Neues Album von Nas: Die Wiederauflage von "Black Pride"

Nas ist der Verwandlungskünstler des Hiphop. Mal Gangsta, mal Messias, präsentiert der "beste MC der Welt" fristgerecht politische Untertöne.

Nas ist Hiphop. Gleich im ersten Song gibt's ein beherztes 'fuck the police'. Bild: ap

Kaum ein Tabu sorgt in den USA regelmäßig für so viel Aufregung wie das Wort "Nigger". 2006 beförderte sich etwa der "Seinfeld"-Darsteller Michael Richards (Kramer) ins Karriere-Aus, nachdem er einen afroamerikanischen Gast von der Bühne aus als "Nigger" beschimpft hatte. Ein paar Monate später entzündete sich an einem rassistischen Kommentar des Radiomoderators Don Imus eine hitzige Debatte über das N-Wort, gefolgt von Forderungen nach einer Selbstzensur im Hiphop.

Als der New Yorker Rapper Nas im Frühjahr ankündigte, dass sein neues Album wie das Schimpfwort heißen soll, brach ein Sturm der Entrüstung los- und es gab viel Aufmerksamkeit für den angeblich besten MC der Welt.

Auf Druck seines Labels Def Jam erscheint sein neues Werk nun doch ohne Titel. Das Cover ziert dafür eine krasse Rückenansicht von Nas: Seine Haut ist mit Narben von Peitschenhieben in Form eines N übersäht, es ist auch das Trademark des Rappers.

Pünktlich zur Veröffentlichung ist der verbannte Titel durch die Verbalattacken von Jesse Jackson gegen Barack Obama wieder allgegenwärtig. Beim versehentlichen Lästern vor laufenden Kameras hat Jackson auch das von ihm selbst geächtete N-Wort ausgesprochen. Ausgestrahlt wurde der Faux Pas erstmals in "The OReilly Factor". Auch Nas hat schon seine Erfahrungen mit dieser konservativen Talkshow beim TV-Sender Fox News gemacht. Meinungsschleuder Bill OReilly nahm Anstoß daran, dass der Rapper bei einem Campus-Konzert auftreten sollte, und betrieb übelste Hetze mit Lügen um eine Verurteilung wegen Waffenbesitz.

Die Abrechnung von Nas mit der reaktionären Propaganda des Senders folgt nun auf dem Song "Sly Fox". Medienkritik ist dabei nur ein Teil des komplexen Gemäldes, das Nas auf seinem Album von den afroamerikanischen Verhältnissen zeichnet. Im Intro fließt sein Rap über eine minimalistische Pianosequenz entlang von schwarzem Selbsthass, Teenagerschwangerschaften und vaterlosen Familien hin zu einem kunstvollen Diss des Konkurrenten 50 Cent, selbst die eigene Ehefrau Kelis erwähnt er und über allem schwelt sein gehöriger Messias-Komplex. In den Stücken "You Cant Stop Us Now", "Make The World Go Round" und "NI**ER" beschwört Nas eine Wiederauflage von "black pride". Dabei zieht Nas eine klare Linie zwischen außen und innen: "Sie wollen uns weismachen, wir seien nichts wert. Wir aber stammen von Königen ab."

Die Aneignung von Schimpfwörtern hat im Hiphop Tradition. Positiv gewendet kann die Beleidigung zum Zeichen der Selbstermächtigung und Zuneigung unter Unterdrückten werden. Welche Perspektive vorherrscht, erklärt sich durch die Schreibweise - Tupac Shakur definierte den Unterschied so: "Nigger" ist ein Schwarzer mit einer Sklavenkette um den Hals, "Nigga" ist ein Schwarzer mit einer Goldkette um den Hals.

Nas trägt natürlich beides. Seit Nasir Jones vor 14 Jahren über Nacht bekannt wurde, lässt sich die jüngere Hiphop-Geschichte nicht umsonst an seiner Karriere ablesen. 1994 war er noch das Wunderkind aus den Projects von Queens. Zwei Jahre später schlüpfte er als Nas Escobar in eine großkotzige Gangster-Identität. Zum Millennium schließlich gab er größenwahnsinnig den Propheten Nastradamus im Popgewand.

Nach Vorwürfen des Ausverkaufs ließ er sich in einem Video als "Gottes Sohn" ans Kreuz nageln. Seit dem Bedeutungsverlust der New Yorker Szene inszeniert sich Nas wieder als Held der Straße. Zuletzt sorgte er mit dem Albumtitel "HipHop is Dead" für Kontroversen. Der Mann weiß, welche medialen Knöpfe er zu drücken hat. Seine Strahlkraft bezieht er seit jeher aus der Repräsentationslogik des Genres: Nas ist Hiphop - und wenn es mal nicht so toll bei ihm läuft, dann steckt auch die ganze Rapkultur in der Krise.

Was also hätte man sich mehr wünschen können, als dass der Rapstar soziale und politische Verantwortung übernimmt und gleich im ersten Song ein beherztes "fuck the police" von sich gibt? Doch wo steht Nas genau? Auf welche Seite schlägt er sich etwa in der seit dem Disput von Booker T. Washington gegen W. E. B. DuBois rund 100 Jahre währenden afroamerikanischen Debatte? Müssen sich Schwarze anpassen und die Schuld an den Misständen in der eigenen, durch Faulheit, Selbsthass oder Gangsta Rap verschmutzten Kultur suchen? Oder ist der strukturelle Rassismus veranwortlich für den Verfall der afroamerikanischen Gemeinde?

Wie Jesse Jackson würde der schwarze Nationalist und Macho in Nasir Jones dem "Halbblut" Obama wohl gerne die Eier abschneiden, wagt er es doch, seinen Brüdern mehr Eigenverantwortung abzuverlangen.

Doch der Sound seines neuen Albums geht in eine andere Richtung: Statt über Hardcore-Beats, die zu einigen radikalen Ansagen besser passen würden, rappt Nas über Soul-Symphonien. Die musikalische Gefälligkeit gipfelt im rührseligen ProBama-Stück "Black President". So übt Nas mit dem ästhetischen auch den politischen Spagat - und schrammt dabei hart am Kitsch vorbei.

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