habe meine Kompromisse gebeichtet, ja, ich habe diese Berichte geschrieben, die ich - wer weiß, um welchen Preis - nicht hätte schreiben dürfen", sagt er langsam und betont. "Aber das Gesetz hat mich dazu verpflichtet. Es waren Berichte auf Druck von ihnen, aber darin stand nichts, was die Freiheit, die Würde oder das Privatleben der Klosterbesucher und vor allem der ausländischen Diplomaten, die zu mir kamen, hätte verletzen können."

Marchis hält einen Augenblick inne. "Dies ist das Letzte, das ich zu sagen habe", presst er im Ton einer Beichte hervor. "Ich hätte nicht mit der Securitate sprechen und nicht die Dinge schreiben sollen, die ich zu schreiben verpflichtet war, denn so waren eben die kommunistischen Gesetze. Doch ich möchte mich nur den menschlichen Gesetzen unterwerfen. Meine Leiden und die anderer waren immens. Das einzige wirkliche Unglück ist, dass wir keine Heiligen sind."

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