Generationswechsel bei Globalisierungsgegnern: Die neue Attacke

Mehr Frauen, Junge und Grüne: Beim Attack-Basistreffen tritt die Gründergeneration ab. Die Strategie der Neuen: Ran an die Mitte der Gesellschaft!

Attack-Aktivismus gegen G8: Rostock, Sommer 2007. Bild: dpa

GLADBECK/BERLIN taz Der Generationswechsel bei Attac sieht aus wie Stephan Schilling. Er ist jung. Er ist redegewandt. Und er bejaht Bündnisse mit Etablierten - mit Naturschutzverbänden, mit Gewerkschaften und auch mit Parteien. Schilling, der sein dunkles Haar lang trägt, sagt: "Im Moment ist bei Attac viel neue Energie spürbar."

Attac Deutschland hat derzeit gut 19.000 Mitglieder. "Die Marke haben wir Ende Oktober geknackt", sagt eine Sprecherin. Im Vergleich zum September war dies ein Zuwachs von 112 Mitgliedern. Seit dem G-8-Gipfel sei die Kurve der monatlichen Neuzugänge damit etwas abgeflacht, so die Sprecherin. "Aber wir wachsen noch immer deutlich stärker als vor dem Gipfel."

Auf dem wichtigsten Beschlussgremium der Globalisierungskritiker, dem halbjährlich abgehaltenen Ratschlag, gab es viele Anzeichen für seine These: Attac greift neu an. Inhaltlich und strategisch. Die rund 200 Mitglieder, die bis Sonntag tagten, hatten viel zu klären: Der Abschied der Mitgründer Peter Wahl, Werner Rätz, Oliver Moldenhauer und Sven Giegold reißt eine große Lücke in der Organisation.

"Der neue Koordinierungskreis ist jünger und weiblicher", sagt Sprecherin Frauke Distelrath. Zwar sorgte das Thema Geschlechterdemokratie in der Waldorfschule in Gladbeck für hitzige Diskussionen. Doch tatsächlich ist mit neun Frauen bei 23 Sitzen die Quote in dem wichtigen Strategiegremium zumindest annähernd erfüllt. Zum Vergleich: Im alten Kreis tagten neben 13 Männern nur zwei Frauen. Der geschlossene Abtritt der alten Garde bewirkt, dass künftig die Generation der Mittzwanziger bis Mittdreißiger bei Attac tonangebend wird. "Neben den grauen Eminenzen Wahl und Rätz fiel es schwer, sich zu profilieren", sagt einer rückblickend. Für Sven Giegold ist der friedliche Generationswechsel "ein echter Glücksfall": "Durch unseren Rücktritt haben viele kandidiert, die es sonst nie getan hätten."

In der strategischen Ausrichtung streiten sich bei Attac zwei Strömungen: Die einen wollen die Organisation mit einem scharfen Linkskurs profilieren, die anderen die Mitte der Gesellschaft erreichen. "Die Balance bleibt im neuen Koordinierungskreis gewahrt", sagt Sprecherin Distelrath. Doch auch wenn profilierte Linksvertreter wie der altgediente DKP-Kämpe Hugo Braun von der Initiative Euromärsche in dem Gremium finden, rechnet sich der Realoflügel leichte Vorteile aus: "Das hat sehr gut geklappt", sagt einer von ihnen. "Eine Reihe von fitten Leuten will den Anschluss an die Mitte fortführen, für den Wahl oder Giegold standen." Einer aus dem Linksflügel sagt ernüchtert: "Eine Entscheidung für einen linkeren Kurs ist das nicht." Für den Erfolg des Mitte-Flügels gibt es einen weiteren erstaunlichen Beleg: Gab es auf früheren Ratschlägen massive Bedenken gegen zu große Nähe zu den Grünen, sitzen nun mit Arvid Bell, Sabine Zimpel und Stephan Schilling gleich drei Grüne in dem wichtigen Gremium.

Attac will in Zukunft stärker die Eigentumsfrage stellen. Einen Beschluss fasste der Ratschlag hierzu nicht - was bei der basisdemokratischen Organisation auch verwundert hätte -, allerdings soll im Jahr 2009 ein Kongress zur Kapitalismuskritik veranstaltet werden. Wie sich das Thema schlagkräftig herunterbrechen lässt, hat Attac mit der Kampagne gegen die Bahnprivatisierung in den vergangenen Monaten gezeigt. Durch Mitgliederzuwächse nach den G-8-Protesten gestärkt (siehe Kasten), wollen die Globalisierungskritiker sich in die Debatte über Energiepolitik einmischen: "Die vier großen Stromkonzerne, die in Deutschland ein Oligopol errichtet haben, müssen aufgelöst werden. Wir brauchen eine demokratische Kontrolle des Marktes", sagt Jutta Sundermann, die ebenfalls im Koordinierungskreis sitzt. Eine Kampagne gegen Stromkonzerne hat einen Vorteil: Sie ermöglicht bunte Aktionen vor Ort, was schon in den G-8-Wochen bei der Attac-Basis gut ankam. "In Deutschland wird es Baustellen von neuen Kohlekraftwerken geben", sagt Sundermann.

Die Neuausrichtung entsteht auch aus der Not: Attac kämpft mit den Folgen des eigenen Erfolgs. Ein Beispiel sind die Proteste gegen die Welthandelsorganisation WTO und den Internationalen Währungsfonds IWF: Einst waren sie sinnstiftend für die Globalisierungskritiker. Heute nehmen die Entwicklungsländer dem IWF keine Kredite mehr ab, auch in der WTO trauen sich die armen Länder im Verbund, die Verhandlungen platzen zu lassen, wenn sie ihre Interessen nicht berücksichtigen.

Für Attac heißt das: Das große Bedrohungsszenario ist weg, und damit auch das Potenzial zur Mobilisierung. Der Protest gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm hat diese Krise des Kerngeschäfts nur zeitweise überdeckt. Koordinierungskreismitglied Chris Methmann sagt: "Viele Botschaften der Globalisierungskritik sind im Mainstream angekommen, etwa die Erkenntnis, dass man Finanzmärkte kontrollieren muss." Er folgert: "Das schafft Spielräume, mit der Kritik weiterzugehen." Mitarbeit: Nikolai Fichtner

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