Schütte-Skulptur in London: Deutsche Spaßbremse

Thomas Schüttes "Modell für ein Hotel" auf dem Londoner Trafalgar Square ist für Briten typisch deutsch: unemotional, sachlich, reduziert und ohne jeglichen Sinn für den populären Event.

Von den Briten höflich toleriert: Schüttes 4,50 Meter hohe Glaskonstruktion. Bild: dpa

Auf die Briten muss "Modell für ein Hotel" (2007) wirken wie eine schroffe Beleidigung. Eine Anti-Skulptur, reduziert, typisch deutsch, wenn man sie mit der emotional höchst aufgeladenen Vorgängerarbeit an exakt derselben Stelle vergleicht. Marc Quinns viel diskutierte Skulptur einer körperlich behinderten Künstlerin, zudem nackt und schwanger, löste Wut aus, Zorn, Freude. Auf der acht Tonnen schweren Glasskulptur des deutschen Künstlers Thomas Schütte, die seit vergangener Woche einen der Denkmalssockel des Trafalgar Square ziert, kann man weder herunterschlittern, wie einst auf Carsten Höllers Rutschen in der Tate Modern. Noch lädt die fragile Struktur zum gemütlich Herumsitzen ein. Und da die Londoner kulturelles Entertainment lieben, werden sie das "Modell für ein Hotel" kaum in ihr Herz schließen.

Wer den Denkmalssockel bespielen darf, bestimmen neben Bürgermeister Ken Livingstone diverse Sponsoren und Kulturorganisationen. Beide Künstler, der Brite Quinn und Schütte, waren 2004 als Sieger aus dem Wettbewerb zur Gestaltung des ungewöhnlichen Ausstellungsorts hervorgegangen. Bündelte sich in Marc Quinns Marmorskulptur "Allison Lapper schwanger" damals eine aufgeladene Debatte zwischen Bürgerrechtsgruppen, der Presse und Kunsthistorikern, wird Schüttes 4,55 Meter hohe Glaskonstruktion höflich britisch toleriert. Nicht einmal, dass hier ein Künstler hergeht und inmitten dieser blassgrauen Steinwüste aus Säulen, Brunnen, Botschaften und National Gallery eine gelb-rot-blaue Struktur für ein cooles State-of-the-art-Hotel setzt, wirkt provokant.

In einer Stadt, die ihre spärliche neomoderne Architektur feiert wie heilige Kühe, wäre nicht einmal undenkbar, dass an prominenten Touristenorten eines Tages ein Designhotel entstünde. Schüttes ähnlich minimalistisches Modell für ein Museum, das er dieses Jahr in Münster per Glaskonstruktion über einen Brunnen setzte, wirkt inmitten der Westfälischen Kleinteiligkeit ironisch, in London nicht.

Doch ist es wirklich so falsch, dass hier ein Künstler sich einmal nicht an dem historisch tonnenschwer aufgeladenen Trafalgar Square abarbeitet? Mit seiner abgeklärten Art könnte man den Beitrag Schüttes, Gewinner des Goldenen Löwen der Biennale Venedig 2005, auch als angemessen arrogant und respektlos bezeichnen. Die britische Presse nahm das Hotelmodell jedoch mit eher gemischten Gefühlen auf. Wo bleibt die Erzählung, wo Konflikt, Krise, Emotion? Perfekt funktionierte das mit Marc Quinns stolzer Heldin. In ihrer körperlichen Beeinträchtigung bei gleichzeitig dargestellter Willensstärke war sie die Kontrahentin zum antiquiert-verklärten Bild des männlichen Helden, so die einhellige Kritik.

Und jetzt der abstrakte Schütte. In einem beleidigten Kommentar schlug ein Journalist im Evening Standard dem Komitee um Bürgermeister Ken Livingstone nun vor, man solle doch am besten selbst in ein nach Schüttes Vorstellungen erbautes Hotel einziehen, so sie es denn für so gelungen hielten.

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