Jean-Claude Kaufmann: Der Alltagsversteher

Der Soziolge Jean-Claude Kaufmann beschäftigt sich mit den hochkomplexen Dingen des Privaten - Für ihn ist das Banale wesentlich. Eine dringende Leseempfehlung.

Essen verleiht dem Leben einen Rythmus. Bild: dpa

Weihnachtsgans, Ente, Fondue? Oder doch lieber Knackwürstchen mit Kartoffelsalat, ganz unaufwendig und leger? Was Heiligabend auf dem Esstisch landet, hat meistens lange Tradition. Das Gericht wird geliebt, gegen Neuerungen verteidigt und mit Vorfreude erwartet. Das liegt zum einen an der schieren Vertrautheit; dieses bestimmte Menü "gehört einfach dazu". Zum anderen wird den Mahlzeiten an Weihnachten mehr Bedeutung beigemessen als sonst. Man sitzt zusammen und nimmt sich Zeit - fürs Kochen, fürs Essen und fürs Gespräch.

Im Alltag sieht das oft ganz anders aus, wie der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann in seinem zuletzt erschienenen Buch "Kochende Leidenschaft" erläutert. Er befragte Familien, Paare und Alleinstehende bis ins kleinste Detail über ihre Einkaufs-, Zubereitungs- und Essgewohnheiten; vielfach zeigte sich, dass die "schnelle Küche" eine neue Leichtigkeit des Seins versinnbildlicht. Kühlschrank und Mikrowelle sind längst zu den idealen Komplizen eines dynamischen Lebensstils geworden, bei dem Individualisierung, flexible Arbeitszeiten und ein allgemeines Schlankheitsideal tonangebend sind. Die modernen Küchengeräte ermöglichen es Singles, für die das Kochen alleine sich "nicht richtig lohnt", wie auch dem hochkomplexen Mikrosystem einer Familie, die Nahrungsaufnahme möglichst zeitökonomisch und zugleich einigermaßen abwechslungsreich zu gestalten.

Wer bei der Ernährung nur ans Praktische denkt, geht allerdings manch anderer positiver Erfahrungen und Werte verlustig. Essen verleiht dem Leben einen Rhythmus, setzt auf subtile Weise Erziehungsmaßnahmen durch (etwa wenn Kindern ein verantwortungsvoller Umgang mit der "Bonbonschublade" zugetraut wird), und der Austausch beim Tischgespräch ermöglicht im Idealfall Offenheit und Nähe. "Wie sehr das Kochen konkret die Familie herstellt, überstieg meine Vorstellungskraft", so der erfahrene Soziologe und bekennende Hobbykoch Kaufmann über die strukturierende Kraft des gemeinsamen Mahls; man müsse aber auch einiges dafür tun. Das klingt fast nach dem Amen zum gängigen Familiendiskurs oder nach einer neuen Verpackung für alte anthropologische Einsichten. Aber wer bloß solche Töne bei Kaufmann heraushört, der irrt gewaltig.

Seit vielen Jahren untersucht der Professor des "Centre national de la recherche scientifique" an der Pariser Sorbonne, wie sich Individualität und die Beziehung zu anderen Menschen entlang alltäglicher Handlungen herausbilden: "Für mich ist das Banale wesentlich, es gibt keinen Gemeinplatz, der es nicht verdiente, sich über ihn Gedanken zu machen. Das Besondere an der Banalität besteht darin, dass alle sie kennen und gleichzeitig ignorieren, nur das darüber wissen wollen, was sie schon wissen, also ziemlich wenig." Im Laufe der Zeit hat Kaufmann eine Methode der Datenerhebung entwickelt, in der er "verstehende Interviews", qualitativ und langfristig angelegt, mit Beobachtungsprotokollen und Selbstauskünften in Briefen kombiniert.

Kaufmanns Hochachtung vor dem Alltäglichen mag zunächst verblüffen, vor allem wenn das Resultat Bücher mit Titeln wie "Schmutzige Wäsche", "Der Morgen danach" oder eine "Soziologie des Oben-ohne" sind. Doch seine Reise in die Abgründe des Konkreten lohnt sich allemal. Jeden Tag vollziehen wir die banalsten Gesten und Rituale, ohne viele Gedanken darauf zu verschwenden. Aber wenn man dann in Kaufmanns Büchern liest, wie andere Menschen diese Handlungen ausführen und weshalb sie das tun oder glauben, es zu tun, oder so tun, als ob sie es tun - dann staunt man, wie unglaublich konkret das Leben sein kann und wie viel in einem Handgriff steckt.

Der Clou bei Kaufmann: Er widmet den Gegenständen, die uns umgeben, besondere Aufmerksamkeit. Für das Kochen bzw. Essen ist beispielsweise der Küchentisch enorm wichtig, weil er "alle Möglichkeiten offen lässt": An ihm wird gearbeitet, eine Tasse Kaffee getrunken oder das Abendbrot im Kreis der Familie eingenommen. Er bietet eine Vielfalt an Möglichkeiten, sich sozial zu verhalten, und es macht einen riesigen Unterschied, ob man am Küchentisch speist oder etwa vor dem Fernseher isst und den Teller auf den Knien balanciert.

Die Gegenstände haben mithin einen prägenden Einfluss darauf, wie wir Gewohnheiten ausbilden und unsere Handlungen koordinieren. Das war bereits Thema in Kaufmanns Studie "Mit Leib und Seele. Eine Theorie der Haushaltstätigkeit", in dem sich der Soziologie vor allem mit dem Zusammenspiel zwischen Gesten und der oft unbemerkten Arbeit der Emotionen befasst. Handeln entspricht demnach einem in Bewegung versetzten Körper, in dem sich Gewohnheiten ablagern, die so selbstverständlich werden können, dass sie irgendwann "ungedacht" ablaufen. Manchmal ist so ein Automatismus günstig, etwa wenn es um Tätigkeiten wie den Abwasch oder das Bügeln geht. Für viele gilt hier die Faustregel: Je unreflektierter die Arbeit erledigt wird, desto besser.

Daneben gibt es aber Fälle, in denen eingespielte Gewohnheiten und kleine Begebenheiten sehr viel weiter reichende Konsequenzen haben und das vermeintlich Unwichtige unglaublich wichtig wird. Einer dieser Fälle ist "der Morgen danach", das Anknüpfen zweier Menschen an eine erste gemeinsame Liebesnacht. In seinem Buch gleichen Titels untersucht Kaufmann systematisch all die kleinen Momente, in denen an so einem Morgen die Beteiligten sich selbst und den Partner erfahren: das Aufwachen an der Seite eines relativ Unbekannten, plötzliche Schamgefühle beim Verlassen des Bettes, das gemeinsame oder getrennte Benutzen des Bades sowie die Alternative: Reden oder Küssen. Alles wird intensiv wahrgenommen und unterschwellig auf eine mögliche gemeinsame Zukunft hin abgetastet, ohne dass sich dies wirklich bewusst vollzöge.

Frappierend war für den Soziologen, wie viele der Befragten vor dem Hintergrund eines romantischen Liebesmodells agierten, welches große Gefühle und Schicksalhaftigkeit reklamiert und das in Wendungen wie "Ich wusste gleich, dass er der Richtige ist" oder "Eigentlich war ich schon immer in sie verliebt" zum Ausdruck kommt. Wohingegen die konkrete Liebesgeschichte oft in viel kleineren Episoden ihren Anfang nimmt, etwa durch ein gemeinsames Frühstück am nächsten Morgen: "In den meisten Fällen entsteht eine Paarbeziehung nicht aufgrund einer Entscheidung, sondern weil es zu keinem Bruch kommt. Daher das Paradox: Wenn am Morgen danach scheinbar überhaupt nichts passiert, passiert doch etwas."

Ein anderes Beispiel betrifft die Frage, wie ein Paar, das bereits zusammenlebt, mit seiner schmutzigen Wäsche umgeht. Man sollte meinen, dass das eine recht unkomplizierte Angelegenheit sei, aber zwei Faktoren lassen die Sache heikel werden: Selten bringen beide Partner die gleichen Vorstellungen von Ordnung und Sauberkeit mit; aber viele Beziehungen sind von einer Gleichheitsmoral geprägt, der zufolge beide Partner - und nicht nur die Frau - sich um die Wäsche zu kümmern haben. Kaufmann zeigt nun, wie viele Arten es gibt, diese Gleichheit zu leben oder auch zu umgehen.

So verweigern junge Paare oft die Anschaffung einer eigenen Waschmaschine, da diese als Beziehungsballast gilt, und pilgern getrennt zum Waschsalon oder zu den Eltern. Ein anderes Paar berichtet, wie jeder für sich die Wäsche sammelt, dann gemeinsam die Waschmaschine betrieben wird, um anschließend die Sachen wieder getrennt aufzuhängen. Dass das alles wenig effizient ist, leuchtet ein; das Paar hatte sich nach wenigen Monaten wieder getrennt.

In den meisten anderen Fällen wirken die Macht der Dinge und das gesellschaftliche Gedächtnis zu Ungunsten des weiblichen Parts. Klassisch die Situation, in der die Frau ihren Partner nicht ein weiteres Mal bitten mag, seine herumliegende Socke wegzuräumen, sondern es stattdessen lieber schnell selber macht. Kaufmann sieht in diesem simplen Akt einen wichtigen Moment der Paarbeziehung. Denn es ist eine typische Situation, in der eine Handlung ein veraltetes Rollenmuster reproduziert - gegen den Willen des Akteurs und oft mit einer "slippery slope"-Dynamik, was nichts anderes heißt, als dass auf diese aufgehobene Socke noch viele weitere folgen werden.

Interessant sind bei Kaufmann nicht allein die verborgenen Geschichten aus dem Alltag. Wirklich spannend an dieser Mikrophysik des Banalen ist sein Bild des modernen Individuums. Einerseits sind wir eng in konkrete Praktiken des Alltags eingebunden, wobei wir uns stärker von der Eigenlogik der Dinge leiten lassen, als uns selbst klar ist. Andererseits leben wir in einer "Epoche der Reflexivität" und wachen sorgfältig über alles, was wir tun: "Der heutige Mensch ist ein homo scientificus geworden, der sein eigenes Leben wie einen Versuchsgegenstand behandelt. Er isst nicht mehr so wie früher einfach das, was er schon immer gegessen hat. Er ist innovativ, und vor allem möchte er bis ins kleinste Detail wissen, was er da auf dem Teller hat. Er möchte nicht mehr dumm essen."

Das Bild des smarten Essers steht für eine kontinuierliche Arbeit am Selbst, hinter die wir Kaufmann zufolge nicht mehr zurückfallen können: "Jeder möchte heute einen intelligenten und kritischen Blick auf sich selbst haben." Vielmehr sind wir fortwährend damit beschäftigt, Kohärenz in unserem Leben herzustellen, indem wir bestimmte Geschichten erzählen. "Narrative Selbsterfindung" nennt Kaufmann das. Aber ebenso regelmäßig kommt es zu Brüchen und Widersprüchen innerhalb dieser Erzählungen. Eine der Befragten legitimiert beispielsweise fette Nahrung dadurch, dass sie "natürlich" sei, was sie so begründet, dass die Ware nicht vom Discounter kommt, sondern vom Schlachter. Ein anderer Interviewpartner gibt an, dass er wirklich bemüht sei, seiner Frau im Haushalt "zur Hand zu gehen", nur leider "vergesse" er die entsprechenden Handgriffe immer wieder. Und dann ist da noch der Liebhaber am Morgen danach, der die Begegnung als romantische Liebe stilisiert, während die Details im Interview (die Rolle seiner Freundesclique und ein "Entschluss" am nächsten Morgen, besonders zärtlich zu sein) eher dagegen sprechen.

Unbeirrt holt Kaufmann all diese Widersprüche ans Licht. Doch ein entlarvender Gestus liegt ihm fern, fast liebevoll begleitet er die entsprechenden Momente. Er möchte vor allem zeigen, wie stark die gesellschaftlichen Rollen und die Formen unserer emotionalen Erfahrung im Wandel begriffen sind. Und dass das vielleicht gar nicht mal so schlecht ist. So gelingt dem Meister des Banalen auf elegante Weise der Übergang vom ganz Kleinen hin zu der großen Frage, wer wir sind.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de