Antidoping-Konferenz: Die Regeln der Bestrafung

Der neue Wada-Code ermöglicht flexiblere Strafen für Dopingsünder. Statt einer Zweijahressperre drohen Athleten nun vier Jahre Pause - es sei denn, sie helfen bei der Aufklärung.

Will "die Seuche Doping ausmerzen": Wada-Chef Richard Pound. Bild: ap

Wieder einmal wird der Beginn einer neuen Ära im Kampf gegen Doping im Sport ausgerufen. Der scheidende Chef der Welt-Antidoping-Agentur Wada, Richard Pound, präsentiert stolz das neue Regelwerk, auf dessen Grundlage die Sportbetrüger überall auf dem Globus überführt und bestraft werden sollen. Vom "Ausmerzen" der Seuche Doping sprach in diesen Tagen von Madrid auf der dritten Welt-Antidoping-Konferenz nicht nur der Kanadier. Die einen äußerten den festen Glauben an einen "sauberen" Sport, die anderen zumindest eine vage Hoffnung auf eine heile Sportwelt. Dass der neue Wada-Code, der am Freitag diskutiert wurde, nur einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, war indes allen Teilnehmern klar.

Es wirkte beinahe wie ein Hilferuf, als der ehemalige russische Eishockeyspieler Wjatscheslaw Fetisow, Chef des Athletenkomitees der Wada, meinte, Doping könne nur besiegt werden, wenn Zoll- und Polizeibehörden in aller Welt sich daran beteiligten. Dem Kampf der Wada gegen Doping im Spitzensport, der Bestrafung der Athleten komme vor dem Hintergrund eines international tätigen Händlernetzes vor allem erzieherische Wirkung zu. Dass Doping ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, dass es um mehr geht als um Betrug im Leistungssport, davon ist man noch lange nicht überall überzeugt. Auch Richard Pound wies auf die beschränkte Macht der Wada hin und sagte, die Agentur könne nicht viel mehr tun, als dafür zu sorgen, dass Sportler, die betrügen, nicht "mehr mitspielen dürfen", und fügte an: "Wir können niemanden ins Gefängnis bringen." Er betonte ausdrücklich, dass die größten Erfolge im Kampf gegen das Doping von staatlicher Seite errungen worden seien, nannte die Balco-Affäre, die Razzien gegen illegale Anabolika-Küchen und die Operacion Puerto, die zumindest dafür gesorgt habe, dass die Blutdopingpraxis von Eufemiano Fuentes geschlossen wurde.

Auch Christoph Niessen, der Geschäftsführer der Nationalen Antidoping-Agentur (Nada), weiß, dass seine Organisation alleine des Dopings hierzulande nicht Herr werden kann. Immerhin ist er sich sicher, dass zumindest in Deutschland die Leistungsmanipulation im Sport als gesellschaftliches Problem längst anerkannt ist. Ganz anders, so Niessen, etwa als Manager, die sich medikamentös aufputschen, oder Künstler, die Kokain schnupfen, würden schummelnde Sportler ins gesellschaftliche Abseits gestellt. "Konstantin Wecker hat da sicher keine Probleme", spielte er auf den Liedermacher mit Drogenvergangenheit an. Der besonders in Deutschland sehr werteorientierten Sportbewegung sei es zu verdanken, dass man hier längst "auf der Handlungsebene angelangt" sei, so Niessen. Inzwischen gibt es eine "Sonderermittlungsgruppe Doping" beim Bundeskriminalamt, mit der die Nada regelmäßig Kontakt hat. "Wir verfügen über Informationen, die die Ermittler gerne hätten, und das BKA verfügt über Informationen, die wir gerne hätten", so Niessen, der sich Normen wünscht, die eine Zusammenarbeit regeln. Aus Datenschutzgründen ist das bis dato oft nicht möglich.

Der neue Wada-Code, der die Flexibilisierung der Strafen für Dopingvergehen ermöglicht, könnte sich zudem als Türöffner in Richtung Zusammenarbeit mit Ermittlungsbehörden erweisen. Die automatische Zweijahressperre gehört der Vergangenheit an. Wer in ein kriminell organisiertes Dopinggeflecht verwickelt ist, muss nun mit einem Wettkampfbann von vier Jahren rechnen. Macht er aber Aussagen, die zur Entflechtung der Machenschaften im Hintergrund des Athleten führen, kann seine Strafe verringert werden, im besten Fall um 75 Prozent. Sinnvoll ist eine derartige Kronzeugenregelung vor allem dann, wenn durch die Aussagen polizeiliche Ermittlungen ausgelöst werden.

Niessen mahnt jedoch vor einer vorschnellen Strafreduzierung. "Wir müssen uns genau überlegen, was ein substanzieller Beitrag zur Aufklärung eines Dopingfalles ist", sagt er und äußert sich kopfschüttelnd zum Fall des überführten T-Mobile-Radlers Patrik Sinkewitz, der in den Genuss einer Kronzeugenregelung gekommen ist und nun nur ein Jahr aussetzen muss: "War das, was er ausgesagt hat, substanziell? Ich weiß es nicht."

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