Festival Theaterformen: Chor der Demokratie

Für das Festival Theaterformen bat Claudia Bosse die Zuschauer auf die Bühne. Andere Regisseure spielen mit Schatten geflügelter Möpse oder lassen Hühner jagen.

Auch Teil des Festivals: Eine Torte als begehbares Theater in der Wichmann Halle in Braunschweig Bild: dpa

Es bleibt ein kurzes Gastspiel. Bereits die zweite Ausgabe der Theaterformen wird für den Leiter Stefan Schmidtke zur Dernière. Im Sommer wechselt er an die Spitze der Programmkommission der Kulturhauptstadt Tallinn. Welche Auswirkungen dieser abrupte Wechsel auf die gerade erst aus einem dreijährigen Koma erwachten Theaterformen hat, muss sich erweisen. Schade ist es ohnehin, hat doch Schmidtke mit einem Programm Furore gemacht, das deutlich auf das Profil der beiden abwechselnd zum Zug kommenden Austragungsstädte Braunschweig und Hannover zugeschnitten ist.

Hannover erwies sich dabei im vergangenen Jahr als gelungene Neubelebung. Die Dominanz der technischen Intelligenz, der Mangel an alternativen Milieus, das schwer fassbare kulturelle Image Braunschweigs lässt dagegen wenig Raum zum Andocken. Die Theaterformen versuchten es zum Auftakt mit einem Ranschmeißer. Das Théâtre Dromesko hatte vor dem Rathaus ein Wohnwagenlager um eine große Holzbaracke aufgebaut, in dem es sein Kneipentheater "La Baraque - Cantine musicale" serviert. Die Zuschauer sitzen an Wirtshaustischen, während eine Sängerin und eine vierköpfige Kapelle Chansons zum Besten geben. Ein Marabu vollführt Kunststücke, Kellner jagen Hühner durch den Raum. Nach einer Suppenspeisung für alle folgen Puppenspieleinlagen sowie Schattenspiele mit einem geflügelten Mops. Ein bunter Abend aus absurden Kleinkunstnummern, die als allzu lose aneinandergereihte theatrale Appetizer wirken.

Ganz anders das "Perser"-Projekt der Regisseurin Claudia Bosse, das die Stadt erfolgreich mobilisierte: Die Bürger waren zur Mitwirkung in Aischylos Tragödie über die Reaktion der Perser auf ihre Niederlage nach der Schlacht bei Salamis aufgerufen - 300 Braunschweiger wirkten im Chor mit. Das Projekt von Claudia Bosse, das vor zwei Jahren bereits weniger aufwendig in Genf inszeniert wurde, zielt auf Theater als politisch-sozialen Prozess: Nicht nur der Zusammenhang zwischen Theater und Demokratie, auch die Kollektiverfahrung in einer individualisierten Gesellschaft und die Auslotung psychischer Grenzen zwischen Ichbehauptung und Massenemphase sollten erfahrbar gemacht werden.

In der Aufführung sind Publikum und Chor auf der großen Bühne des Staatstheaters zusammengepfercht. Verdrücken ist nicht möglich. Ob man an die Wand flüchtet oder stoisch in der Mitte stehen bleibt, das Chorkollektiv verschmilzt mit den Zuschauern, zieht sich dann wieder zurück, stößt mal als Phalanx vor oder läuft wild kreuz und quer.

Claudia Bosse nimmt dabei den Massen aber jede bedrohliche oder gar martialische Wirkung. Der archaisierende Ton, mit dem die dunkle Übersetzung von Peter Witzigmann und Heiner Müller gesprochen wird, wirkt als distanzierendes Element. Die zahlreichen Kunstpausen im Vers gehen dabei allerdings eher auf Kosten des Sinnkontinuums, als dass sie einer Sprachkritik an der Propaganda des Griechen Aischylos gegenüber dem persischen Staatsfeind dienen.

Claudia Bosse setzt auf einfache, sinnfällige Bilder. Atossa (Doris Uhlich) ist eine barbusige Mater dolorosa auf Kothurnen. Um die Mutter aller Perser schart sich der Chor bangend. Als der weiß gekleidete Bote (Jörg Petzold) die Nachricht von der Niederlage bringt, sinken die Choreuten klagend zu einem Leichenmeer nieder, in dem die Zuschauer nun als Nachgeborene stehen. Der Geist des Dareios (Christine Standfest) hängt im Flugwerk, der unterlegene Feldherr Xerxes (Marion Bordat) läuft als nackter Schuldiger brüllend durch die Gänge des Bühnenturms. Der Abend nervt so gelegentlich durch die stilisierte Pseudoarchaik, doch die "Erlösung" des Zuschauers aus dem vereinzelnden Theatersessel, die Erfahrung des Demos im Theater gehören zum Erstaunlichen dieser Aufführung.

Radikale Vereinzelung betreibt hingegen die Mehr Theatre Group mit "Quartet: A Journey to North". Das Stück des 30-jährigen iranischen Shootingstars Amir Reza Koohestani und der Filmemacherin Mahin Sadri zeigt zwei Männer (Attila Pesyani und Mohammad Hasan Madjouni) und zwei Frauen (Mahin Sadri und Baran Kosari), die von authentischen iranischen Mordfällen berichten: Shahram, dessen Karriere als Rockmusiker wegen eines geplatzten Trommelfells am Ende ist, wird von seiner Freundin in Notwehr erstochen. Ali wiederum versinkt nach seiner Scheidung in Trauer, bis sein Vater in einem Amoklauf zuerst ihn, dann seine eigene Mutter und zwei seiner Schwestern umbringt.

Koohestanis Inszenierung hat den Duktus einer polizeilichen Zeugenbefragung. Die vier Schauspieler sitzen mit dem Rücken zueinander an kleinen Tischen in der Mitte der Bühne und erzählen dem in vier Gruppen aufgeteilten Publikum ihre Sicht der Dinge. Der Ton ist ruhig und konzentriert. Das kriminalistische Puzzle wird bald zur psychologischen Tiefbohrung. Die Monologe der Akteure erscheinen nicht als Geständnisse, sondern dienen der Selbstvergewisserung im Unbegreifbaren. Die vier Zeugen erfahren nämlich nicht, was ihre Mitzeugen berichten. Nur für die Zuschauer setzen sich die Erzählungen zu einem Ganzen zusammen. Bis zum Schluss hält Koohestani den Abend in einer faszinierenden Schwebe, ohne jemals in anthropologische Fundamentalismen oder Schuldzuweisungen an die Gesellschaft zu verfallen - auch wenn diese sich unschwer daraus erschließen lassen.

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