"Secret Sunshine" von Lee Chang-dong: Freier Fall

Ein Psychothriller in irritierender Zeitlupe. "Secret Sunshine" erzählt die dramatische Geschichte einer Witwe und ihres Sohnes. Seine Entführung zerstört ihr bisheriges Leben radikal.

In Cannes gewann die Hauptdarstellerin Jeon Do-yeon den Preis als beste Darstellerin. Hier mit Regisseur Lee Chang-dong (li.) und Song Kang-ho. Bild: dpa

Eine Landstraße. Felder, Gewächshäuser, ein Fluss, darüber ein Himmel, ein bisschen blauer und höher vielleicht als der Himmel über Seoul. Aber das könnte auch daran liegen, dass die Farben in koreanischen Filmen leicht etwas Trügerisches haben.

Oben das unglaubliche Blau von Fujicolor, unten neben dem Seitenstreifen ein Grün, seltsamer als das in unseren Osternestern. Dazwischen eine Frau in überwiegend weißer, pastell- und mischfarbener Kleidung, ganz so, als müsste sie sich zwischen oben und unten noch entscheiden. Als stünde ihr ein transzendentes Ereignis bevor, von dem sie noch keine Ahnung hat.

Die Frau, Lee Shin-ae (Jeon Do-yeon), ist Witwe, Mutter eines kleinen Jungen mit Namen Jun und gerade auf dem Weg nach Miryang, der Kleinstadt, in der ihr Mann aufwuchs. Ihm zum Andenken will sie von Seoul dorthin ziehen. Ein besonders devoter Akt konfuzianischer Ahnenverehrung. Der Verstorbene wollte, so erfahren wir, schließlich immer nach Miryang (was übersetzt den Filmtitel "Secret Sunshine" ergibt) zurückkehren.

Doch der spirituelle Gedanke, der Ehemann könne womöglich schon da sein - eine im gespensterfreundlichen Kino Asiens durchaus gängige Option - vertreibt sich rasch von selbst.

Denn eine Autopanne verzögert die private Pilgerreise. Der gutmeinende, aber auch etwas bräsige Kfz-Meister Kim Jong-chang (Song Kang-ho) findet schneller, als er die erste Schraube anziehen kann, Gefallen an der Witwe. Und als Jun in seinem quietschgrünen T-Shirt mit der Aufschrift "Holy Kids. Holy Life" und seine Mutter im Abschleppwagen Platz nehmen, scheinen bereits andere Schicksalsmächte über die Wege dieser Geschöpfe zu entscheiden. Kräfte, die die Artigkeiten und Verpflichtungen der koreanischen Traditionen umlenken auf ein unbekanntes, nicht weniger mystisches Terrain. Auch wenn es hier keine Gespenster mehr zu geben scheint.

"Secret Sunshine" ist der vierte Spielfilm von Lee Chang-dong, der bereits mit "Green Fish", "Peppermint Candy" und "Oasis" international bekannt wurde. Der südkoreanische Regisseur zählt längst zu den wichtigsten Filmemachern seines Landes. Nachdem er in den Achtzigerjahren zunächst als Schriftsteller in Erscheinung getreten war, wechselte er 1996 in das Fach der Filmkunst. Acht Jahre später machte er als Kulturminister sogar noch einen Abstecher in die Politik. Chang-dongs jüngster Film ist eine faszinierende, aber auch verstörende Geschichte über gesellschaftlich wie religiös verordnete Demut und zwanghafte Harmonie. Sie erzählt von einem Assimilationsprozess, der so schmerzlich und selbstzerstörerisch verläuft, dass dabei alles herauskommt - nur nicht soziale Idylle und innerer Frieden.

Der Ort Miryang hält, wie sein Name verspricht, seinen Sonnenschein und seine übrigen Lieblichkeiten vor Shin-ae versteckt. Hier spricht man "schneller als anderswo", führt Jong Chang seine Abschleppkundin in die Gepflogenheiten der Region ein. "Wirtschaftlich geht's einem schlecht. Politisch ist man nach rechts gerückt, und die Bevölkerung nimmt ab", endet sein kleiner Vortrag. Und Jong-changs grundlose Fröhlichkeit lässt nur den Schluss zu, dass er spätestens seit seiner Begegnung mit Shin-ae gedenkt, keine von diesen drei Bilanzen in seinem Leben wahr werden zu lassen.

Der wackeren Witwe, die sich hier als Klavierlehrerin und -verkäuferin niederlassen will, präsentiert sich "Secret Sunshine" zunächst vor allem in Form von zwei Straßenseiten. Auf der einen die Alteingesessenen, die mit grimassenhaftem Lächeln in ihren etwas düsteren Läden hocken. Auf der anderen die Zugezogene, die liebevoll ihr kleines Klavierlädchen dekoriert und schüchtern auf erste Kundschaft wartet. Dazwischen die Straße mit ihrem Durchgangsverkehr, den Lastern, die ihre Ladung nach Seoul bringen, den Taxen, Kleinbussen und natürlich den Abschleppern. In welches Geschäft Shin-ae auch geht, in welches Vehikel sie auch einsteigt, alle haben ein erst höfliches, dann hyänenhaftes Interesse an ihr, ihren Verhältnissen, ihrem kleinen Vermögen, ihrem Sohn. Er wird entführt. Shin-ae hat zu leichtsinnig erwähnt, dass sie über ein kleines Erbe verfügt. Freundlichkeit und Nächstenliebe sind im scheinbar frisch christianisierten Miryang höchst relative Begriffe.

Mit einer beeindruckenden und ungewöhnlichen Beiläufigkeit entwickelt sich der Film ab dieser Stelle zum Drama, zum Psychothriller, wenn man so will. Und das in einer irritierenden Zeitlupe, die mit ihrem meditativen Vakuum alles aufzusaugen scheint, was den Menschen hier so wichtig ist. Den Schutz der Familie, das Heiligtum schlechthin im asiatischen Kino. Die Harmonie zwischen den Menschen, als großen sozialen Masterplan. Die Sicherheit, dass morgen auch noch ein Tag ist. In "Secret Sunshine" wird nichts wieder ganz oder gut. Nach der Quälerei des Wartens und der Ungewissheit muss Shin-ae den leblosen Körper ihres Sohnes identifizieren. Ihre Passionsgeschichte ist damit noch lange nicht zu Ende.

Von Verlust- und Schuldgefühlen getrieben, tut sie Buße auf höchst bizarre Weise. Sie lässt sich von der Nachbarschaft zum Christentum bekehren, tritt einem Gebetskreis bei und steigert sich in eine Sanftmut und Großherzigkeit, die so unmenschlich und masochistisch sind, dass einem vor der Entladung von allem dabei Verdrängten nur Angst und Bange werden kann.

In einem Akt märtyrerhafter Selbstverleugnung zieht Shin-ae los, um dem Mörder ihres Kindes zu verzeihen. Doch bevor sie sich für eine Seligsprechung qualifizieren kann, gibt sich der Täter als bereits von höchster Stelle von seinen Sünden Losgesprochener zu erkennen. Wem Gott bereits verziehen hat, der braucht keine Shin-ae mehr, um in diesem Leben wieder glücklich zu werden. Eine perfidere Demütigung kann es nicht geben. Shin-aes Christlichkeit gibt nach. Ihr Leben bricht ein.

Das Grausamste an "Secret Sunshine" ist vielleicht die unerbittliche Logik, mit der der Film den Verlauf dieses von allem verlassenen Lebens abspult. Von den furchtbaren Verlusten, über verzweifelte Bewältigungsstrategien bis zum freien Fall. Es wird ohne Stottern, ohne künstliche Beschleunigungen oder Verzögerungen durcherzählt.

Eine Methode, die sich fast überall im koreanischen Kino findet, das sich als Geheimtipp auf den wichtigsten internationalen Filmfesten längst etabliert hat. Westliche Medien machen sich ihrerseits zunehmend auf dem Weg zum Festival von Pusan, und mit ihnen stößt auch die europäische Filmkritik auf cineastische Funde, die nachhaltiger zu beeindrucken verstehen als nur mit einem exotischen, fernen Funkeln.

Ob bei Kim Ki-duk, der seit "The Isle" als das Wunderkind des koreanischen Kinos gehandelt wird, Park Chan-wook ("Joint Security Area", "Old Boy", "Lady Vengeance", "I'm a Cyborg, But Thats OK") oder Bong Joon-ho ("The Host"): In diesem fernen Kosmos wimmelt es nur so von monadischen Zwischenräumen, in denen jeder vor sich hin leidet, liebt und zerstört. In diesem Kino ist der Schwache am mächtigsten allein. Und um sicher zu gehen, dass alles so bleibt, wie es sein soll und nichts verloren geht, bohrt ein Mann in "The Isle" kurzerhand einen Angelhaken durch die Scheide seiner Frau. In Kim Ki-duks "Samarian" verkaufen Schulmädchen ihren Körper, erst zur Befreiung, dann zur Buße. Und Park Chan-wooks "Old Boy" taucht ganz ab in die wahnhafte Welt eines Eingesperrten.

Das koreanische Kino mit seinem ins Magische gezerrten Realismus, seiner Radikalmetaphorik und seiner wunderbar ökonomischen Erzählweise ist im Moment vielleicht das Spannendste der Welt. Hier gibt es keine großartige Psychologie, keine soziokulturelle Analyse und für seine Helden keine andere existenzielle Freiheit als die, die eigene Ohnmacht zu erkennen oder eben nicht.

Am Ende von Shin-aes Alptraum in "Secret Sunshine", der nichts anderes als das Leben selbst ist, bleibt auch ihr nur der Rückgriff aufs Archaische. Auf eine emotionale Ehrlichkeit, die mit den Regeln des Zivilisatorischen nichts mehr gemein zu haben ist. Shin-ae schreit, fletscht die Zähne, wütet, ballt die Fäuste. Und irgendwie schafft Lee Chang-dong es, genau in diesem Ausbruch etwas ungeheuer Liebevolles und Anrührendes durchblitzen zulassen. Im Heulen, Toben und in der durch keinen Anstand gebremsten Wut findet die Heldin endlich sich selbst. Mehr kann man nicht erwarten. Deswegen ist dies in den Kategorien des koreanischen Kinos so etwas wie ein Happy End.

„Secret Sunshine“. Regie: Lee Chang-dong. Mit Jeon Do-yeon, Song Kang-ho u. a. Südkorea 2007, 142 Min.

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