Feingliedrige Milieustudien: Alle Frauen und keine

Eine Entdeckung: der afroamerikanische Regisseur Charles Burnett. Sein Film "My Brothers Wedding" (Forum) entzieht sich den gängigen Bildern schwarzen Lebens.

My Brothers Wedding. Bild: berlinale

Charles Burnett ist der "begabteste und wichtigste schwarze Regisseur" der USA, sagt kein Geringerer als Jonathan Rosenbaum. Lakonisch fügt der berühmte Filmkritiker des Chicago Reader hinzu: "Aber die Chancen stehen gut, dass Sie noch nie von ihm gehört haben." Burnetts feingliedrige Milieustudien sind Lowbudget-Produktionen. Scheinbar unentschieden zwischen Dokumentation und Spielfilm, leben sie von einer Kameraführung, die so tut, als fange sie eher zufällig Szenen aus dem Leben der einfachen schwarzen Leute ein. Alles scheint improvisiert. Dabei folgen "My Brothers Wedding" (1983) ebenso wie der auf der letzten Berlinale zu sehende "Killer of Sheep" (1977) einem detaillierten Drehbuch. Zufällig ist hier also gar nichts.

Das Forum zeigt nun, 25 Jahre nach seiner Entstehung, den Directors Cut von "My Brothers Wedding". Im Mittelpunkt steht ein junger Mann. Er ist dreißig, wohnt noch zu Hause, ist sanft, entspannt und bildschön. Frauen mag er, er schläft gerne mit ihnen, aber mit ihnen leben muss er nicht. Seine Eltern verdienen ihren Lebensunterhalt mit einer kleinen Reinigung in Los Angeles. Sie sind fleißig, liebevoll, bescheiden und borniert; für ihre Söhne wollen sie nur das beste.

Und das bedeutet heiraten. Eine Auswahl zu treffen und sich festzulegen aber ist just etwas, was ihr Jüngster nicht kann. Dem Ethos der klaren Entscheidung und der Tat setzt er die Hoffnung entgegen, dass sich noch eine bessere Alternative auftun wird. Als er dann ewig zögert, ob er nun der Hochzeit seines Bruders oder der Beerdigung seines Freundes beiwohnt, verpatzt er die Situation.

Aus heutiger Sicht erscheint der Ärger, den Pierce mit seiner Unentschiedenheit auslöst, kaum mehr nachvollziehbar. Aber für sein Umfeld ist er ganz klar nicht gesellschaftsfähig. Auch Burnett straft seine Hauptfigur in einem Kommentar überraschend streng ab: Seine soziale Kompetenz entspreche der eines Embryos. Gegen Ende wird der Film ohnehin ein wenig arg altklug.

Doch egal. Allein, dass die Figuren, Inhalte und Schauplätze des 1944 geborenen und in den Sechzigern politisierten Filmemachers sich konstant den bis heute gültigen Kinostereotypen verweigern, macht seine Filme zu etwas Besonderem. Denn anders als die üblichen Geschichten von schwarzen Muskelmännern im Gangsterstyle lassen sich die von ihm gezeigten Biografien nicht skandalisieren. Sondern zeigen ex negativo, wie wenig die für Schwarze gängigen Repräsentationsmuster vom Alltäglichen erzählen.

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