Theaterfestival "Impulse": Zwölf Euro Wettgewinn

Schaumstoffleichen pflastern seinen Weg: In Köln, Mülheim, Düsseldorf und Bochum stellt das Festival "Impulse" die Theaterformen der freien Szene vor.

Deutschland ist immer noch das Land mit der größten Theaterförderung der Welt und dennoch kann auch hier kein freier Theatermacher von seinem Job leben. Zu diesem niederschmetternden Befund muss man kommen, wenn man sich die neun Produktionen von "Impulse 2007" ansieht, dem wichtigsten Festival der Freien Theaterszene, das noch bis zum 2. Dezember in Köln, Düsseldorf, Bochum und Mülheim läuft und sich als ein Äquivalent zum Berliner Theatertreffen verstehen will. Diesmal wird man mit Bussen, in denen Hanfriegel und Bananen gereicht werden, zwischen den Städten hin- und hergefahren.

Auf diesem Festival wurden schon Talente entdeckt, die heute im etablierten Theater eine große Rolle spielen: etwa Rimini Protokoll, Sebastian Nübling oder René Pollesch. Nach einer zweijährigen Zwangspause sind die "Impulse" unter der neuen Leitung von Tom Stromberg, bis 2005 Intendant am Schauspielhaus Hamburg, und Matthias von Hartz, Regisseur und Kurator auf Kampnagel, wieder auferstanden. Die beiden haben sich vorgenommen, dem 1990 gegründeten Festival wieder größere Bedeutung zu geben, einmal durch eine stärkere Internationalisierung, zum anderen durch die deutlich artikulierte Wertschätzung der freien Szene als künstlerischer Impulsgeber.

Denn das freie Theater, das in den 70er-Jahren als politische Bewegung gegen die etablierten Institutionen begann, ist in Deutschland schon lange kein Ziel mehr an sich. Sondern oft Selbstverwirklichung für Menschen, die woanders genug Geld verdienen - oder ein temporärer Durchlauferhitzer für die Stadttheater-Karriere. Trotz der vor einigen Jahren gegründeten Produktionszentren wie dem HAU in Berlin, Kampnagel in Hamburg oder dem FFT in Düsseldorf hat die freie Theaterszene hierzulande keine Lobby.

Selbst erfolgreichste Gruppen hangeln sich Jahr für Jahr durch Projektförderungen. Es gilt schon als üppig, wenn man wie das ein wenig redundante, bayerische Videoschnipsel-Kabarett "Bairishe Geisha" aus München pro Projekt 30.000 Euro erhält. Sie sind nun für drei Jahre in eine Langzeitförderung à 16.000 Euro gerutscht. Und doch wäre auch das nicht genug, wenn nicht Eva Löbau als Schauspielerin immer mehr Filme drehen würde oder der Mann von Judith Huber, der zweiten Geisha, keinen festen Job hätte.

In der Schweiz läuft die Projektförderung zwar auf deutlich höherem Niveau ab - aber die 80.000 Franken für die deutsch-schweizerische Koproduktion "Mikeska:Plus:Blendwerk" reichen trotzdem für fünf Personen kaum ein Jahr zum Leben aus. Ihr Hotel-Projekt "Truth lies next door" ist auch eine Kunstinstallation. Man fühlt sich an die auratischen Räume von Gregor Schneider erinnert, wenn man auf einmal allein in einem Hotelzimmer sitzt, obwohl man doch eine Theaterkarte gekauft hatte. Jederzeit könnte jemand aus dem Wandschrank kriechen. Stattdessen geht der Fernseher an und drei Personen erzählen ihre Versionen eines Mordes. Dann knallt die Tür hinter uns auf und ein Mann bezichtigt sich der Tat. Er schickt uns weiter in ein unheimliches Labyrinth aus kaum veränderten Zimmern. Zum Schluss wandert man von außen an dem surrealen Gebilde vorbei: ein Haufen gezimmerter Kulissenbretter. Selten ist die Illusionsmaschine Theater so grandios demontiert worden.

In Ländern wie Holland oder Belgien werden dort etablierte Gruppen kontinuierlich finanziert. "In Deutschland werden Institutionen mehr unterstützt als die Künstler", ist Stromberg überzeugt. Wer ambitioniertes freies Theater machen wolle, käme an Berliner Geldern wie dem Hauptstadtkulturfonds nicht vorbei, glaubt Hartz - daher konzentriere sich freies Theater auch stark in der Hauptstadt. Oder man arbeitet, wie die Performerin Ivana Müller, die in Amsterdam und Berlin zu Hause ist, gleich in internationalen Zusammenhängen - ihr Stück wurde von den Sophiensælen Berlin und holländischen Geldern koproduziert.

Müllers Stück "While we were holding it together" ist wohltuende Stille und meditatives Kopftheater. Fünf Schauspieler stehen in erstarrten Posen auf der Bühne und stellen sich nur durch Worte in immer neue Kontexte: Sie stellen sich vor, Liebende, Krieger oder Darsteller von Jogurt-Reklamen zu sein. Suggestiv wird man hineingezogen in eigene, durch Sprache nur angestoßene Fantasien - verblüffend einfach und grandios. Ivana Müller ist ein heißer Favorit auf die beiden mit 5.000 Euro dotierten Impulse-Preise.

Den dritten, neu gestifteten Dietmar N. Schmidt-Preis - benannt nach dem kürzlich verstorbenen Gründer des Festivals - hätte das "Helmi" verdient: das ist eine anarchische, autodidaktische Puppenspieler-Crew, die ganz ohne öffentliches Geld auskommt. Im ehemaligen Klohäuschen am Berliner Helmholtzplatz führen sie für wenige Euro Eintritt nicht gerade jugendfrei ihre trashigen Ministücke auf, geprobt in den eigenen Schlafzimmern. Am Ende von "Leon der Profi" gibt es gefühlte dreißig zerknautschte Schaumstoffleichen und einen Verdacht auf Pädophilie, aber es werden auch Märchen und Romane für die Kinder des Helmholtz-Prekariats nacherzählt. Immer, wenn das Geld nicht reicht, arbeiten die Helmis als Veranstalter oder Webdesigner, Hartz IV finanzierte in den vergangenen Jahren auch mit.

Wenn man sich fragt, welche Kriterien bei der Auswahl der Stücke ausschlaggebend waren, scheint die Antwort offensichtlich: die größte Bandbreite an Theaterformen zu zeigen. Als wollte man mit aller Kraft beweisen, dass jenseits der Stadttheater alles möglich ist. Von Barockoper bis Kindertheater. Bei manchem fragt man sich allerdings, ob es bei 400 gesichteten Arbeiten wirklich das Beste war.

Die gestandene Performancegruppe "She She Pop" entzaubert in der "Relevanz-Show" die Kulissen des Theaters bewusst, gibt dabei aber auch leider jeden Theaterzauber auf. "Monster Truck", die sich wie "She She Pop" in Gießen gegründet haben, zeigen starke Bilder in völliger Sinnfreiheit: vier Wesen mit Glibber im Gesicht und Rokokokostümen, die mit Helium-Stimmen ein absurdes Konzert geben oder minutenlang schweigen - das lässt einen etwas unbefriedigt. Auch der reale Boxkampf der Wiener Gruppe "Gods Entertainment" bleibt durch seine brachiale Banalität letztlich hinter dem subversiven Anspruch eines Kunstwerks zurück. Junge Kerle mit freiem Oberkörper - auch eine Frau - kämpfen mit Händen und Füßen. Zwei Zuschauer bestimmen mit Joysticks, ob sie linkes Bein oder rechten Arm bewegen sollen. Rundherum steht eine johlende Menge, angefeuert von zwei Moderatorinnen. Man kann Wetten abschließen, bis einer der Kämpfer erschöpft aufgibt - die Kritikerin trägt 12 Euro mit nach Hause. Doch anstatt zu zeigen, wie sehr man Menschen durch Experimente verführen kann - immerhin entscheiden die Joystickhalter über Schmerzen und Niederlagen -, wird uns nur die eigene Spiellust demonstriert.

Auch wenn nicht alles überzeugt: Radikal rücken alle Stücke in Erinnerung, dass Theater nicht nur aus dem Verwalten von Spielplänen, Finanzen und Repertoirepflichten besteht. Nicht zufällig erinnert vieles an Konzeptkunst, die mit den Sehgewohnheiten experimentiert. Es sind ästhetische Versuchsanordnungen, die von den großen Institutionen zwar nicht entwickelt, dafür umso gieriger verschluckt werden, sobald sie im Verfahren der Selbstausbeutung ausreichend prominent wurden.

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