Co-Leiter über Ophüls-Filmfestival: "Festivals sind Stadtmarketing"

Alle prügeln sich derzeit um den deutschen Filmnachwuchs. Warum ist das so? Ein Gespräch mit Philipp Bräuer, dem Co-Leiter des Max-Ophüls-Filmfestivals

Familienfoto zum Festivalauftakt: Bräuer u.a. mit Ministerpräsident Müller, Bürgermeisterin Britz und Festivalleiterin Bandel. Bild: dpa

taz: Herr Bräuer, das Filmfestival Max Ophüls Preis hat in den 30 Jahren seines Bestehens viel Konkurrenz bekommen. Zahlreiche andere Festivals zeigen Nachwuchsfilme. Braucht man Ihr spezielles Nachwuchsfestival in Deutschland noch?

Philipp Bräuer: Es stimmt, dass die Zahl der kleineren Festivals mit Nachwuchsschwerpunkt inflationär angewachsen ist. Ich denke an Hof, München, Oldenburg, Biberach, Ludwigshafen und andere. Auch die Einrichtung der Perspektive-Sektion bei der Berlinale ist unglücklich. Anfangs wollte man dort als Geste den Gewinner des Max Ophüls Preises nachspielen, tatsächlich konkurrieren wir um bestimmte Filme, zum Beispiel beim diesjährigen Eröffnungsfilm der Perspektive, Thomas Siebens "Distanz". Aber wir sehen das als gesunde Konkurrenz. Wir haben immer noch ein beachtliches Alleinstellungsmerkmal, weil Saarbrücken als überschaubarer, sehr persönlicher Branchentreff Tradition hat.

Wie erklären Sie sich das inflationäre Interesse an Debütfilmen?

Man hat Festivals als Teil des Stadtmarketings entdeckt. Dann ist der Fokus Nachwuchs oft ein künstlicher. Natürlich erschwert die Vielzahl die Aufmerksamkeit der Presse, und das kann Folgen für das Engagement der Sponsoren haben. Diesem Druck müssen wir standhalten. In Saarbrücken zählen die Institution, die Kontinuität und die Rituale. Hier treffen sich Produzenten und Filmemacher und kommen ins Gespräch. Die Filme laufen nicht nur vor Fachbesuchern, das ist eine Plattform von hohem Wert.

Es gibt inzwischen Internetforen, auf denen Filme zugänglich gemacht werden. Erledigt sich nicht in Zukunft die Idee eines Karriere-Nadelöhrs für Ihr Festival?

Die digitale Revolution macht sich zum Beispiel in der Quantität der produzierten Filme bemerkbar. Und Dokumentarfilme dringen heute wegen des kleinen Equipments weitaus mobiler in gesellschaftliche Nischenbereiche vor. Immer mehr Leute stellen heute mit extrem geringen Mitteln ihre Filme fertig. Internetplattformen sind da ein ausbaufähiger Weg in die Öffentlichkeit. Aber das Netzwerk, das ein Festival bietet, verliert durch die neuen Medien nicht an Bedeutung. Es geht unserem Festival eben auch um die Folgeproduktionen, die oft hier in Gesprächen in Gang gesetzt werden.

Tragen Ihnen Produzenten und Fernsehredakteure die Filme an?

Wir recherchieren das ganze Jahr über, welche Filme in Arbeit sind, und suchen den Kontakt. Das Festival ist etabliert, wir können auf viele Rückmeldungen und Produzentenanfragen zählen.

Wäre es nicht besser, Talente nach dem ersten Film zu pflegen, anstatt ständig neue zu entdecken und zu verschleißen?

Das Thema "Film und Karriere" war ein Schwerpunkt der Festivalleiterin Birgit Johnson, die im vergangenen Jahr verstorben ist. Ihre Pläne, ein Weiterbildungsinstitut auf Stipendienbasis zu gründen, liegen im Moment wegen der hohen Kosten auf Eis. Aber in Richtung der kontinuierlichen Pflege von Nachwuchstalenten sollte man weiterdenken.

Muss das Festival in jedem Jahr weiter wachsen?

Wir verfügen im 30. Jahr aus Anlass des Jubiläums natürlich über ein paar Extramittel. Das erhöht zum Beispiel die Erwartungen der Presse, dass wir ein großes Programm stemmen, viele Gäste einladen, die Akkreditierungen erhöhen und weitere Programmsparten einrichten. Mit 34.000 Zuschauern in einer Woche sind wir im vergangenen Jahr aber schon an unsere Grenzen gekommen. Wir zeigen 150 Filme in einer Woche und haben in diesem Jahr sogar wieder zusätzlich das älteste Kino Saarbrückens als Spielort dabei. Aber sicher ist, dass wir im nächsten Jahr wieder einen Schritt zurückgehen.

Was wissen Sie über Ihr Publikum?

Wir haben im vergangenen Jahr eine Befragung gemacht und herausgefunden, dass ein Drittel Zuschauer bis 30 Jahre alt ist, wobei Saarbrücken als Universitätsstadt sicher eine Rolle spielt. Ein weiteres Drittel ist bis 50 Jahre alt, das letzte Drittel älter. Wir haben vergleichsweise viele Programmkinos in der Stadt und eine große cinephile Tradition. Ich denke, dieses Interesse am Kino, auch am Nachwuchskino, verdanken wir auch dem älteren Publikum, das seit Jahren die Kontinuität des Festivals ausmacht.

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