Extra Golden, die Band der Stunde: Ein Loblied auf Obama

In den USA ist ihr Mix von Afropop und Indierock der Sound der Saison. Beim Auftritt der kenianisch-amerikanischen Band in Hamburg hätten ruhig ein paar mehr Leute kommen können.

Hier stimmt Obama in den Gesang der Gottesdienstbesucher der Apostolic Church of God in Chicago mit ein. Es soll aber auch überliefert sein, dass er zu den Klängen von Extra Golden die Hüfte schwingt. Bild: dpa

"In dem nächsten Lied geht es um Fehler. Ihr müsst lernen, euch eure Fehler zu verzeihen", sagt der schlaksige Gitarrist Alex Minoff. Dann beginnen er und seine beiden Kogitarristen, synkopisch an ihren Seiten zu zupfen. Leichte, Calypso-anmutende Melodien, die einigermaßen konträr wirken zu der ernsten Ansage. "Nyako we sanda" heißt das Lied. Die Bühne in der Fabrik in Hamburg ist in sonnig-gelbes Licht getaucht. Hinter dem Schlagzeug hängt ein vergilbtes Tuch, auf das die Band mit blauer Wandfarbe ihren Namen gemalt hat: Extra Golden. Sie mischen kenianischen Benga-Pop mit Indie-Rock. Die Kollaboration aus drei US-amerikanischen und drei kenianischen Musikern hat sich mit diesem Indie-Afropop-Mix in der amerikanischen Weltmusikszene einen Namen gemacht. Nun touren sie durch die USA, Europa und Kanada.

Gitarrist Ian Eagleson sagt, er spiele lieber Konzerte, auf denen 100 Leute tanzen, als solche, auf denen sich 300 Leute langweilen. In die Fabrik kommen nur 20 Gäste - aber sie tanzen. Drei Tage zuvor waren Extra Golden noch in Portugal. Dort war das Wetter besser. Es regnet. Den Regen findet Gitarrist und Sänger Opiyo Bilongo nicht schlimm. "Das sind doch die Tränen Gottes, verstehst du?", sagt er, bevor er auf die Bühne geht.

Schüchtern blickt Sänger Onyango Jagwasi ins Publikum. Als wisse er nicht ganz genau, was er mit den wippenden, stampfenden, teils sitzenden Hamburgern anfangen soll. In Kenia ist er bekannt als Benga-Musiker. In Deutschland steht er das erste Mal auf der Bühne. Aber seine zögerlichen Bewegungen wandeln sich zu Tanzschritten. Bis er und seine Mitmusiker am Ende prophetisch die Arme ausweiten, Hüften kreisen, am Bühnenrand knien, ihr Publikum direkt ansingen und die Gitarren hochreißen. Benga ist afrikanische Tanzmusik. Auf Luo, eine der Landessprachen in Kenia, singen Extra Golden fünfstimmig über Liebe, Gier und Macht. Manchmal lobt ein Benga-Song eine ganz besondere Person. Auch Extra Golden spielt an diesem Abend so ein Loblied: "Obama" von ihrem zweiten Album "Hera Ma Nono".

Es ist dem US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama gewidmet. Der war noch Senator für Illinois, als er sich 2006 für die Einreiseerlaubnis von Bilongo und Schlagzeuger Onyango Wuod Omari einsetzte. Er ermöglichte Extra Golden so, auf dem World Music Festival Chicago zu spielen. Es sollte ihr erstes internationales Konzert sein. Für die beiden Kenianer war es das erste Mal, dass sie ihr Land überhaupt verließen.

Die eine Hälfte von Extra Golden lebt in den USA, die andere Hälfte in Kenia. Gitarrist Minoff hätte es gerne einfacher, in einer bikontinentalen Band zu spielen. Aber eben mal telefonieren und einen Probentermin in New York ausmachen, das geht so nicht. Fünf Tage vor Tourbeginn haben die Musiker aus Washington, New York, Chicago und Nairobi sich das erste Mal seit einem Jahr wiedergetroffen. In dieser Zeit beschränkte sich ihr Kontakt auf SMS und E-Mails. Die Visakosten und die bürokratischen Hürden, die Band komplett auf internationale Bühnen zu holen, sind hoch. Als Extra Golden im vergangenen Jahr von Frankreich nach Wien fliegen wollten, wurden die kenianischen Musiker am Flughafen festgenommen. Die Formulare auf Französisch, die sie unterschreiben sollten, konnten sie nicht verstehen. Es dauerte zwölf Stunden, bis ein Übersetzer zu Hilfe kam. Dass sie Musiker auf Tour sind, wollten die französischen Beamten ihnen nicht glauben, erzählen sie. Seit den Unruhen nach der Präsidentschaftswahl in Kenia Ende des vergangenen Jahres hat sich auch in ihrer Heimat vieles verändert. "Nichts ist mehr wie vorher", sagt Bilongo. Es gebe keine Arbeit und kaum Geld, um die eigene Familie zu ernähren. Früher haben sie oft in Bars gespielt. Heute finden solche Auftritte seltener statt.

An diesem Abend reist die Band weiter auf das Roskilde Festival in Dänemark. Vorher allerdings müssen sie noch Zugaben spielen - ohne will das Publikum sie nicht von der Bühne lassen. Wenn die Tour vorbei ist, steht ihr neues Album an. Das erste haben sie in einer Bar aufgenommen, das zweite in einem Haus bei New York. Vielleicht kommt ja nun das richtige Tonstudio. Sicher ist, dass Extra Golden im nächsten Jahr wiederkommen wollen. Und vielleicht tanzen dann nicht nur 20 und auch nicht 100, sondern sogar 300 Leute vor der Bühne.

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