Neuer Tivoli in Aachen: Erstes Schnuppern

Die Alemannia hat eine neue Arena. Die Freunde des Tivoli staunen über die steile Unendlichkeit der Tribünen, das grelle Gelb und hinterlassen erste Bierlachen auf dem frischem Beton.

In den letzten Zügen: Am 17. August soll das Stadion den Fans die Tore öffnen. Bild: dpa

AACHEN taz | Auf Schalke, heißt es immer, kommen 50.000, wenn ein neuer Flutlichtmast eingeweiht wird. In den neuen Aachener Tivoli kamen am Mittwochabend tatsächlich 2.500, als überhaupt nichts passierte. Dauerkarteninhaber waren offiziell zum gemeinschaftlichen "Probesitzen" bei Dauerdudelmusik eingeladen. Es waren nur 2.500, weil mehr aus Sicherheitsgründen nicht zugelassen waren.

Andächtig lustwandelten die Menschen durchs neue Gemäuer und staunten über die steile Unendlichkeit der Tribünen und das grelle Gelb überall. Ist der Rasen auch schön grün? Ja. Die Tore gewohnt eckig? Ja, aber die wirken hier so mickrig. Manche haben sich richtig schick gemacht, Hemd gebügelt, Kostüm von Muttis Sechzigstem. Schal, Kappe, Kutte wollen schon mal ihren neuen Arbeitsplatz sehen. Man darf annehmen, dass nicht wenige der Aachen-Fans noch nie ein Fußballspiel im Sitzen gesehen haben - der 80 Jahre alte Tivoli hatte fast nur Stehwälle.

Wo ist meine Sitzschale? Ist sie schwarz oder gelb? Eine recht beleibte Alemannin sagt: "Puuh, mir graut vor den vielen Stufen!" Wo ist überhaupt Reihe 39? Einer zeigt gen Himmel. Schmecken die neuen Würste, das Bier aus verrottbaren Bechern? Bald kommt es zu ersten Spontan-Picknicks auf den Tribünen, manche singen und laolaieren ein bisschen Probe, sorgen für erste Senfflecken und Bierlachen, kritzeln als Reviermarkierungen Premierengraffiti in den jungfräulichen Beton. Die Lokalzeitung schreibt vom "ersten emotionalen Andocken" an die neue Heimat.

In der Glotze daheim läuft gleichzeitig so ein Länderspiel mit Deutschland. "Da ist doch von uns diesmal keiner dabei", sagt einer. Diesmal. Im Fanblock sind alte Wellenbrecher als Biertischhalter montiert. Die alte Stadionuhr wird am Wochenende noch angebracht. Eine Prozession erlebt derzeit der Ball vom letzten Spiel im alten Stadion: Er wandert durch hunderte Fanpatenhände und trifft Montagabend (32.900, ausverkauft) zum ersten Anstoß gegen St. Pauli ein.

Die leicht kurvige Seitenlinie wird lächelnd zur Kenntnis genommen und fast dankbar ganz oben in der Nordostecke der undichte Dachträger samt riesiger Wasserlache. Bloß keine Perfektion! Jede Reminiszenz ans alte Tivoli-Gemäuer hilft. Tradition ist in der Moderne besonders wichtig. Kommt eigentlich der gefühlt 100-jährige Latrinenwart auch im neuen Stadion zum Einsatz? Einmal pinkeln für 30 Cent in die Pappschachtel. Oder wird man auch den Wasserabschlag bargeldlos per "Tivoli-Karte" zahlen müssen?

Doch, die einrangige Arena im Kanariengelb ist wirklich eine Wucht. Als am Mittwoch die ersten Regentropfen fielen, benetzten sie die gelben Schalen der Osttribüne bis Reihe 12. Wenn noch Wind dazukommt, hat die halbe Tribüne das alte nasse Aachener Fußball-Feeling, wunderbar. BERND MÜLLENDER

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