Bildungsproteste: Hoffen auf die "Gesamtkritik"

Vor drei Wochen haben Studierende an der Uni und der Hochschule Räume besetzt. Was sie fordern, bezieht sich unmittelbar auf ihren Studienablauf.

Obwohl auf Ordnung und Sittsamkeit geachtet wird, lassen sich "Schmierereien" nicht vermeiden. Bild: Anna Gras

In Raum M026b der Hochschule geht es geordnet zu. Bettlaken mit Parolen hängen an den Wänden, Plakate regeln den Ablauf der Aktion: Alkohol erst ab 20 Uhr, Betrunkene schlafen zu Hause. Seit drei Wochen halten Studierende den Raum besetzt, den sie "Lerninsel" nennen. Dort erarbeiten sie in Arbeitsgruppen Forderungen, bereiten Referate vor, treffen sich.

Die Studierenden protestieren mit den Besetzungen gegen ihre Studienbedingungen. Zunächst, sagt Max Niklaus, einer der Besetzer an der Hochschule, ginge es um "Akutes". Forderungen, die "simpel vor Ort geregelt werden können". Längere Prüfungszeiträume etwa. Alle Prüfungen finden an der Hochschule innerhalb von 14 Tagen statt. Da komme es vor, dass man drei Klausuren direkt hintereinander schreiben müsse, erklären die Studierenden. Regelmäßig sprechen sie mit der Hochschul-Leitung. Die hat eine "Werkstatt Bologna" eingerichtet, in der Studierende und Lehrende gemeinsam über die Kritikpunkte beraten sollen. "Alles weitere, alles Politische", sagt Niklaus, "soll später kommen".

Keine Aktionen von Studierenden gibt es an der Hochschule für Künste. Anders hingegen ist das Bild an der Uni. Dort haben Studierende zwei Räume besetzt. Die würden "umgenutzt", sagen sie. Für eigene Seminare, Plena, zum Arbeiten an ihrem Forderungskatalog. Zehn Arbeitsgruppen haben sie gebildet, die alle "sehr kompetent arbeiten", wie einer der Besetzer erklärt, der nicht namentlich genannt werden möchte. Auch an der Uni kritisieren die Studierenden das, was sie unmittelbar betrifft: Sie fordern die Wiedereinführung der Mittagspause, geringeres Arbeitspensum, mehr studentische Mitbestimmung.

"Vielen ist klar, dass Kritik am Bildungssystem immer auch Kritik am Gesellschaftssystem ist", sagt Björn, der zu den protestierenden Studierenden zählt und seinen Nachnamen nicht verrät. "Aber jede Uni hat das System Bachelor-Master anders umgesetzt". Der vorläufige Forderungskatalog, den die Studierenden aufgesetzt haben, sei der "Minimalkonsens". Zu vielfältig sei die Gruppe, der sich Linke, aber auch AnhängerInnen von CDU und FDP angeschlossen hätten. "Wir wollen nicht für andere sprechen", erklärt Björn. Er gehe davon aus, dass die Proteste noch "politischer" würden und "in einer Gesamtkritik münden".

Offen ist, wie lange die Studierenden die Räume noch besetzen werden. Ende der Woche beginnen die Weihnachtsferien, die Gebäude werden über die Feiertage geschlossen. "An der Hochschule", sagt deren Sprecher Ulrich Berlin, "gibt es keinen Grund für Nervosität". Der Raum stehe den Studierenden zur Verfügung. Auch nach Weihnachten. Die BesetzerInnen finden es "hinnehmbar" für einige Tage auszuziehen. "Wenn wir wieder rein können, um konstruktiv zu arbeiten", wie einer von ihnen sagt, "ist das kein Problem".

Die BesetzerInnen an der Uni waren bereits vergangene Woche von Rektor Wilfried Müller aufgefordert worden, die Räume zu verlassen. Wegen "Schmierereien" im Gebäude. Eine Frist zur Räumung wurde allerdings nicht gesetzt. Wie lange man die Studierenden im GW2 gewähren lasse, dazu gebe es keinen festen Plan, sagt Uni-Sprecher Eberhard

Scholz. "Wir werden versuchen, das auf der Dialogebene zu regeln". Die BesetzerInnen selbst mögen sich nicht dazu äußern, ob und wie es nach den Ferien weitergeht. Zumindest nicht, ohne vorher im Plenum darüber gesprochen zu haben. "Ich gehe aber fest davon aus, dass die Bewegung über Weihnachten nicht träge wird", sagt Björn. "Der Protest wird sich nicht zerschlagen".

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