Dokumentarfilmwoche in Duisburg: Prekariat ist überall

Wie schauen Mittelklasse-Dokumentarfilmer auf das Prekariat? Die Dokumentarfilmwoche zeigte verschiedenste Perspektiven auf ein Millieu und seine Menschen.

Facettenreich, lakonisch, bildermächtig: "Kinder, wie die Zeit vergeht" von Thomas Heise. Bild: filmwoche duisburg

Die Kamera zeigt eine Autofahrt vom Zentrum an den Rand. Von der Innenstadt über Villen und Einfamilienhäuser zu den Hochhäusern der Trabantenstadt Hamburg-Osdorf. Diese erste Szene von Maja Classens Dokumentation "Osdorf" spiegelt die Bewegung vieler Dokumentaristen - von der Mitte an die soziale Peripherie. Selten gab es so viele Alkoholiker und Jungnazis, vergessene Kinder und Asylbewerber im deutschen Dokumentarfilm zu sehen wie derzeit. Vor allem im Osten, aber nicht nur dort. Das Prekariat ist überall.

"Osdorf" porträtiert zwei gewalttätige 17-jährige Migrantenkids. Beide führen ausgiebig Machoposen und Kiezrituale vor. Es geht direkter, härter, körperlicher, unverstellter zu als in der Mitte der Gesellschaft. Der subkulturelle Rand ist für Bürger seit je Schreckensort und Faszinosum zugleich. "Osdorf" unterläuft die mythische Aufladung des Milieus durch einen genauen Blick. In der Schlüsselszene beobachten wir die beiden beim Besuch im Knast, in dem ihnen lebenslänglich Einsitzende drastisch ihre Zukunft vor Augen führen. Danach sieht man sie, unsicher und auf der Suche nach einem Spruch, mit dem sie sich das Gesehene vom Leib halten können. Im Hintergrund leuchtet in "Osdorf" ein pädagogische Eros. Das mag altmodisch wirken. Aber es ist eine Haltung, die die Protagonisten ernst nimmt.

Bei "Draußen bleiben" ist das anders. Regisseur Alexander Riedel zeigt zwei Freundinnen, die Kosovarin Valentina und die Chinesin Suli, die in einem Asylbewerberheim im Norden Münchens leben. Zeigen ist allerdings ein unscharfer Begriff. "Draußen bleiben" schafft eine Bühne für die ungebremste Selbstinszenierung von Valentina, die aufmüpfig und schlagfertig ist, die Schule schwänzt und sich mit der Polizei anlegt. "Draußen bleiben" erinnert an "Prinzessinnenbad": Die Hauptfigur ist schrill und kameratauglich, die Montage flott, die Laune prima. Das hat allerdings einen Preis.

Auf der Strecke bleibt, was nicht ins einer Castingshow entlehnte Konzept passt. So schlurft Valentinas Mutter, zermürbt von 13 Jahren des Wartens im Asylbewerberheim, wie ein müder Schatten durchs Bild. Zu Wort kommt sie nicht. Für allzu aussichtslose Problemlagen ist in diesem auf Präsens und Performance geeichten Blick kein Platz.

Schaut her, an den Rändern blüht das wahre, authentische Leben, scheint eine Botschaft von "Draußen bleiben" zu sein. Mehr als eine bürgerliche Sehnsuchtsprojektion, geboren in der Langeweile der Eigenheimsiedlungen, ist das nicht.

Die Überhöhung der Unterschicht zum Dissidenten ist im Dokumentarischen verschwunden - die Unterschicht hat als historisches Subjekt ausgedient. Seitdem müssen Dokumentaristen die Frage, wie nah oder distanziert sie Ausgegrenzte zeigen, eher freihändig beantworten. Die weltanschaulichen Stützräder sind auf dem Schrott gelandet, die moralischen Doktrinen ausgefranst - ein Freiheitsgewinn, der Abstürze einschließt.

Eine radikale Sicht versuchen Chris Wright und Stefan Kolbe in "Das Block", einem Porträt von vier verlorenen Außenseitern in Sachsen-Anhalt. Man erfährt nur Splitter, der biografische Kontext bleibt vage. Bloß kein Sozialkitsch, so die Idee. Aber nichts zu erzählen, ist auch keine Lösung. Die Kamera rückt den Drop-outs so nahe, dass ihre Gesichter zu Fratzen werden. Die komplexe Frage, wie nah oder fern sie einem depressiven Alkoholiker sein dürfen oder können, wischen Wright und Kolbe mit diesem ästhetischen Handstreich beiseite. Die Bilder scheinen uns anzubrüllen. Doch was sie sagen, ist kaum zu hören.

Präzise, nüchterne Bilder von Armut zeigen zwei Filme aus dem Osten. Gerd Kroskes "Kehraus, wieder" erzählt von ein paar Straßenkehrern, die er 1990 in Leipzig traf. Zwei sind tot, zwei hoffnungslose Langzeitarbeitslose. Es sind Geschichten von missbrauchten Kindern, verunglücktem Leben und rettungslosen Selbstzerstörungen. Intensität gewinnt "Kehraus, wieder" durch die Dauer, durch den Blick auf die Fotos von früher und den Schreck über den Verfall der Gesichter. Die Bilder appellieren nicht an uns, sie klagen nicht an, sie zeigen. Dieses Zeigen ist ihre Moral. Unglück, das erzählbar ist, verliert etwas von seiner Macht.

Gerd Kroske ist der Chronist der Verlorenen im Osten, Thomas Heise dessen essayistischer Erzähler. Heises "Kinder, wie die Zeit vergeht" ist auch eine Langzeitstudie, eine Fortsetzung von "Halle, Neustadt". Das Unglück wiegt auch hier zentnerschwer: Söhne, die von ihren Müttern schon in mit zehn Jahren aufgeben werden, Mütter, die von ihren Männern verprügelt werden, Jungs, die von pummeligen Kindern zu Nazis werden.

So facettenreich, lakonisch und bildermächtig war schon lange kein Film von Heise mehr. Betäubende Sprachlosigkeit steht neben fast geglücktem Leben. Jeannette, mit 15 schwanger, die Heldin aus "Halle-Neustadt", ist geworden, was sie immer wollte, Busfahrerin. Die Kamera zeigt sie in einer langen Szene hinter dem Steuer, ganz bei sich und wie auf einem Thron. Die Unterschicht ist bei Kroske und Heise kein Authentizitätsversprechen. Keine Projektionen, dafür jene soziale Genauigkeit, die ein Erbe des Defa-Dokumentarfilms ist.

Das Kraftzentrum sind bei Heise Schwarzweißbilder von fremder Schönheit. Tableaus von abgerissenen Plattenbauten und moderner, menschenleerer Industrie. In Schwarzweiß, sagt Heise, kann "man nicht brüllen".

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