Stasiakten auf dem Kunstmarkt: Die Ästhetik der Überwachung

Die spanische Künstlerin Dora García bedient sich im Fundus der Birthler-Behörde. Eine alte Debatte erlebt nun eine Neuauflage: Wem gehören die Akten? Der Kunst?

Will die Künstlerin verklagen: Marianne Birthler, die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen. Bild: ap

An einem trüben Herbsttag schlenderte ich mit einer befreundeten Ausstellungsmacherin über das diesjährige Art Forum Berlin, sah bei der Galerie Crone tonnenweise Biskys, Gemischtwaren bei Eigen + Art und Unmengen von Fotos überall. Landschaftsfotos, großformatige C-Prints oder Porträtfotos, kleine Formate, klassisches Schwarz-Weiß. An einer Koje blieb meine Begleiterin dann ungewöhnlich lange stehen, um schließlich noch interessiert im Katalog zu blättern. Was gab es zu sehen? Die Amsterdamer Galerie "Ellen de Bruijne Projects" zeigte eine Reihe gerahmter Schwarz-Weiß-Aufnahmen mit der flüchtigen Ästhetik von Paparazzifotos. Gekennzeichnet als BStU-Kopie, als Dokument der Bundesbeauftragen für die Stasiunterlagen, erkannte ich in ihnen Observationsfotos der Staatssicherheit, Aufnahmen von einer Gruppe nackter Menschen am FKK-Strand oder einer rauchenden Frau. Ein Bild, das im Katalog des Artforums auf der Seite ebendieser Galerie anonymisiert abgedruckt ist. Der Preis je Foto bei einer Auflage von 3 + 1 Artist Print war mit 3.800 bis 5.000 Euro angegeben. Daneben liefen auf einem Screen Überwachungsaufnahmen der Stasi von einem öffentlichen Platz. Als Autorin der Arbeiten wurde die spanischen Künstlerin Dora García genannt.

Dora Garcías Interesse an den Stasidokumenten wurde bei der Vorbereitung eines Projektes geweckt, das sie im Rahmen des Blinky-Palermo-Stipendiums in der Galerie für zeitgenössische Kunst (GfzK) in Leipzig realisieren wollte. Auf der Suche nach Wolfgang Hilbigs Roman "Ich" über einen erfolglosen Lyriker, der für die Staatssicherheit arbeitet, stieß sie auf den Artikel von Julia Hell, "Loyal Dissidents and Stasi Poets", der sie zu ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit der Thematik anregte, wie sie in einem Interview mit Julia Schäfer von der GfzK erklärte. Mit ihr hatte García eng zusammengearbeitet, im Zuge ihrer geplanten Ausstellung für die GfzK, für die sie auch Fotos und Filmaufnahmen aus dem Archiv der BStU erhielt.

Anhand dieser originalen Mitschnitte und Dokumente entwickelte García den fiktiven Dialog der Treffen zwischen einem Stasiführungsoffizier und einem IM, den sie dann mit Schauspielern in einer Wohnung szenisch umsetzte. Daraus entstand der Film "Zimmer, Gespräche", dessen Titel auch Ausstellungs- und Katalogtitel war. In der Galerie für zeitgenössische Kunst wurde der Film zusätzlich von original Stasivideos und Stasifotos begleitet. Mit Titeln wie "window", "car", "walking man", "couple" oder "house" versehen, zeigten die Videos den Alltag verschiedener Menschen. Wie sie ihr Wohnhaus verlassen, wie sie ihr Auto waschen, wie sie sich auf der Straße bewegen.

García bezog die zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellten Überwachungsvideos, Filme, Fotos und das Lehrmaterial der Stasi also direkt in ihre eigene künstlerische Arbeit ein. So sieht man im Ausstellungskatalog BStU-Fotos, etwa von erkennungsdienstlich behandelten Punks oder die schon erwähnte Porträtaufnahme, die nun den Titel "Smoking Lady, end of the seventies" trägt. Es handelt sich bei ihr um Tina Krone, Mitgründerin des Neuen Forums und leitende Mitarbeiterin der Robert-Havemann-Gesellschaft Berlin. Die analog gelabelten "Punks, early eighties" heißen tatsächlich Spinne und Otze und sind landesweit bekannt. Keine der Personen wusste von ihrer künstlerischen Vermarktung.

Auf einer Veranstaltung im Rahmen der Ausstellung "Konspirative Wohnungen/Conspiracy Dwellings" im Kunsthaus Erfurt von der dortigen Leiterin Monique Förster darauf angesprochen, erklärt Dora García wahrheitswidrig, sowohl einen Vertrag mit der BStU, der ihre Vorgehensweise stütze, als auch die Einwilligung der Betroffenen zu haben. Unabhängig davon sei das Material durch ihre Auswahl und die Rahmung der Abzüge zu ihrer künstlerischen Arbeit geworden.

Ein Argument, das Marianne Birthler von der Stasiunterlagenbehörde wenig später auf der Tagung "Vergangenheit in der Gegenwart. Gesellschaftlicher Diskurs zum Umgang mit Diktaturgeschichte in Europa" der Stiftung Genshagen energisch zurückwies. Hier waren einige der Beteiligten über den Fall schon im Bilde, weswegen die Diskussion zum Thema "Freiheit und Diktatur im Film" schnell zum Vorgehen von Dora García wechselte, die ebenfalls im Podium saß. Obwohl das auf der Internetseite ihrer Galerie veröffentlichte Foto der rauchenden Frau interessanterweise am Tag zuvor entfernt worden war, sah sie ihre Vermarktung der Stasidokumente weiterhin durch die Freiheit der Kunst gedeckt. Marianne Birthler kündigte rechtliche Schritte an. Nun haben ihre Justiziare den Fall auf dem Tisch. Noch immer wird ja um die Antwort auf die alte Frage aus den Tagen der Stasizentralenbesetzungen gestritten, wem die Akten gehören. Den Betroffenen? Dem Staat? Oder nun womöglich dem Kunstmarkt?

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