Einbruch bei Konsolen-Verkauf in USA: Computerspiel-Branche fehlt Superhit

Während in den USA der Markt für Games fast 30 Prozent in den Keller gerauscht ist, ging es hier zu Lande sogar leicht nach oben.

Hype vor dem Ende? Wii-Nutzer. Bild: dpa

BERLIN taz | Die Statistik lügt nicht: Laut Zahlen des IT-Branchenverbandes Bitkom sollen die Umsätze mit Konsolen und Spielen trotz der Wirtschaftskrise auch in diesem Jahr 2,7 Milliarden Euro erreichen. Das wäre für die Industrie sogar ein kleines Plus - nach jeweils heftigen Wachstumsraten von 29 (2007) und 17 (2008) Prozent. Dabei ist Deutschland in Europa gar nicht einmal führend - so werden in England in diesem Jahr knapp 3,6 Milliarden Euro für Spiele ausgegeben, Frankreich liegt mit 2,8 Milliarden etwas über Deutschland.

Das Erstaunliche an den Rekordumsätzen: Sie widersprechen anderen internationalen Märkten - vor allem einem besonders wichtigen. Und so scheint man sich in den USA in Zeiten des Finanzchaos lieber vor den Fernseher zu setzen, als neue Spiele zu erwerben. Laut Zahlen des Marktforschungsunternehmens NPD rauschte der Videospielemarkt im Juli um satte 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahr in den Keller. So wurden beispielsweise von der auch von Spielelaien geliebten Nintendo Wii-Konsole mal eben 55 Prozent weniger verkauft. Sonys Playstation 3, aufgrund des hohen Preises noch immer vergleichsweise unbeliebt, bekam ein Minus von 46 Prozent auf das schwarze Gehäuse. Microsoft, dessen Xbox 360 mehrfach verbilligt worden war, liegt dagegen nur bei einem moderaten Minus von einem Prozent.

Neben der Krise dürfte auch das Fehlen echter Superhits ein Problem gewesen sein. Einige wichtige neue Titel werden im Herbst erwartet, eventuell geht es dann wieder aufwärts. "Die Sims 3" war einer der wenigen Lichtblicke, auch das Sportspiel "Wii Fit" verkaufte sich prima. In anderen Bereichen gab es im ersten Halbjahr 2009 fast nur alte bekannte: So bleibt das Online-Rollenspiel "World of Warcraft" einer der wichtigsten Titel. (Das Geschäftsmodell mit einem Abo bietet dem Hersteller zudem einen kontinuierlichen Einnahmestrom.)

In Deutschland spürte man von alldem laut Bitkom-Zahlen wenig - die Leute kauften und spielten offensichtlich, um ihre Depressionen zu verdrängen. Interessant an dem Boom: Einfach ist der Games-Markt für die Hersteller hier zu Lande keinesfalls. Deutschland hat trotz anders lautender Gerüchte eines der härtesten Jugendschutzgesetze in Europa. So werden Action-Titel, die von den Prüfeinrichtungen garantiert nur ab 18 freigegeben würden, nicht selten bei uns gar nicht erst auf den Markt gebracht, während man sie etwa in Österreich oder Polen in jedem Elektronikgeschäft vorfinden kann.

Derweil wächst der Druck auf die Branche eher noch: Angesichts des Amoklaufs von Winnenden erwägt die Politik einmal mehr härtere Gesetze bis hin zum Herstellungsverbot für Erwachsenenspiele - inklusive entsprechender Strafbewehrung. Für die Branche wäre das eine Katastrophe, haben Games-Schmieden wie Crytek aus Frankfurt doch bislang einen ausgezeichneten Ruf weltweit und konnten sich von hier aus etablieren. Tausende Arbeitsplätze hängen längst an Spielen. Die Szene wehrt sich jedoch: So unterschrieben schon über 70.000 eine Petition gegen das weitergehende Verbot von Action-Games. Zuvor hatten die Austrager professioneller Spielewettkämpfe in mehreren deutschen Städten und Gemeinden Absagen bei der Anmietung öffentlicher Hallen erteilt bekommen - Begründung: Winnenden.

Und trotzdem: Die Spieler kaufen offensichtlich weiter. Von dem kleinen deutschen Aufschwung will auch die Spielebranche profitieren, die sich ab Mittwoch in Köln zum aus Leipzig migrierten Industrietreff "Gamescom" versammelt. 420 Aussteller aus 30 Ländern und mehr als 200.000 Besucher werden auf dem Messegelände erwartet, darunter auch echte Freaks, die sich etwa in einem "Cosplay"-Weltrekordversuch verkleidet als ihre Lieblingsspielegestalt zeigen dürfen. Bei der Veranstaltung wird alles erwartet, was in der Games-Branche weltweit einen Namen hat - die großen Software-Publisher ebenso wie Konsolenhersteller Sony und Microsoft. Bei letzteren werden rezessionsbedingte Preissenkungen für die angebotenen Grundgeräte erwartet. Das dürfte dem hiesigen Spielemarkt noch weiteren Auftrieb geben.

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