Gangster-Film "Killshot": Spuren eines verpfuschten Lebens

Ein bisschen "Pulp Fiction": John Maddens Film "Killshot" zeigt Mickey Rourke als Killer mit unvermuteter Tiefe.

Das Gesicht von Mickey Rourke (re.) ist eine der Hauptattraktionen des Films. Bild: dpa

Wenn Menschen beruflich töten, haben sie dafür häufig eine eigene Ethik. Penibel gehorchen sie Vorschriften, die sie sich selbst stellen; sie folgen einer Philosophie, die sie aus der Masse heraushebt, und auf diese Weise vermögen sie zwar nicht ihr Tun zu rechtfertigen, sie werden aber doch für das Kino zu attraktiven Figuren, zu Künstlern des gesetzlosen Tuns.

Der Killer Armand Degas, genannt Blackbird, ist einer jener eiskalten Engel. Mickey Rourke spielt ihn in John Maddens "Killshot" als souverän distanzierten Profi, der es aus geschäftlichen Gründen aber natürlich immer wieder mit Leuten zu tun bekommt, die weniger stilsicher sind. Da ist der alte kanadische Mafioso schon eher die Ausnahme, den er zu Beginn des Films zu beseitigen hat. Der Mann fügt sich mit Noblesse in sein Schicksal, nur die als Lockvogel engagierte Schönheit befindet sich in einem grundlegenden Irrtum. Sie glaubt, sie könnte wieder nach Hause gehen, nachdem Blackbird seinen Auftrag erledigt hat. Aber es gehört zu dessen zentralen Regeln, dass niemals jemand überleben darf, der sein Gesicht gesehen hat.

Das Gesicht von Mickey Rourke, der in "Killshot" sein Comeback mit "The Wrestler" eindrücklich bestätigt, ist eine der Hauptattraktionen des Films. Es trägt in diesen Fall die Spuren nicht nur eines verpfuschten Lebens, sondern bekommt fast historischen Charakter: Denn Blackbird ist zur Hälfte Indianer, ein versprengter Abkömmling der amerikanischen Ureinwohner, ein Rachegott mit Stammeszugehörigkeit. Aber so wenig die Indianer noch Subjekte einer großen Erzählung sind, so wenig ist Armand "Blackbird" Degas in "Killshot" das Subjekt eines konzisen Plots. Im Gegenteil, er gerät durch Zufall und Nachlässigkeit in eine Geschichte, die an bizarren Sprüngen nicht arm ist.

In der Figur des jungen Draufgängers Richie (Joseph Gordon-Levitt) bekommt Blackbird einen Partner, der ganz ohne Ethik agiert und vor allem seinen Macho-Vorstellungen hinterher jagt. Gemeinsam wollen sie einen Immobilienmakler um eine größere Summe erleichtern, als sie jedoch in dessen Büro kommen, befindet sich dort ein anderer Mann, und mit der Verwechslung beginnt Blackbird das Heft des Handelns zu entgleiten. Denn der Stahlarbeiter Wayne (Thomas Jane) und seine Frau Carmen (Diane Lane), die zufällig Zeugen dieses misslungenen Coups werden, müssen nun auch getötet werden - sie haben Blackbirds Gesicht gesehen und damit ihr Leben verwirkt.

"Killshot" beruht auf einem Roman des großen Elmore Leonard, dessen Filmvorlage bis in die Fünfzigerjahre zurückreichen ("3:10 to Yuma"!). Der Verfilmung durch John Madden ist noch deutlich anzusehen, was dieses Projekt einmal für die Weinstein Company - die dem Film dann allerdings in den USA keine richtige Chance gaben und ihn mehr oder weniger "straight to DVD" gehen ließen - interessant gemacht haben muss: die Volten der Handlung, die Härte der Dialoge, die mühsam unterdrückte Emotionalität, all das weist direkt zurück in das alte Genrekino der tough guys und Gangster und mehr noch in dessen Nachleben bei Quentin Tarantino, bei dem sich die Posen und das Gerede verselbständigen und ironische Funken zu schlagen begannen. Killshot" ist tatsächlich im besten Sinne pulp fiction, die allerdings durch die Figur von Blackbird und durch die Ehegeschichte von Wayne und Carmen eine unvermutete Tiefe gewinnt.

Die beiden Geschichten steuern, nach der frühen dramatischen Konfrontation, erst allmählich wieder aufeinander zu. Carmen, die ihren Mann hinausgeworfen hat, sitzt allein daheim in ihrem abgelegenen Haus, während das FBI davon ausgeht, dass Blackbird mit Richie noch einmal an die Szene des ersten Verbrechens zurückkehren wird. In der Zeit, die bis dahin verstreicht, ist "Killshot" auch eine Art Roadmovie durch den Mittleren Westen Nordamerikas, die Gegend zwischen Ontario und Missouri. Blackbird begibt sich sogar einmal in das Reservat, in dem sein Volk lebt, bekräftigt dort allerdings nur seinen Status als Einzelgänger, der auch seinen Partner Richie nur auf befristete Zeit erträgt.

Im Showdown verdichten sich dann die Einsamkeit und die Ehegeschichte zu einem Moment der Offenheit, in dem alle Beteiligten in ein anderes, mögliches Leben blicken können. Aber auch dieser Moment steht noch unter dem Vorbehalt einer Ethik, die mit ihrer Unbedingtheit den Helden längst zu einem Schicksal verurteilt hat, das sich in "Killshot" auf berührende und komische Weise erfüllt.

Interessant: die Volten der Handlung, die Härte der Dialoge, die mühsam unterdrückte Emotionalität

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