Interview mit "Dagobert" Arno Funke: "Glauben versuche ich zu vermeiden"

Obwohl Arno Funkes Rolle als Kaufhauserpresser "Dagobert" bereits seit 16 Jahren passee ist, wird er sie nicht los. Dabei lebt der 58-Jährige längst wieder von ehrlicher Arbeit: Er schreibt, zeichnet und singt.

Arno Funke: "Ich wollte immer wissen und nicht glauben." Bild: dpa

taz: Herr Funke, am 30. Dezember steigt das "Subversive Gipfeltreffen", ein Konzert von Ton, Steine, Scherben und anderen anlässlich des 50-jährigen Bühnenjubiläums der Renft-Combo. Wie kommt es, dass Sie dabei sind?

Arno Funke: Ich habe schon immer Spaß an Musik gehabt und kann auch ein bisschen Gitarre spielen. Auf meinem Computer habe ich ein virtuelles Tonstudio und mache so meine Experimente für mich selbst. Das mit dem Auftritt hat sich zufällig ergeben.

Wie denn?

Arno Funke wird am 14. März 1950 als Sohn einer Norwegerin und eines Berliners geboren und wächst in Rudow auf. Nach einer abgebrochenen Ausbildung als Fotograf wird er Schilder- und Lichtreklamemacher, arbeitet als Maler und Fotograf. Sein Geld verdient er als Kunstlackierer in einer Kfz-Werkstatt.

Das jahrelange Einatmen von Lösungsmitteln und eine Identitätskrise führen zu einer Depression. 1988 erpresst er das KaDeWe um 500.000 Mark. 1992 versucht er, den Karstadt-Konzern um 1,4 Millionen Mark zu erleichtern, und sorgt für den aufwendigsten Erpressungsfall in der deutschen Kriminalgeschichte. Weil er in einer Anzeige zur Geldübergabe Dagobert Duck zitiert, trägt er den Beinamen Dagobert.

1996 wird er zu neun Jahren Haft und zur Zahlung von 2,5 Millionen Mark an Karstadt verurteilt. Seit seiner vorzeitigen Entlassung im August 2000 arbeitet er als Zeichner, Karikaturist für die Satirezeitschrift Eulenspiegel und Autor. Er hat einen 18-jährigen Sohn und wohnt in Wilmersdorf. Am 30. Dezember singt er bei einem Konzert zum 50-jährigen Jubiläum der Klaus-Renft-Combo - die Band des 2006 verstorbenen ostdeutschen Musikers - das Lied "Lass uns das Ding drehen". Ort des Konzerts ist das Festzelt Kreuzberg am Mehringdamm.

Ich hatte das Plakat für das Konzert gestaltet. Die Renft-Combo kenne ich schon länger, und den ehemaligen Namengeber, der inzwischen tot ist, kannte ich auch. Bei einem Meeting fragte mich der Schlagzeuger von Ton, Steine, Scherben, ob ich bei dem Konzert ein Lied singen könnte. Da machen ja viele mit.

Haben Sie sofort zugesagt?

Ich habe gesagt, ja, möglicherweise.

Können Sie denn singen?

In der Badewanne habe ich schon immer gesungen und auch auf einer Bühne schon mal - aber das ist lange her. Das war eine größere Geburtstagsfeier. Und weil die Leute wussten, dass ich Gitarre spiele, haben sie mich dann auf die Bühne gezerrt.

Sie werden das Lied "Lass uns das Ding drehen" singen. Wer hat den Titel ausgesucht?

Ton, Steine, Scherben.

Was ist schwieriger: einen Konzern zu erpressen oder den "Dagobert"-Schatten loszuwerden?

Den "Dagobert"-Schatten loswerden! Der schleicht mir ewig nach. Dabei forciere ich das nicht. Aber es ist völlig egal, was ich mache. Wenn ich nicht darauf eingehe, tun das andere. Und wenn Bezug genommen wird wie bei "Lass uns das Ding drehen", kommt natürlich der Vorwurf, ich würde auf den alten Geschichten herumreiten.

Sie selbst können entscheiden, wofür Sie sich einspannen lassen. Was hat den Ausschlag gegeben, "Lass uns das Ding drehen" zu singen?

Ich denke ja nicht den ganzen Tag an meine alte Geschichte. Als die Anfrage kam, dachte ich auch erst nicht daran. Bei dem Titel, den Rio Reiser früher einmal gesungen hat, machte es bei mir Klick, und ich dachte, na ja gut, dann müsste ich den Text wissen.

Darin heißt es unter anderem: "Das ist kein Jahr für Eintagsfliegen, das ist kein Jahr wie jedes Jahr. Das wird n Jahr für Kies und Kohlen, ein Jahr für Coke und Kaviar. Es ist genau der richtge Zeitpunkt, alle Connections sind gecheckt."

Der Text ist ja ziemlich harmlos. Man kann das auch anders interpretieren.

Wie?

Man kann auch sagen, dass es gar nicht darum geht, etwas Kriminelles zu machen, sondern: Lass uns was anpacken! Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir nicht so viel dabei denke. Es ist so wie bei der Band Die Prinzen mit ihrem Lied "Du musst ein Schwein sein in dieser Welt". Stellen Sie sich vor, ich würde das Lied singen! Wenn zwei dasselbe tun, ist es immer noch nicht das Gleiche.

Holt Sie Ihre Vergangenheit mit dem Gesangsauftritt ein?

Nee, auf keinen Fall. Für mich persönlich ist das alles ziemlich weit weg. Bei vielen Sachen müsste ich in meinem eigenen Buch nachlesen, wie es gewesen ist. Ich werde ja immer nur von außen daran erinnert.

Wer wird dann also auf der Bühne stehen?

Arno Funke, wie er leibt und lebt, der immer versucht, irgendwelche Dinge zu machen, die er nicht kann.

Welche Bedeutung hat der Auftritt für Sie?

Es ist eine Herausforderung. Man muss dazu wissen, dass ich früher sehr schüchtern war und es zum Teil noch immer bin. Aufgrund meiner Erfahrungen bei Lesungen und anderen Auftritten habe ich sicher einen Teil meiner Hemmungen abgelegt. Aber trotzdem: Der Auftritt ist auch eine Erinnerung an meine Jugend. Mit 17 wollte ich - wie viele Jugendliche - Rockstar werden. Und es hat ja seinen Reiz, Dinge machen zu können, die Spaß machen. Der Auftritt ist für mich ein Jux. Die Schwierigkeit ist eher, den Text zu behalten.

Ähnlich wie der "Dagobert"-Schatten liegt auf Ihnen nach wie vor die Schadenersatzforderung des Karstadt-Konzerns in Höhe von 5 Millionen Mark. Belastet Sie das?

Darüber mache ich mir überhaupt keine Gedanken, schon lange nicht mehr. Es ist illusorisch, das zu zahlen, außer ich hätte sechs Richtige im Lotto samt Zusatzzahl.

1998 haben Sie Ihre Autobiografie veröffentlicht, 2004 folgte "Ente kross", ein Buch mit Karikaturen und Geschichten. Haben Sie etwas Neues in Arbeit?

Ja, da geht es um fantasievolle Geschichten, die auch ein bisschen satirisch erzählt werden. Es geht um Sexualität. Was wäre, wenn …

Klingt interessant. Worum geht es genau?

Was wäre, wenn die Sexualität anders gelaufen wäre zwischen Mann und Frau? So wie es in der Tierwelt manchmal üblich ist. Wenn die Gottesanbeterin oder die Schwarze Witwe ihre Männchen auffressen während der Begattung. So was gibt es ja auch beim Menschen, wenn man an Meiwes denkt.

Sie meinen Armin Meiwes, den sogenannten Kannibalen von Rothenburg, der einen Mann ungebracht und dann Teile von ihm gegessen hat?

Genau. Da ist man natürlich angewidert, weil es mit den eigenen Gefühlen nicht in Einklang zu bringen ist. Aber auf der anderen Seite wäre es natürlich anders, wenn so etwas die Regel wäre.

Wie ist diese Buchidee entstanden?

Mich interessieren Naturwissenschaften. Es geht auch darum, dass ein Staat bestimmte Voraussetzungen braucht, damit sich eine Gesellschaft überhaupt entwickeln kann. Es macht mir Spaß, mir darüber Gedanken zu machen. Wie es vielleicht anders aussehen könnte. Ich spinne dann gerne weiter.

Was genau interessiert Sie an der Sexualität?

Man kann verschiedene Verhaltensweisen karikieren. Vielleicht stößt man dabei darauf, dass das, was wir für Wirklichkeit halten und für unabänderbar, anders hätte sein können. Es gibt zum Beispiel den Tiefseeanglerfisch, bei dem das Männchen wesentlich kleiner ist als das Weibchen. Wenn ein Männchen ein Weibchen findet, beißt es sich am Weibchen fest und verwächst mit ihm. Es ist dann nur ein Anhängsel und wird vom Blutkreislauf des Weibchens mit ernährt.

Davon träumen Sie?

Nein, nicht. Aber es ist witzig. Es geht auch um Religion. Wenn zum Beispiel - was ja weit verbreitet ist im Tierreich - Weibchen das Sagen haben, in dem Fall also Frauen, dann gäbe es keinen Gott, sondern eine Göttin. Manches kommt einem vielleicht skurril vor, seinen Partner nach dem Akt zu verspeisen, aber es könnte auch völlig normal sein. Im ersten Moment findet man das vielleicht absurd. Aber bei den alten Römern, wenn die Gladiatoren sich gegenseitig eins über den Schädel gehauen haben und viele dabei zu Tode gekommen sind, hat ein begeistertes Publikum zugeschaut. Das war normal.

Was reizt Sie an diesen "Was wäre, wenn…"-Tier-Mensch-Fragen?

Seit meiner Pubertät war die größte Frage, mit der ich mich immer beschäftigt habe: Was ist Realität?

Haben Sie eine Antwort gefunden?

Ich denke, ich bin einer Antwort ein ganzes Stück näher gekommen. Das Problem dabei ist aber, dass es nur wenige Menschen gibt, die das nachvollziehen können.

Wieso?

Weil es viele Sachen berührt und in Frage stellt, den Glauben zum Beispiel. Die Vorstellung im Christentum von Gott geht ja in die Richtung, er sei gütig, wohlwollend, behütend. Es gibt aber auch das Böse in der Welt.

Und?

Da gibt es die Theodizee, diese philosophische Geschichte. Wenn Gott gütig ist, es aber das Böse gibt, heißt das, er hat keine Macht, das Böse zu bekämpfen? Dann brauchen wir ihn auch nicht anzubeten. Oder er will nicht. Dann kann er nicht gut sein. Um es kurz zu machen: Der Mensch hat von Gott den freien Willen bekommen, damit er sich vom Tier unterscheidet und sich frei für das Gute oder Böse entscheiden kann. Damit ist dann Gott aus dem Schneider. Wenn es keinen freien Willen gibt, ist der Mensch auch nur ein von seinen Trieben Getriebener, wie die Tiere. Nur, dass der Mensch noch seinen Verstand hat und sich die Triebe, der Selbsterhaltungstrieb und der Fortpflanzungstrieb, durch Gefühle äußern. Und diese Gefühle sagen dem Gehirn, was es zu denken hat.

Ein Beispiel?

Wenn ich eine hübsche Frau sehe, dann regt sich bei mir natürlich der Fortpflanzungstrieb … Es melden sich dann aber auch andere Bereiche, andere Gefühle wie die Angst, von meiner Freundin erwischt zu werden.

Woran glauben Sie?

Ja, woran glaube ich eigentlich? Gute Frage.

An sich selbst?

Man kann sich ja selbst nicht trauen. Aber in beruflichen Dingen, doch, da glaube ich an mich. Wenn ich in zwei Tagen ein Bild abgeben muss und noch keine richtige Idee habe, gerate ich nicht in Verzweiflung, weil ich auf meine Fähigkeiten vertraue, dass mir schon irgendetwas einfallen wird. Glauben versuche ich zu vermeiden. Ich wollte immer wissen und nicht glauben.

Sind Sie ein disziplinierter Schreiber?

Das ist ein bisschen schwierig. Entweder ruft der Eulenspiegel an und will ein Bild, oder es rufen andere an und wollen so was wie das Plakat für das Konzert. Irgendwas ist immer. Dann gibt es auch die Momente, in denen man sich selbst ablenkt. Wenn ich unterbrochen werde, muss ich mich regelrecht überwinden, um wieder reinzufinden. Hin und wieder gibt es natürlich auch eine Schreibblockade.

Was machen Sie dann?

Ich versuche, mich mit der ganzen Geschichte noch einmal auseinanderzusetzen und zu recherchieren. Oder ich sehe mir Filme an, die ich vielleicht schon zehnmal gesehen habe und gut finde, um zu gucken, wie der Aufbau ist. Oder ich lese Bücher, um mich inspirieren zu lassen.

Damals, bei der Kaufhauserpressung, waren Sie verzweifelt und sahen keinen Sinn in Ihrem Leben. Haben Sie mittlerweile einen Sinn gefunden?

Der eigentliche Sinn des Lebens ist für mich die Weitergabe von Informationen. Das mache ich auch, ob es ein Bild ist oder das Schreiben. Meine genetische Information habe ich einmal weitergegeben, ich habe einen 18-jährigen Sohn, und die intellektuelle Informationsweitergabe mache ich weiterhin.

Sind Sie jetzt zufrieden mit Ihrem Leben?

Im Großen und Ganzen, ja. Wenn da nicht der Ärger wäre, dass ich mit dem Buch nur so langsam vorankomme. Das wurmt mich. Und dass ich so viel vergesse! Ich bemühe mich, halbwegs gesund zu leben, gehe regelmäßig joggen am Schlachtensee oder an der Krummen Lanke und versuche so, mein Gehirn besser mit Sauerstoff zu versorgen. Aber dass ich so viel vergesse, das kotzt mich so an, das gibts gar nicht.

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