Kommentar Israel-Boykottaufruf: Die alten Affekte

Um zu begreifen, dass beim Aufruf zum Boykott israelischer Waren nicht nur jüdischen Deutschen die Ohren klingen und dies moralisch skandalös ist, reicht Schulwissen.

Darf man in Deutschland Israel kritisieren? Und wenn ja, wie? Diese Debatte kehrt geradezu zwanghaft alle paar Monate wieder. Stets ist die Aufregung gewaltig, Bekenntnisse werden abgegeben, eigene Identitäten zementiert, aus politischen Gegnern werden ideologische Feinde. Keine Finanzkrise vermag solche Affekte zu mobilisieren. Die aktuelle Debatte hat ein Kommunalpolitiker der Linkspartei ausgelöst, indem er zum Boykott israelischer Waren aufrief.

Dieser Boykottaufruf zeigt - mal wieder - eine hartnäckige Lernblockade. Ein Boykott israelischer Waren erinnert hierzulande an den jüdischer Geschäfte vom 1. April 1933. Um zu begreifen, dass nicht nur jüdischen Deutschen dabei die Ohren klingen und dies moralisch skandalös ist, reicht Schulwissen. Doch offenbar gibt es einen mächtigen Drang, Kritik an Israel mit der NS-Zeit zu assoziieren. Dabei mag Geschichtsignoranz im Spiel sein, Begriffsstutzigkeit, unbewusste Schuldabwehr oder Antizionismus. Oder alles zusammen.

Auch in Deutschland ist selbstverständlich scharfe Kritik an Israel möglich. Wenn Linkspartei-Politiker oder Attac-Aktivisten fordern würden, die EU müsse ihre Wirtschaftsbeziehungen zu Israel an die Bedingung "Stopp des Siedlungsbaus" knüpfen, hätte niemand das Recht, Skandal zu rufen. Im Gegenteil: In Deutschland ist Kritik an Israel, verglichen mit Frankreich oder England, ziemlich unterentwickelt. Die kritiklose Solidarität mit Israel, die eine Spielart des bundesdeutschen Philosemitismus ist und die trüb-affekthafte Ablehnung Israels scheinen zwei Seiten der gleichen Medaille zu sein. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist ein distanziertes, rationales Verhältnis zum Nahostkonflikt.

Die Linkspartei hat sich einigermaßen angemessen verhalten und den Boykottaufruf zurückgewiesen. Der Kommunalpolitiker ist, wenn auch uneinsichtig, als Spitzenkandidat zurückgetreten. Israelkritik, die mit NS-Assoziationen spielt, ist in der Linkspartei, so die Botschaft, inakzeptabel. Dröhnend selbstgerecht wirkt indes, dass die NRW-CDU die Linkspartei des "puren Antisemitismus" und der "Nazi-Propaganda" bezichtigt. Geht es nicht ein bisschen leiser?

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Stefan Reinecke ist Autor im Parlamentsbüro der taz. Er beschäftigt sich mit Parteipolitik, vor allem mit der Linkspartei und der SPD, und Geschichtspolitik. Zuvor war er Redakteur bei der Wochenzeitung „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

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