Autorin Akyün über ihre Familie

"Sie haben mich Helga genannt"

Hatice Akyün beschreibt in ihrem Buch, wie sie mit einem Türken und ohne Trauschein eine deutsche Kleinfamilie gründet. Meine Eltern verstehen mein Leben nicht, aber sie respektieren es, sagt die Autorin.

Hatice Akyün versteht nicht warum ihre Schwester ein Kopftuch trägt - akzeptiert aber ihre Entscheidung. Bild: andre rival / verlag goldmann

taz: Frau Akyün, wie bringt eine Deutschtürkin ihrer traditionellen, muslimischen Familie bei, dass sie schwanger ist, aber nicht heiraten will?

Hatice Akyün: Das muss man gut vorbereiten, damit keine Türkentragödie daraus wird, wie ich das nenne - mit Geheule, Rausrennen und großen Szenen. Meine Beziehung zu Ali hat ja sehr deutsch angefangen: Wir wollten uns Zeit lassen und erst mal gucken, ob wir zusammenpassen, bevor wir uns unseren Eltern vorstellen. Dann geht es ja nur noch um die Frage: Wann heiratet ihr?

Aber Sie haben sich keine Zeit gelassen.

Nein, wir haben ziemlich türkisch weitergemacht: Ich bin schnell schwanger geworden. Ich dachte, ich kann meinen Eltern das nicht sagen, ohne dass sie Ali kennen lernen. Weil sowohl seine als auch meine Eltern in der Türkei waren, haben wir dort eine Familienzusammenführung organisiert. Bei den Türken heiraten ja nicht Mann und Frau, sondern zwei Familien. Ich war schon im vierten Monat schwanger und habe nur weite Tunikas getragen, damit man nichts sieht. Von der Schwangerschaft haben wir ihnen erst ein paar Wochen später am Telefon erzählt.

Gab es eine Türkentragödie?

Meine Schwester, die in der Türkei lebt, hatte das ganze gut vorbereitet. Sie hat meinen Eltern gesagt: "Ich habe eine wunderbare Neuigkeit: Hatice hat endlich einen Mann gefunden." Es war der sehnlichste Wunsch meines Vaters, dass auch seine unvermittelbare Tochter endlich heiratet. Dafür hat er sogar schon mal ein Lamm geopfert. Aber ich habe meine Eltern wirklich unterschätzt. Sie haben viel lockerer reagiert, als ich gedacht habe. Mein Vater hat gesagt: Die Reihenfolge stimmt bei euch sowieso nicht, jetzt braucht ihr auch nicht mehr heiraten.

Sind Sie das Enfant terrible Ihrer Familie?

Ach was. Wir sind vier Schwestern und zwei Brüder, und wir sind sehr unterschiedlich. Meine älteste Schwester Gönül trägt das Kopftuch. Sie ist Anfang 20 spirituell geworden und hat sich dafür entschieden. Sie hat zwei Töchter, die tragen kein Kopftuch, die ältere hat gerade Abitur gemacht und will jetzt studieren. Meine Schwester in der Türkei, Fatma, ist ganz anders. Sie ist in Deutschland geboren, hier aufgewachsen und hat dann einen Mann in der Türkei kennen gelernt. Fatma geht in die schicksten Bars, trägt die neueste Mode und trinkt ständig Latte Macchiato, was in der Türkei nicht so gängig ist wie hier. Ihr Leben ist mir viel zu oberflächlich. Fatma arbeitet nicht, sie will zu Hause sein, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Das wiederum ist für Gönül, die in Duisburg in einer Fahrschule arbeitet, unvorstellbar. "Da würde ich verblöden", sagt sie. Schon hier sieht man, dass die gängigen Klischees nicht stimmen - und deshalb wollte ich das alles auch aufschreiben.

Sie beschreiben die Geschichten aus Ihrer Familie so unterhaltsam, als gäbe es keine ernsthaften Probleme und Konflikte. Das kann nicht wahr sein.

Ist es aber! Ich kann Ihnen keine Leidensgeschichte erzählen. Es gibt in unserer Familie keine Zwangsheirat und keine Probleme mit der Familienehre, ich habe keinen schlagenden Vater und es ist auch noch nie jemand verstoßen worden. Ist es ein ernsthafter Konflikt, dass mein Vater ein Problem damit hat, dass seine Tochter mit Mitte 30 noch nicht verheiratet ist? Dass meine Mutter anfängt zu weinen, weil ich in meiner Berliner Wohnung keine Teppiche hatte und sie nicht versteht, dass ich Parkett schick finde? Sind das ernsthafte Konflikte? Nein, sind es nicht. Ich gehe aus, ich treffe Freunde, ich trinke Alkohol, alles Dinge, die nicht in die Welt meiner Eltern passen. Aber sie wissen, dass sich die Welt geändert hat und dass das auch an ihrer Familie nicht vorbeigeht. Meine Eltern sind zwar Analphabeten, aber nicht dumm. Sie verstehen mein Leben nicht, aber sie respektieren es. Ich kann nicht verstehen, warum meine Schwester Kopftuch trägt, ich würde das niemals tun. Aber ich respektiere es. Und darum geht es.

Sind die toleranten Akyüns eine Ausnahme?

Nein, auf keinen Fall. Das ist die Regel.

Kritikerinnen sagen, Sie idealisieren das Leben der türkischen Community.

Aber das mache ich nicht. Ich beschreibe die Dinge so, wie ich sie erlebe. Und ich komme nicht aus einer Istanbuler Intellektuellenfamilie. Meine Eltern stammen aus einem anatolischen Dorf, mein Vater ist als Bergmann nach Duisburg gekommen. Wir sind eine klassische Gastarbeiterfamilie! Die Rechtsanwältin Seyran Ates, die ich sehr schätze, hat mich leider für mein erstes Buch kritisiert. Aber sie hat vor allem die Problemfälle im Blick, die Frauen, die in ihre Kanzlei kommen, um sich helfen zu lassen. Es ist wichtig, diese Fälle in die Öffentlichkeit zu bringen. Aber man darf nicht nur über die Problemfälle reden! Frauen wie Seyran Ates und Necla Kelek haben mir mein deutsch-türkisches Leben erschwert.

Inwiefern?

Einfach weil sie es geschafft haben, ihre Sicht zur vorherrschenden zu machen. Diese Frauen sind der Grund dafür, dass ich mich jeden Tag rechtfertigen muss. Es hat sich ja eine Sicht durchgesetzt, dass es in jeder Familie Zwangsheiraten, Ehrenmorde und einen schlagenden Vater gibt.

Wie reagieren andere Deutschtürken auf Ihr Buch?

Sehr gut. Natürlich werde ich auch auf Lesungen mit diesen Fragen konfrontiert. Das Klischee ist im Raum und ich muss dagegen ankämpfen. Das Misstrauen zwischen Deutschen und Türken ist größer geworden dadurch. Bei fast jeder Lesung kommen aber auch türkische Frauen auf mich zu, die sagen: Danke, dass du das mal so aufgeschrieben hast, das ist mein Leben.

Wie haben Sie es als typisches Gastarbeiterkind geschafft, Karriere zu machen?

In die Wiege gelegt wurde mir das nicht: Ich bin in Duisburg-Marxloh groß geworden, ich war auf einer Hauptschule. Meine Eltern kannten den Unterschied zwischen Hauptschule und Gymnasium nicht. Wenn die Lehrerin sagt, Hatice soll dahin gehen, dann musste das wohl richtig sein.

Wie haben Sie den Sprung aus der Hauptschule geschafft?

Wir haben in Marxloh in einer Zechensiedlung gewohnt und damals hat der Bergmann Hans noch neben dem Bergmann Mehmet gewohnt. Das war halt so. Wir haben zu Hause nur Türkisch gesprochen, aber ich habe auf der Straße Deutsch gelernt. Als ich dann in die Schule gekommen bin, waren - anders als heute - in meiner Klasse auch 20 deutsche Kinder. Meine Eltern konnten mich nicht fördern, aber die Eltern meiner deutschen Freundinnen waren da. Und meine Lehrerinnen.

Wenn alles so nett war, warum wollten Sie als Kind dann keine Türkin sein?

Als Kind will man dazugehören. Ich wollte Weihnachten haben, mich mit dem Waschlappen waschen, Würstchen essen. Das gab es alles bei uns nicht. Bei Kindergeburtstagen bekam ich immer ein Hühnerbein. Nur ich! Das war furchtbar.

Was ist das Problem mit den Waschlappen?

Sauberkeit bedeutet bei Türken fließendes Wasser. Ich weiß noch ganz genau: In der vierten Klasse sind wir ins Schullandheim gefahren und haben vorher eine Liste bekommen, was wir mitnehmen sollen. Da stand auch Waschlappen drauf. Ich habe meine Mutter so lange genervt, bis sie mit mir in die Stadt gefahren ist, um Waschlappen zu kaufen. "Sauber wirst du damit aber nicht", hat sie gesagt.

Sie schreiben aber auch aus heutiger Sicht: "Ich habe alles Türkische hinter mir gelassen."

Das bezieht sich auf meine Familie. Ich liebe sie über alles. Aber ich liebe auch meine Eigenständigkeit und meinen Freiraum. In türkischen Familien geht es um Gemeinschaft. Jeder gehört jedem. Das ist das, was ich türkischen Familienkommunismus nenne. Wenn ich mich eine Woche nicht bei meiner Mutter melde, ist das ein Drama. "Habe ich dich nicht neun Monate im Bauch getragen?", höre ich dann. Ich will eine Kleinfamilie ohne diese Enge. Und die habe ich jetzt auch.

Was sagt Ihre Großfamilie dazu?

Meine Familie belächelt mich deswegen. Sie haben mich Helga genannt, wie eine Deutsche. Aber sie haben es auch akzeptiert. Was meine Mutter nicht verstehen kann, ist, dass ich arbeite, obwohl meine Tochter noch so klein ist. Eine Mutter gehört zu ihrem Kind, sagt sie. Warum reist du so viel? Ihr könnt doch von Alis Gehalt leben.

Ihre Tochter ist anderthalb. Was wollen Sie bei der Erziehung anders machen als Ihre Eltern?

Das Wichtigste ist: Wir wollen sie zweisprachig erziehen. Wir haben als Kinder zu Hause nur Türkisch gesprochen, Deutsch wurde draußen gesprochen. Das waren zwei getrennte Welten. Ich spreche mit Merve nur Deutsch, der Papa nur Türkisch. Und das Schönste ist: Das Kind reagiert auf beide Sprachen. In ein paar Jahren wird sie mit Leichtigkeit zwei Sprachen sprechen. Ich verstehe nicht, warum es Eltern gibt, die sich nicht darum kümmern, dass ihre Kinder Deutsch sprechen können. Meinen Eltern gefällt das natürlich nicht.

Das Zweisprachige?

Meine Eltern meinen, das Kind muss erst mal ein Fundament in seiner Muttersprache bekommen. Aber für mich ist Merves Muttersprache Deutsch, sie ist ein Berliner Kind. Ihre Zweitsprache ist Türkisch. Meine Muttersprache war früher Türkisch, mittlerweile ist es Deutsch. Das sehen meine Eltern nicht so. Sie sagen: Du bist Türkin, dein Mann ist Türke, also ist das Kind Türkin. Aber Merve wird hier leben, zur Schule gehen, studieren. Ihre Zukunft ist hier. Wenn meine Mutter das hört, reagiert sie böse und nennt Merve "deutsches Kind". Und alle in meiner Familie haben Mitleid mit ihr, weil wir sie jeden Abend pünktlich um acht ins Bett stecken. Konsequent. Das ist absolut deutsch.

INTERVIEW SABINE AM ORDE

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