Kinofilm "Mustafa" polarisiert in der Türkei: Atatürk als Frauenheld

Ein Film über Mustafa Kemal Atatürk, den Staatsgründer der Türkei, erregt die Gemüter. Filmemacher Can Dündar wird wahlweise als Verräter oder Denunziant beschimpft.

Men in red: Filmstill aus dem Film "Mustafa". Bild: mustafa.com.tr

Man sieht die Figur im Profil oder von hinten. Er sitzt nachdenklich am Tisch, starrt vor sich hin und trinkt ein Glas Raki, den in der Türkei so populären Anisschnaps. Der Mann fühlt sich offenbar einsam. Er leidet und er wird bald sterben. Der Mann ist Mustafa Kemal Atatürk, über dessen Leben derzeit ein großes Dokudrama in allen Kinos der Türkei zu sehen ist. Der Film heißt schlicht "Mustafa" und deutet damit schon an, dass es darin weniger um den Staatsmann und ersten Präsidenten Atatürk als vielmehr um die Privatperson Mustafa geht.

Wer als Außenstehender, als Ausländer, den Film sieht, kann darin wenig Aufregendes, Verwerfliches gar erkennen, doch in der Türkei schlagen die Emotionen hoch, als habe ein Anschlag auf das Allerheiligste des Landes stattgefunden. Vom kemalistischen Oppositionsführer Deniz Baykal wie von führenden Kolumnisten in Hürriyet, Vatan und anderen großen Blättern wird der Filmemacher Can Dündar wahlweise als Verräter oder Denunziant beschimpft, der es wagt, Atatürk als "hedonistischen Frauenhelden" darzustellen, der, was aber mittlerweile jedes Schulkind weiß, zumindest gegen Ende seines Lebens mehr Raki getrunken hat, als ihm guttat. Der Vorsitzende des Atatürk-Vereins von Cankaya, dem Bezirk Ankaras, in dem der Präsidentenpalast steht, hat mittlerweile Strafanzeige gegen Can Dündar wegen Verunglimpfung des Andenkens von Atatürk gestellt.

Allein der Titel ist für gläubige Kemalisten bereits eine Provokation. "Ich spreche nicht von ,Mustafa', sondern von Mustafa Kemal Atatürk", rief während eines großen Symposiums über "Die Türkei und die europäische Kultur" am Wochenende ein Politikprofessor dramatisch ins Publikum und erntete damit Ovationen. In einem Land, in dem an jeder Ecke eine Atatürk-Statue steht und kein Kramladen ohne ein Porträt des Staatsgründers auskommt, ist es immer noch ein ambitioniertes Unternehmen, den Übervater der Nation als einen Menschen mit Stärken und eben auch Schwächen darzustellen. Seit seinem frühen Tod 1937 nahm der Personenkult um Atatürk von Jahr zu Jahr zu. In der Auseinandersetzung mit den Islamisten wird Atatürk mittlerweile als Gegenentwurf zum Propheten Mohammed gehandelt. Die politische Doktrin des Kemalismus gerät mehr und mehr zum Religionsersatz. "Wie konnte der Mann, der Zeit seines Lebens gegen Dogmen ankämpfte, selbst zum Dogma werden", fragt sich der Autor des Films, Can Dündar in einer Kolumne in der Zeitung Milliyet und beklagt die Erstarrung des Kemalismus.

Doch die dogmatischen Kemalisten stehen längst mit dem Rücken zur Wand. Die islamische AKP betreibt, seit sie im Jahr 2002 an die Regierung kam, eine Historisierung, die die Türkei wieder als Erbe des Osmanischen Reiches darstellt und den Bruch, den Mustafa Kemal nach Gründung der Republik mit dem Erbe der Osmanen vollzog, als Irrtum abzutun versucht. Auch deshalb reagieren die Gralshüter des Kemalismus so allergisch auf den Film, weil er, von einem moderaten Kemalisten gemacht, angeblich den innenpolitischen Gegnern in die Hände arbeite.

Yigit Bulut, Kolumnist von Vatan, ruft deshalb dazu auf, den Film zu boykottieren. "Insbesondere erlaubt nicht euren Kindern, den Film zu sehen, damit ihr Sinn nicht von diesen Mustafa-Bildern korrumpiert wird". Es hält sich allerdings kaum jemand daran. Der Film wird gerade auch an Schulen diskutiert, und viele Vorstellungen sind gut besucht von Jugendlichen, die immer wieder den Heros Atatürk vorgeführt bekommen haben und nun an dem Menschen dahinter interessiert sind.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de