"In der Wüste der Moderne" im Berliner HdKW: Städtebau als kolonialer Probelauf

Die etwas wirre Ausstellung "In der Wüste der Moderne" schaut ins Nordafrika der Fünfzigerjahre, wo Baumeister aus Europa den Auftrag bekamen, ganze Stadtviertel hochzuziehen.

Die Anfang der 50er Jahre gebaute Siedlung El Hank in der marokkanischen Stadt Casablanca im Jahre 2008. Bild: dpa

"Ohne den Kolonialismus wäre die europäische Moderne nicht realisierbar gewesen." Mit dieser steilen These überschreibt das Haus der Kulturen der Welt in Berlin sein aktuelles Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt "In der Wüste der Moderne". Es will städtebauliche Konzepte zeigen, die in Nordafrika in den 1950er-Jahren erprobt wurden, und ihren Einfluss auf den europäischen Massenwohnungsbau der Nachkriegszeit, speziell in Frankreich, hinterfragen.

Bereits hier fragt man sich, warum das Thema in Deutschland verhandelt wird, waren Tunesien, Marokko und Algerien doch bis 1956 bzw. 1962 französisch besetzt. Die Moderne, so antworten die Kuratoren um die Künstlerin Marion von Osten, sei schließlich eine internationale Erscheinung. Ihnen geht es auch um politische Ereignisse in der Zeit der Dekolonisierung und um die Frage, wie es sich heute in den französischen Vorstädten lebt. Anlass dafür geben hier offenbar die häufigen Unruhen in den Banlieues von Paris, wo viele Migranten aus Nordafrika wohnen. "Der Kolonialismus kehrt zurück" lautet deshalb eine weitere These, die nur auf wackeligen Füßen steht.

Die koloniale Herrschaft, die Utopien der Moderne und ihre Auswirkungen auf Europa, das ist ein gewaltiger Themenkomplex, den das Haus der Kulturen der Welt in den kommenden zwei Monaten mit einer Filmreihe, Performances und einer internationalen Konferenz zur Diskussion stellen will. Die theoretisch aufgeladene Ausstellung aber deutet bereits an, wie unübersichtlich alles zu werden droht.

Zu Beginn des Rundgangs stehen die Besucher vor einem riesigen Stadtgrundriss, dem Generalbebauungsplan für Casablanca aus dem Jahr 1952. Aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung hatte sich die Einwohnerzahl seit 1936 verdoppelt. Menschen aus den Dörfern drängten an den Rand der Stadt in die sogenannten Bidonvilles. Um diesen Hüttensiedlungen etwas entgegenzusetzen, hatte Michel Échochard, städtebaulicher Leiter der französischen Protektoratsverwaltung, radikale Stadterweiterungspläne entwickelt. Architekten aus Europa kamen, um ihre Ideen vom modernen Massenwohnungsbau umzusetzen. Hier hatten sie Platz, hier gab es eine Politik, die den Widerstand der Bevölkerung unterdrückte, hier gab es Geld für Experimente mit Lebensraum. Nordafrika wurde zum Labor für europäische Modernisierungsvisionen.

Unmittelbar neben der damals größten Bidonville, der Carrières Centrales, entstand die Cité Horizontale: umbaute, eingeschossige Höfe auf einem Blockraster von acht mal acht Metern. Innerhalb dieser Siedlung planten die Architekten Georges Candilis und Shadrach Woods, die sich im Büro von Le Corbusier kennengelernt hatten, drei Wohnblöcke, die Cité Verticale. Vor Ort hatten sie die örtliche Bautradition und die Lebensweisen der Menschen in den Bidonvilles studiert und versucht, die in Nordafrika verbreiteten Hofhäuser in mehrgeschossige Gebäude zu übertragen, indem sie die Höfe als große Außenbereiche gestalteten.

Die Bedeutung der Cité Verticale für den internationalen Architektendiskurs haben die Soziologin und Psychologin Monique Eleb und der französische Architekt und Theoretiker Jean-Louis Cohen in ihrem 2003 erschienenen Buch "Casablanca Colonial Myths and Architectural Ventures" aufgezeichnet. Dass die hier gemachten Erfahrungen Candilis und Woods später als Beispiel für ihre Kritik an den Hardlinern der klassischen Moderne dienten und dass diese Kritik zur Auflösung der internationalen Architektenvereinigung CIAM Ende der Fünfziger führte, wird in der Ausstellung nur beiläufig erwähnt. Als Beleg für die These, dass die europäische Moderne im Kolonialismus begründet ist, wäre dies ein Ansatz gewesen.

Doch auch das zweite gezeigte Projekt gibt keine Antworten: Die "Habitat Marocain". Unweit der zweitgrößten Bidonville von Casablanca hatten Jean Hentsch, Sohn einer einflussreichen Genfer Bankiersfamilie, und sein Studienfreund André Studer Unterkünfte für marokkanische Protektoratsangestellte entwickelt: pyramidenartig übereinander geschichtete Atriumswohnungen, bei denen sie auf die traditionellen Berberdörfer Bezug nehmen. Die französischen Behörden lehnten diese jedoch als zu verwinkelt und unkontrollierbar ab. Von den ursprünglich geplanten elf Blöcken einer überarbeiteten Fassung wurden nur drei gebaut. Mit welchen Ideen kamen die Architekten überhaupt nach Nordafrika und mit welchen Erfahrungen gingen sie nach Europa zurück? Und warum bleiben die berühmten Wohnanlagen, die Fernand Pouillon zur gleichen Zeit in Algier baute, unerwähnt?

Die künstlerische Leiterin Marion von Osten betont, dass die Ausstellung nicht auf einzelne Bauten und Lebensläufe von Architekten zielt, sondern vielmehr Ereignisse und Kreuzungspunkte des Geschehens in Nordafrika in den 50er-Jahren aufzeigen und die Architekturdebatte in einen neuen Kontext stellen will. Doch inwiefern bei den Massenwohnungsbauten der Nachkriegszeit in Europa Erfahrungen aus Nordafrika eingeflossen sind, scheint überhaupt nicht durchdrungen. Stattdessen werden neue Fässer aufgemacht. Ein Drittel der Ausstellungsfläche nehmen städtebauliche Studien der Hüttensiedlungen ein, die zwar für Experten eine Fundgrube, für die meisten aber kaum mehr als unendlich ermüdende Diagramme und französisch-englische Textfragmente sind. Die Themeninseln zeigen die Rezeption der Bauversuche in französischen Architekturzeitschriften, theoretische Bücher über das Bauen ohne Architekten, Video- und Filmclips von Studierenden aus Wien und Delft, ein paar Kunstwerke und Projekte von Candilis und Woods aus den 60er-Jahren wie etwa den umstrittenen, als Rostlaube bekannten Universitätsbau der FU Berlin oder die 100.000-Einwohner-Stadt Toulouse-Le Mirail. Soll dies das Gesicht des zurückgekehrten Kolonialismus sein? Keine Informationen.

Spätestens bei dem Video mit Zeitzeugeninterviews von der Pariser Demonstration gegen den Krieg in Algerien am 17. Oktober 1961, in deren Folge geschätzte 200 Menschen, überwiegend Migranten aus Algerien, umgebracht wurden, ist die Verwirrung komplett. Was hat dieses Ereignis, das in Frankreich noch immer als Tabu gilt, mit dem modernen Bauen zu tun?

Die "Wüste der Moderne" gleicht einer Wüste an Informationen. Daran haben auch die Ausstellungsdesigner Anteil. Zwar ist es ihnen gelungen, das 1957 als Kongresshalle gebaute Haus der Kulturen der Welt als Bau der Moderne zu inszenieren, indem sie den Blick in den Garten öffnen und den Eingang in die Ausstellung nach unten verlegen, damit sich die Besucher, dem Thema angemessen, auf Augenhöhe nähern können. Doch die zu Gruppen arrangierten spinnenbeinigen Schautafeln, das merkwürdige Missverhältnis von Informationsdichte und Abbildungsgröße und die kaum lesbaren Erläuterungen auf transparentem Plexiglas wirken wie ein theorieüberfrachtetes Gestaltungskonzept.

Gewiss, die Kuratoren haben eine Menge bisher nicht gezeigtes Material versammelt. Nach dem Ausstellungsrundgang wird aber auch klar, dass hier ein Architekturtheoretiker (Tom Avermaete), ein Soziologe (Serhat Karakayali) und eine Künstlerin (Marion von Osten) mit ihren Studenten am Werk waren, die sich jeweils auf ihre spezielle Weise den Themen Kolonialismus, Migration und Moderne gewidmet und im Dickicht der Themen keinen eigenen Erzählfäden gefunden haben.

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