Die Woche: Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?

Die 60-Jahre-Grundgesetz-Feiern markieren 59 Jahre Demolieren der Verfassung, kritisiert Friedrich Küppersbusch. Die Wohnung sei etwa durch Computerausspähung verletzlich.

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht in der letzten Woche?

Friedrich Küppersbusch: FDP-Europawahl-Slogan "Für Deutschland in Europa" untertrifft ursprünglich geplantes "Für Licht im Kühlschrank - FDP" oder "Mit Silvana ins Nirvana - Wählt uns erst mal und dann sehen wir weiter."

Was wird besser in dieser?

In der Nachfolge zu Möllemanns "Projekt 18" leiht sich die FDP den "Praktiker"-Claim "20 % für alles, was einen Stecker hat". Gilt aber genderpolitisch als bedenklich.

Deutschland ist so hoch verschuldet wie nie, und die Union will trotzdem mit dem Versprechen einer Steuerentlastung in den Wahlkampf ziehen. Ist das klug?

Ja, Merkel und Seehofer haben das Thema vor der FDP besetzt. Der blieb jetzt nur noch die kindische Eskalation, "noch weniger Steuern noch schneller" zu fordern. So verdunstet zum Nebenaspekt, dass beide Positionen gaga sind.

Die europäischen Händler, der deutsche Wirtschaftsminister - alle wollen Opel retten. Hat das von Guttenberg vorgeschlagene Treuhandmodell Sinn?

Die Nachricht "In Deutschland bekommst du eher ne Staatsbürgschaft als ne Staatsbürgerschaft" sollte hergelaufenem Ausländern, die nicht wenigstens ne Milliardenpleite mitbringen, schon zu denken geben. Die Vorsicht des Wirtschaftsministers nachvollziehe ich. Es riecht nach Babuschka-Subvention: Erst bekommt Opel Geld, dann will der Käufer von Opel Geld, und dann raucht auch der ab, und man subventioniert es zum dritten Mal. So unbedarft hat die Regierung bei HRE reingefüttert, nun geht sie es langsamer an. Eine Staatsbeteiligung gegen staatliches Geld wäre das fairere Geschäft.

Mauerfall, Grundgesetz, 20 Jahre hier, 60 Jahre dort. Die Gedenktage und vor allem die Gedenkfeiern häufen sich in diesem Jahr. Irgendwie wird man dabei das Gefühl nicht los, dass keiner so recht weiß, was er da eigentlich feiert. Oder?

60 Jahre Grundgesetz sind gefühlte 59 Jahre Demolieren der Verfassung: Eine Bundeswehr kam nachträglich rein, ein vermeintlicher Notstand hebelt Grundrechte aus, die Wohnung ist durch Wanzen und Computerausspähung verletzlich, ein politisches Asylrecht gibt es praktisch nicht mehr und so fort. Union und SPD hetzten zwei Jahrzehnte gegen "Verfassungsfeinde", um im Anschluss das Zernieren ganzer Artikel als modernes politisches Mannbarkeitsritual zu verkaufen. Björn Engholm änderte das GG so, dass Willy Brandt heute keine Chance mehr auf Einreise hätte. Schäuble will die Bundeswehr, die das Ur-GG nicht vorsah, gegen die eigenen Leute schicken. Wenn es je Verfassungspatrioten gab, können sie nur den Tag der Heimatvertriebenen mitfeiern. Aber 20 Jahre Ende des Schießbefehls und der Mauer ist eine Party wert, doch.

Am Samstag wählt die Bundesversammlung einen neuen Bundespräsidenten. Horst Köhler hat die Chance auf eine weitere Amtszeit. Ihre Bilanz seiner Arbeit bislang?

Nie Nivea-Kampagne "Danke, Föhn!" - ich dachte, das wäre schon zu Köhlers Ehren. Der Banker Köhler hat uns mit keiner Silbe vor dem Bankendesaster gewarnt, nur um im Moment des Geschehens aber mal ein ganz kritischer Mahner zu sein. Der Heißluftrhetoriker schickt Truppen in den Kongo, fordert "Vorfahrt für Arbeit", denn die "Agenda war bei Weitem nicht genug", um beim nächsten Wetterwechsel der beste Freund des Arbeitnehmers und ein Friedensfürst zu sein. Das Verbraucherinformations- und das Flugsicherungsgesetz kassierte er, um jeweils seinem Förderer Westerwelle Gelegenheit zu geben, von der Rückbank die Bundesregierung als Stümper zu beschimpfen. Kurz: Köhlers Verdienst wird bleiben, dass man sich statt seiner lieber einen Profi in dem Job gewünscht hätte. Oder einsieht: Wenn so ein Spaßvogel in dem Amt keinen Schaden anrichtet, ist das Amt echt über.

Die European Space Agency, ESA, stellt am Mittwoch ihre neuen Astronauten vor. Das gesellschaftliche Interesse daran scheint jedoch gleich null zu sein. Ist die Raumfahrt uninteressant geworden?

Es muss den Amis nicht peinlich sein, dass sie derzeit mit Obama und Gore mehr Begeisterung wecken weltweit als mit Apollo und Star Wars. Der Weltraumforschung fehlt nach der Systemkonkurrenz oder der militärischen Ausrichtung nun eine zeitgemäße Zielsetzung: Pfandflaschen zurück in die Milchstraße bringen? Altpapier auf den Mond? Der Ansatz, die Probleme der Erde auf der Erde zu lösen, klingt ja so unlogisch nicht.

Macht Louis van Gaal, der neue Trainer bei Bayern München, nun alles wieder gut, was Klinsmann angeblich verbockt hat?

Je allmächtiger Hoeness und andere reinquatschen, desto schwieriger wird es für den FC Bayern, einen souveränen starken Trainer zu gewinnen. Was soll das für eine Referenz sein, Hitzfeld, Klinsmann, Magath gefeuert zu haben? Das Management des FC B hat seine große Zeit hinter sich.

Und was machen eigentlich die Borussen?

Hüpfen doch noch in die neue "Europe League" und, nächstes Jahr, sowieso, jedes Mal, aber diesmal wirklich, sollt ihr alle mal sehen. FRAGEN: DAZ

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